«Freitag» plant Produktion in Neu-Oerlikon

Wenn der «Freitag»-Neubau kommt, wird die Neu-Oerliker «Oase 50» trockengelegt. Foto: Rolf Trechsel

«Freitag» plant Produktion in Neu-Oerlikon

Das Kultur-Biotop «Oase 50» in der Barackensiedlung in Neu-Oerlikon muss einem Gewerbehaus weichen.

Rolf Trechsel

In den ehemaligen Wohnbaracken von Gastarbeitern des Oerlikon-Konzerns an der Binzmühlestrasse 170 ist in den letzten Jahren ein interessantes Gemisch von kulturellen Projekten entstanden: Die «Oase 50» mit regelmässigen Kulturveranstaltungen und Nachtessen hat sich zum Quartiertreffpunkt entwickelt. Gleich daneben befinden sich ein Zentrum für Bogenschiessen und Mentaltraining, ein Club für Dudelsackpfeifer, das Übungslokal einer Jugendband und ein Atelier für nichtkommerzielle Musik.

Dieses «Kultur-Biotop» dürfte allerdings nicht mehr lange bestehen: Die Senn BPM St. Gallen hat in diesen Tagen ein Baugesuch für ein grosses Gewerbehaus auf dem Areal eingegeben. Das Projekt der Beat Rothen Architektur GmbH sieht ein viergeschossiges Gebäude mit hohen Lager- und Produktionsräumen sowie Büroräumen vor, das punkto Gebäudevolumen dem nebenstehenden Parkhaus ähneln wird. Zwischen Parkhaus und dem neuen Gewerbehaus ist eine Rampe für die Anlieferung vorgesehen, auf dem Dach soll eine Kies- und Gartenlandschaft entstehen.

Hauptmieter «Freitag»?

Als Hauptmieter des geplanten Gebäudes steht die Freitag lab AG im Vordergrund, welche dort künftig ihre international bekannten Taschen aus Lastwagenplanen produzieren will. Über die Details will die Firma allerdings erst informieren, «sobald wir eine Zusage des definitiven Standortes haben», wie Eveline Gschwend gegenüber «Zürich Nord» erklärt.
Dass die Baracken weichen müssen, ist keine Überraschung. «Die OC Oerlikon hat den preislich sehr günstigen Gebrauchsleihevertrag von Anfang an unter dem Vorbehalt abgeschlossen, dass das Land später überbaut wird», erinnert sich Colin Arthur von der «Oase 50». Der Kultur- und Quartiertreffpunkt entstand aus der Quartierwerkstatt 2005 und fand in Neu-Oerlikon rasch grossen Anklang. Das Projekt erhielt denn auch Gelder aus dem Quartierentwicklungsfonds. Was mit dem Treffpunkt passiert, ist offen. «Wir haben Räumlichkeiten rund um den MFO-Park angesehen, doch bedingen diese ein neues Konzept für die Kultur-Oase und ein entsprechendes Engagement der Leute in unserem Verein», meint Arthur.

Bogenschiesskurse würden teurer

Offen ist auch die Zukunft des Bogensport-Zentrums. Kurt Nünlist, 20-facher Schweizer Meister und zweifacher Weltmeister im Bogenschiessen, ist zwar optimistisch, einen Ersatzraum zu finden, doch wohl nicht in der Stadt Zürich. «Die Kurse für Schulen oder für Behinderte werde ich an einem neuen Standort sicher nicht mehr zu diesen Konditionen anbieten können», bedauert Nünlist. Gerade für Jugendliche sei Bogenschiessen ein ideales Konzentrationstraining.
Kultur braucht Goodwill
Neue Räume suchen müssen auch die Dudelsackpfeifer von «The Pipes and Drums of Zürich», die Jugend-Band sowie das Atelier, das die Räume erst in den letzten Wochen umgebaut hat. Mit den wöchentlich ein bis zwei Konzerten, Lesungen und Theaterveranstaltungen wird ein jüngeres Publikum angesprochen, das Kultur jenseits des Mainstreams bevorzugt. Getragen wird das Atelier durch einen Verein mit dem sinnigen Namen «Verein Unvereinbar».

Dass nichtkommerzielle Kultur weiterhin mit Neu-Oerlikon vereinbar ist, hofft Esther Diethelm von der Gemeinwesenarbeit Zürich Nord. «Ich fände es super, wenn neue Räumlichkeiten gefunden würden, denn gerade die ‹Oase 50› hat einen beachtlichen Leistungsausweis.» Die Erwartung, dass die Stadt alle Raumbedürfnisse befriedigt, muss sie aber dämpfen. «Ich habe Kontakte vermittelt und werde das auch weiterhin tun, aber schliesslich braucht es den Goodwill der Liegenschaftsbesitzer.» Dies könnte in diesem Falle sogar «Freitag» sein: Die Firma hat sich bereit erklärt, im Juni mit den heutigen Bewohnern des Areals zusammenzutreffen. «Vielleicht lassen sich ja Produktion und Quartierkultur kombinieren», hofft Colin Arthur von der «Oase 50».