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11.01.2017 Von: Nele Fischer

Züriberg

Sip Züri macht kalte Winternächte wärmer


Sinken die Temperaturen nachts unter null, geht die Sip auf Kältepatrouille und sucht Obdachlose auf. Auf einem nächtlichen Rundgang begleiteten wir die Sozialambulanz.

Es ist bereits dunkel, als Peter Laib die Tür zu den Büros der Sip Züri öffnet. Sip steht für Sicherheit, Intervention und Prävention. Peter Laib ist Teamleiter und kann auf über zehn Jahre Sip Züri zurückschauen. Heute wird er jedoch nur als Begleitung auf der Patrouille dabei sein.

18 Uhr – Büro Sip Züri
Im Büro an der Selnaustrasse plant und bespricht die Sip die heutige Patrouille. An den Wänden hängen Karten und Merkblätter, auf denen die sogenannten «Hotspots» eingetragen sind. «Das sind Orte, die je nach Witterung und Wochentag Konfliktpotenzial haben oder an denen wir planen, vorbeizuschauen», erklärt Laib. Heute wird es in der Nacht unter die Nullgradgrenze gehen. Darum wurde eine Kältepatrouille ausgerufen, bei der die Sip Plätze in der Stadt aufsucht, wo nach ihrem Wissen Obdachlose übernachten. Auf einem anderen Blatt steht gross «Fokus». Dort werden alle Meldungen von Anwohnern oder der Polizei eingetragen, die in letzter Zeit eingegangen sind. Hier geht es darum, herauszufinden was dort los ist. Alle Anrufe, die während der Patrouillen reinkommen, werden direkt auf die Handys der diensthabenden Sip-Mitarbeiter umgeleitet. Dies erfordert eine hohe Flexibilität. «Die Anrufe haben natürlich Priorität und werfen unsere ganze Planung wieder über den Haufen», so Laib.

18.30 Uhr – Los gehts
Das blaue Sip-Büschen taucht in den Verkehr ein. Es ist Donnerstag und viel los auf den Strassen der Stadt. Am Steuer sitzt Laurent Derungs. Der 22-Jährige leistet seit einem Jahr einen Zivildiensteinsatz bei der Sip Züri. Co-Pilot heute Abend ist Duri Brehm. Bevor er vor drei Jahren zur Sip kam, arbeitete Brehm als Therapeut im Ulmenhof in Ottenbach, einer Einrichtung für umfassende Suchttherapie. «Über die Jahre wurde mir die Arbeit dort zu eng und auch zu nah zu den einzelnen Patienten. Darum schätze ich die stetige Veränderung und Freiheit bei der Sip und dass die Arbeit draussen stattfindet», erzählt Brehm. Die 63 Teilzeit-Mitarbeiter bei der Sip Züri kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen: aus dem Sicherheitsbereich, der Sozialpädagogik und dem Pflegebereich. «So sind wir breit aufgestellt, und für alle Fälle bestens gerüstet», erklärt Laib auf dem Weg zu unserem ersten Stopp, dem Pfuusbus.

18.45 – Pfuusbus
Vor dem Pfuusbus beim Strassenverkehrsamt haben sich bereits die ersten «Übernachtungsgäste» eingefunden. Drinnen werden die Matratzen bezogen und die Schlafsäcke ausgebreitet. Derungs und Brehm wollen nach einem langjährigen Klienten schauen. Er ist jedoch nicht dort. Sie erzählen, dass sie in den kalten Wintermonaten einen engeren Kontakt zu ihren sogenannten «Stammkunden » pflegen. Dann kümmern sie sich vor allem um Obdachlose, klappern Kälteplätze ab, an denen diese Menschen schlafen. Man kennt sich und schätzt den gegenseitigen Kontakt und die Hilfe der Sip. Mit den Temperaturen ändern sich auch die Einsätze der Patrouillen. «Im Sommer sind wir vor allem wegen Lärmbelästigungen, Littering und Jugendlichen unterwegs», so Brehm. Aber heute Abend ist es kalt und es stehen noch einige weitere Kälteplätze auf dem Programm. Denn sinken die Temperaturen unter den Nullpunkt, ist die Kältepatrouille bis zwei Uhr nachts im Einsatz.

