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25.01.2017
Zürich West

«Die Situation beim Koch-Areal hat sich glücklicherweise beruhigt»


Sepp Oswald in seinem Büro: «Der Kreischef hat besondere Aufgaben, er ist das Bindeglied zwischen Bevölkerung und Polizei.» Foto: ho.

Seit fast 45 Jahren engagiert sich Sepp Oswald bei der Stadtpolizei. Er hat das Elend der offenen Drogenszene am Letten miterlebt und leitet seit zehn Jahren die Quartierwache Altstetten. Wenn der ehemalige Spitzensportler im April in Pension geht, will er Englisch lernen und Tanzen üben.

Interview: Thomas Hoffmann

Sepp Oswald, Ihre Pensionierung kommt näher. Rücken Sie als Kreischef nun mit einem anderen Gefühl zum Dienst ein?

Ja, es ist eine gewisse Lockerheit da. Mein Nachfolger wird ab 1. Februar eingeführt, ich beziehe noch Ferien und höre Mitte April auf.

Wie macht sich die Lockerheit bemerkbar?

Ich bin allgemein gelöster und höre sogar manchmal Radio im Büro (lacht). Dazu bin ich früher selten bis gar nie gekommen. Trotzdem, die vielen Einsätze im Quartier müssen vorbereitet werden, beispielsweise jene bei Fussballspielen im Letzigrund.

Dort finden ja auch Grosskonzerte statt.

Ja, die Anlässe im Letzigrund sind eine meiner Hauptaufgaben. Das bedingt eine enge Zusammenarbeit mit dem Organisator und dem Letzigrund-Management sowie mit unseren Leuten intern. Im Vorfeld findet jeweils eine grosse Behördensitzung mit allen Involvierten statt. Ich schreibe vor den Konzerten die Dienstbefehle und erlasse damit die Aufgebote für die gesamte Polizei, die im Einsatz steht. Da bin ich federführend – und vor Ort dann fürs Parkieren, die Verkehrsumleitungen und Sperrungen.

Die Quartierwache Altstetten befindet sich mitten im Kreis 9. Den kennen Sie von Kindsbeinen an.

Ich bin hier aufgewachsen, ging im Herrlig und im Kappeli zur Schule. Daher kenne ich heute noch viele Leute. Mit 22 Jahren bin ich dann nach Urdorf gezogen.

Sie hatten eine Lehre als Möbelschreiner absolviert. War das Ihr Kindheitstraum?

(lacht) Eigentlich nicht. Ich konnte mich damals nicht entscheiden, muss ich ehrlich gestehen. Die Wahl habe ich jedoch nie bereut. Das handwerkliche Geschick hatte ich, es war aber nicht mein Traumberuf.

Hatten Sie einen? Lokiführer? Oder Polizist?

Ja, Polizist geisterte in meinem Kopf herum, aber noch nicht konkret.

Mit 20 Jahren sind zur Polizei gekommen. Die Vielfalt, die Sie gereizt hat, haben Sie tatsächlich angetroffen.

Ja, ich konnte mich in diesem Beruf entfalten. Ich habe die Polizeischule gut abgeschlossen und konnte mich nachher durchsetzen. Es gab mir Sicherheit, dass ich damals Spitzensport betrieb, es eröffnete mir ein Spektrum über die Landesgrenzen hinaus, ich erhielt jeweils frei für die Faustball-Länderspiele, für Europa- und Weltmeisterschaften. Das habe ich sehr geschätzt.

Sie waren Hundeführer, Zugführer im Ordnungsdienst, Überfallgruppenchef, haben das Büro für Veranstaltungen aufgebaut, die AJZ-Krawalle miterlebt und die offene Drogenszene. Was bleibt da in Erinnerung?