19.30 Uhr – Autobahn Leimbach
Mit Taschenlampen folgen wir der Autobahn irgendwo in der Nähe von Leimbach. Hier unter einer Brücke schläft normalerweise ein Obdachloser. «Wir kennen ihn schon seit einer Weile. Wenn es besonders kalt wird, statten wir ihm einen Besuch ab, fragen ihn, ob er was braucht und ob es ihm gut geht», sagt Brehm. Die angebotene Hilfe reicht von einer warmen Decke bis zum Vermitteln einer städtischen Notschlafstelle oder, bei kritischem Gesundheitszustand, bis zum Einschalten eines Notarztes. An einem Ort kann man erkennen, dass hier jemand geschlafen hat. Steine wurden zur Seite geschoben und im Boden ist eine kleine Mulde zu entdecken. Hier direkt an den Lärmschutzwänden der Autobahn ist es windgeschützt. Doch der Klient ist heute Abend nicht hier. Vielleicht hat er bereits eine Notschlafstelle in der Stadt aufgesucht. Zumindest hoffen das Brehm, Derungs und Laib.

19.45 Uhr – Parkhaus Kreis 2
Der Geruch von Urin steigt einem in die Nase beim Betreten der Treppenhäuser. Die Wände sind vollgeschrieben. Während wir die Treppen hinaufsteigen, öffnen die Sip-Mitarbeiter hier und da die Klappen vor den Feuerwehrschläuchen. Hinter manchen verstecken hier Drogenabhängige ihre gebrauchten Spritzen. «Übernachtungsgäste » finden wir jedoch auch hier nicht. «Treppenhäuser sind beliebte Schlafplätze, denn es ist warm und geschützt», erklärt Laib. Meistens sind diese jedoch auf privaten Grundstücken. Die Besitzer dulden die Übernachtungen, so lange keine anderen Menschen darunter leiden. «Darum kommen wir an solchen Plätzen öfters vorbei, um die Lage stabilzuhalten – ein sogenannter präventiver Besuch», so Laib.

20.10 Uhr – Bäckeranlage
Auf dem Weg zum nächsten Hotspot erzählen die drei von Einsätzen, die sie nie vergessen werden. An eine Klientin kann sich Peter Laib noch ganz genau erinnern: Eine 13-jährige Drogenabhängige, die der Sip nahe der Selnauerstrasse an einem kalten Winterabend begegnete. «Ich hatte damals selber eine 13-jährige Tochter », erzählt Laib. «Ich wollte einfach, dass sie einen warmen Zmorgen bekommt und irgendwo in die Wärme kann», fügt er an. Die Sip konnte das Mädchen an eine Stelle zur medizinischen Abklärung vernetzen. «Das Bild dieses drogenabhängigen Mädchens wird mir immer bleiben », weiss Laib. «Wenn Kinder involviert sind, geht mir das auch immer nah», sagt Brehm. Gerade kürzlich wurde ein alleine gestrandeter neunjähriger Junge aus dem Irak gefunden. Die Sip vermutet, dass dieser am Stadtrand ausgesetzt worden war. Sie vernetzten den Jungen an die Asylorganisation in Zürich und begleiteten ihn auch dort hin. Angekommen an der Bäckeranlage geht die Patrouille zu Fuss weiter. Beim Vorbeigehen werfen sie einen Blick in die Züri-WCs. Drei bis vier Personen schlafen im Winter in den Chromstahl-Kammern.

20.30 – Langstrasse
Als wir in die Langstrasse einbiegen, gibt es einen lauten Knall. «Nur ein Böller. Das ist nicht ungewöhnlich für dieses Quartier», erklärt Derungs und läuft weiter Richtung Helvetiaplatz. Hier ist viel los. Manche Passanten rufen beim Anblick der drei Blaujacken «Oh, d Sip!». Sie patrouillieren ruhig weiter. Bis jetzt gab es noch keinerlei Konflikte, wo sie eingreifen müssen. Vor allem im Sommer rückt die Sip oft wegen Lärmklagen rund um die Langstrasse aus. Peter Laib glaubt, dass man dafür nicht primär die heutige Jugend verantwortlich machen darf, sondern dass dies vor allem eine Folgeerscheinung der veränderten Rahmenbedingungen ist: «Früher, als ich noch um die Häuser zog, machten alle Bars um halb eins zu. Dann nahm man den letzten Nachtbus oder Zug und ging nach Hause. Heute fangen die meisten Partys erst um halb eins richtig an.» Das eine bringe das andere mit sich. «Früher war es nicht besser; es war einfach alles geregelter», so der Sip-Teamleiter.

21.15 – Parkhaus Kreis 10
Auch in diesem Parkhaus finden die Sip-Mitarbeiter Spuren von Obdachlosen, die hier übernachten. Einer, der ihnen seit Jahren bekannt ist, hat sich hier einen richtigen Schlafplatz mit Matratze, Schlafsack und Kissen eingerichtet. Doch auch er ist bei der heutigen Patrouille (noch) nicht da. Brehm erzählt, wie es hier schon einmal eskaliert ist: «Der Klient stand unter Drogen und wurde handgreiflich. » Die Sip trägt keinerlei Waffen oder Objekte zum Selbstschutz mit sich. Pfefferspray, Schlagstock – Fehlanzeige. «Die Leute wissen das, und man begegnet sich dadurch auf einer ganz anderen Ebene. Konflikte können wir nur auf kommunikativer Ebene lösen», sagt Laib. Falls es dann doch eskaliert, können sie jederzeit die Polizei einschalten. «Jedoch bezieht uns die Polizei viel häufiger mit ein als wir sie», fügt Laib an.

22 Uhr – Wald beim Zoo
Der Sip-Bus biegt auf den Kiesweg ein, der durch den Wald beim Zoo führt. Es ist stockdunkel. Bei einem kleinen Platz mit Feuerstelle hält er an. Wir steigen aus. Auf dem Bänkli schläft eine Person. Neben seinem im Schlafsack eingehüllten Körper stehen seine Schuhe und eine PET-Flasche. Brehm beugt sich über ihn. «Ja, den kenne ich. Der ist uns auch schon länger bekannt.» Vorsichtig entfernt er sich wieder, denn er will ihn nicht aufwecken. «Er sieht gut ausgerüstet aus. In solch einen Fall intervenieren wir natürlich nicht», so Brehm.

22.20 – Zurück im Büro
Zurück im Büro an der Selnaustrasse besprechen Derungs, Brehm und Laib zusammen mit der anderen Sip-Patrouille, die im Norden von Zürich unterwegs war, ihre Einsätze. Bevor die heutige Schicht vorbei ist, erzählen die Sip-Mitarbeiter, was ihnen an ihrem Job am meisten gefällt. «Die Leute haben vielfach Freude an unserer geleisteten Arbeit. Das sind immer schöne Rückmeldungen», sagt Darko Krbanjevic, der bei der anderen Patrouille dabei war. Laurent Derungs fügt an: «Am meisten gefällt mir, dass wir nie wissen, was uns erwartet. Die Reaktionen der Menschen sind immer anders. Vielleicht beschimpfen sie dich anfangs, doch später sind sie ganz nett.» Dem kann Peter Laib nur zustimmen und ergänzt: «Menschen, denen wir wieder begegnen, sind für mich das Schönste an der Arbeit bei der Sip Züri.»



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