Sicher die Jugendunruhen 1980/81 und nachher die Probleme mit den Drogen auf dem Platzspitz. Während der Jugendunruhen sah ich meine Familie nur von ferne. Manchmal ging es für fünf, sechs Stunden nach Hause zum Schlafen, dann wieder in den Extradienst. Und das zwei Jahre lang. Das gäbe vermutlich einen Aufruhr, wenn man das heutzutage von den Polizisten verlangen würde. Die Situation beim Platzspitz und im Anschluss beim Letten hat mich ebenfalls sehr beschäftigt, da ich als Einsatzleiter das ganze Elend gesehen habe. Da gab es praktisch jeden Tag einen Toten, das ging an die Substanz. Der Zustand der Drogenabhängigen war eklatant schlecht, da sah man zerstochene Arme und aufgeschwollene Klumpfüsse. Diese Menschen taten mir leid, das waren ganz gravierende, schlimme Zustände.

Seit zehn Jahren trifft man Sie nun als Kreischef im Quartier: an der Albisrieder Viehschau oder an Generalversammlungen von Quartiervereinen. Das stellt man sich als Laie nicht als Polizistenjob vor.

Der Kreischef hat besondere Aufgaben, er ist das Bindeglied zwischen Gewerbetreibenden, Bevölkerung und Polizei. Daher pflege ich ein gutes Einvernehmen mit den Quartiervereinspräsidenten von Altstetten, Albisrieden und der Grünau. Ich habe auch Kontakt mit den Leitungen der drei Gemeinschaftszentren Bachwiesen, Loogarten und Grünau. Dazu kommen Örtlichkeiten wie das Freibad Letzigrund oder das Hallenbad Altstetten, wo wir gelegentlich Probleme hatten mit Leuten, die sich nicht ordnungsgemäss aufgeführt haben. Ich muss die Strömungen aufnehmen können, um die Probleme mit meinen Leuten zu lösen. Das können auch Jugendtreffpunkte sein oder Bettler, die beispielsweise vor Weihnachten am Bahnhof Altstetten ein grosses Problem waren. In den letzten Jahren kam es auch vereinzelt vor, dass bei Schulhäusern Kinder von Unbekannten angesprochen wurden, da bewährte sich die Zusammenarbeit mit der Schulpräsidentin Barbara Grisch. Solche Kontakte brauche ich, um intern die nötigen Schritte aufgleisen zu können, natürlich in Zusammenarbeit mit der Kommissariatsleitung, dem Jugenddienst, dem Kinderschutz und so weiter. Da wirke ich als Bindeglied.

Es ist also ein Vorteil, dass Sie bei der Polizei bereits die vielfältigsten Tätigkeiten ausgeübt haben?

Auf jeden Fall, ohne diese Polizeierfahrungen könnte ich nicht effizient Massnahmen in die Wege leiten.

Das besetzte Koch-Areal hat letztes Jahr stadtweit für Aufsehen gesorgt. Die Lärmklagen wurden sicher auch auf der Quartierwache Altstetten gemeldet.

Das ist so. Da ich im Kreis 9 verantwortlich bin, habe ich mit vielen Betroffenen intensive Gespräche geführt und bei uns intern weitergemeldet, wo der Schuh drückt. Und es gab ja auch viele Anrufe bei der Einsatzzentrale. Glücklicherweise hat sich die Situation nun sehr beruhigt. In den letzten Monaten hatten wir praktisch keine Beschwerden mehr.

Wie war das für Sie, wenn man so viele Lärmklagen erhält und nichts unternehmen darf?

Das war relativ schwierig. Ich fühlte mich ehrlich gesagt etwas hilflos. Die Polizei darf das Gebäude nur räumen, wenn der Stadtrat den Auftrag dazu gibt. Ich musste den Leuten erklären, dass die Stadt Zürich in den letzten 20 bis 30 Jahren eine eigene Hausbesetzungspolitik entwickelt hat. Ein Teil dieser Politik ist, dass dem sozialen Frieden zuliebe mehr Dinge toleriert werden als anderswo.

Es gibt immer mehr Pöbeleien gegen Polizisten. Merken das auch Ihre Quartierpolizisten?

Hier im Kreis 9 ist es glücklicherweise selten der Fall. Verbal kann es mal vorkommen, aber einen körperlichen Angriff gab es nie während der letzten zehn Jahre. In der City und der Ausgangsmeile im Kreis 4 und 5 ist es natürlich anders.

Früher hatten Sie Spitzensport betrieben. Wird Sport wieder ein Thema, wenn Sie pensioniert sind?

Ich werde mich sicher sportlich auf Vordermann bringen, das ist ein Ziel bei der Pensionierung, denn jetzt erledige ich sehr viele Büroarbeiten. Ich verbringe 90 Prozent der Zeit im Büro und 10 Prozent für die Einsatzleitung beim Stadion Letzigrund, der Teilnahme an verschiedensten Sitzungen und Lagerapporten sowie Abklärungen vor Ort usw. Ins Revier bin ich nur sehr, sehr selten gekommen.

Die Aufgaben nehmen im boomenden Altstetten wohl eher zu.

Wir haben das Bundestestzentrum Juchhof für Asylberwerber erhalten, den Strichplatz, den Platz für die Fahrenden und es finden ausserhalb des Stadions Letzigrund rund 100 zusätzliche Anlässe im Kreis 9 statt, deren Betreuung ich übernehmen muss. Bald entsteht in Altstetten das Eishockeystadion. Je nach Verkehrskonzept fallen da Zusatzaufgaben an, das wird mein Nachfolger wohl nicht mehr alleine bewältigen können. Dann kommt die Limmattalbahn und es herrscht eine rege Bautätigkeit, gerade ist ja das Freilager mit 1000 Wohnungen dazugekommen. Und im «Zürich West» habe ich gelesen, dass auch entlang der Bahngleise Neubauten entstehen. (lacht) Das ist übrigens die einzige Zeitung, die ich immer lese, da erfahre ich viel über meinen Kreis, das ich vorher nicht gewusst habe. Fürs «Zürich West» nehme ich mir jede Woche Zeit, auch wenn ich keine habe.

Danke für das Kompliment. Gibt es nebst dem Sport weitere Pläne für die Pensionierung?

Ja, ich möchte Englisch lernen, das lernten wir damals in der Schule noch nicht. Ich habe eine riesige Briefmarkensammlung, die schon lange brach liegt, und dann möchte ich mein Akkordeon wieder mal hervorholen. Ich hatte früher zehn Jahre im Akkordeonorchester Zürich Altstetten gespielt, nun möchte ich das Musizieren intensivieren. Ebenso das Tanzen. Ich gehe jede Woche mit meiner Frau tanzen, dieses Hobby pflegen wir schon lange zusammen, bald werden wir auch mal Zeit zum Üben haben.

Oliver Cereghetti übernimmt

Oliver Cereghetti wird der neue Kreischef 9 auf der Quartierwache Altstetten. Der 42-Jährige absolvierte 1996 bis 1998 die Polizeischule und wurde dann für zwei Jahre als Streifenwagenfahrer der Kreiswache 7 zugeteilt. Im Jahr 2000 bewarb sich Cereghetti bei der Wasserschutzpolizei, wo er für die nächsten sieben Jahre arbeitete. Danach suchte er eine neue Herausforderung und wechselte auf den 1. April 2006 in die Interventionseinheit Skorpion. «Als Einsatzgruppenleiter erlebte ich in den folgenden elf Jahren viele spannende Einsätze und sammelte wertvolle Erfahrungen», sagt Cereghetti, der mit seiner Ehefrau und seinem sechsjährigen Sohn in Otelfingen wohnt. «Nun freue ich mich darauf, am 1. Februar die Stelle des Kreischefs 9 antreten zu dürfen.» (ho.)



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