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08.02.2017 Von: Pascal Wiederkehr

Küsnachter

«Eine Fusion wäre kaum möglich»


«Die Zürcher Bibel ist für viele zu wissenschaftlich und zu schwer verständlich

500 Jahre Reformation: Der reformierte Küsnachter Pfarrer Andrea Marco Bianca sprach über die Stellung zur katholischen Kirche und darüber, ob Martin Luther und Huldrych Zwingli heute Social Media nutzen würden.

Andrea Marco Bianca, dieses Jahr wird 500 Jahre Reformation gefeiert. Muss man das als letztes Aufbäumen der reformierten Kirche verstehen?
Nein, es soll kein letztes Aufbäumen sein, sondern ein Wiederauferstehen im Sinn der Reformation. Wenn wir nur feiern würden, was vor 500 Jahren passiert ist, und nichts gegen die schwindenden Mitgliederzahlen tun würden, läge dieser Schluss aber nahe.

Was möchten Sie denn persönlich mit den Feierlichkeiten erreichen?
Für mich persönlich ist die bekannte Aussage wichtig, dass die reformierte Kirche immer wieder neu zu reformieren ist. Die 500-Jahr-Feier ist eine Erinnerung daran, dass man die Reformation nur feiern darf, wenn man die Kirche auch heute weiter reformiert.

Am Sonntag findet ein Luther-Gottesdienst statt. Ist das wirklich der richtige Einstieg, um die Leute wieder für die Kirche zu begeistern?
Wenn das der erste Anlass im Jubiläumsjahr wäre, würde ich Ihnen recht geben. Angefangen haben wir aber mit einem begehbaren Lastwagen in der Halle des Hauptbahnhofs. Während zweier Tage konnte man Filme und Geschichten zur Reformation erleben. Zudem fanden Podien statt, um den Menschen zu zeigen, worum es heute geht.

Und worum geht es?
Eine Haupteinsicht der Reformation ist, dass es zwischen den Mitgliedern der Kirche und ihrem Glauben die Pfarrerin oder den Pfarrer einzig als Hilfestellung braucht.

Wofür braucht es Sie dann noch?
Um den Menschen zu helfen, die Bibel besser zu verstehen und so ihren Glauben einfacher umsetzen zu können.

Also ist die Bibel eigentlich eine Art Ratgeber, den man auch selber interpretieren kann?
Ja. Weil die Bibel aber aus verschiedenen Büchern besteht, also quasi eine Bibliothek ist, steht in ihr auch Unverständliches und Widersprüchliches. Die Kirche bietet Hilfestellung beim Interpretieren. So hat die Reformation begonnen: Mit der Übersetzung der Bibel aus dem Latein in eine für alle verständliche Sprache.

Wie waren die zwei Tage an Ihrem Stand am Hauptbahnhof?
Es war so kalt, dass kaum Stimmung aufkam. Vielleicht typisch, da wir ja als Reformierte als eher nüchtern gelten (lacht). Wir konnten den Termin aber nicht selber wählen. Der Truck fährt von Genf nach Deutschland durch alle Städte der Reformation.

Ist trotz Kälte etwas herausgekommen?
Was wir von den Besuchern gelernt haben, ist, dass es das Grundwissen der Bibel in einer neuen Form braucht. Die Zürcher Bibel ist für viele zu wissenschaftlich und zu schwer verständlich. Grundsätzliches wie die zehn Gebote müsste man als Leitfaden mehr ins Zentrum stellen. Die Luther-Bibel ist in der neuen Form als App ein grosser Erfolg. Die neuen Medien stehen nämlich in einem spannenden Zusammenhang mit der Reformation.

Inwiefern?
Die Reformation hat das Medium Buchdruck genutzt, um die Menschen zu überzeugen. Das Gleiche müssen wir heute mit den neuen Medien wieder tun. Es geht um die Frage, wie wir die neuen Medien mit allen Facetten nutzen und so den Glauben alltagsrelevanter machen.

Ist die Kirche nicht mehr erstrangig dazu da, den Glauben zu verbreiten?
Die Kirche als Gebäude nicht mehr. Das entspricht auch dem Reformator Huldrych Zwingli. Er hat schon damals gesagt, dass der Geist Gottes nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist. In der Bibel hat Jesus draussen auf Marktplätzen zu den Menschen gesprochen. Voraussetzung ist allerdings, dass nicht irgendetwas, sondern die Wahrheit gepredigt wird. Die Reformierten mussten schon damals herausfinden, was «Fake News» gegenüber der Wahrheit sind.

Aber wieso dann Luther-Gottesdienst und nicht Zwingli-Gottesdienst?
Weil Zwingli sein Jubiläum erst 2019 hat. Er kam 1519 von Einsiedeln ans Grossmünster in Zürich. Der deutsche Martin Luther hat jedoch mit seinen 95 Thesen schon 1517 begonnen. Deshalb entschied man, die Feierlichkeiten zusammenzulegen.

Worin unterscheiden sich Luther und Zwingli genau?
Die Zürcher Zwinglikirche hat kein explizites Glaubensbekenntnis und der Gottesdienst ist schlichter. Luther blieb mit seiner Gottesdienstform der katholischen Kirche viel näher. Das will ich den Leuten im Gottesdienst aufzeigen.

Woran liegt das?
Es könnte daran liegen, dass er ein Mönch war. Zudem wollte er die bestehende Kirche umgestalten und keine neue Kirche gründen. Zwingli war ein Leutpriester, der an verschiedenen Orten Erfahrungen sammelte. Er war auch durch den Humanisten Erasmus von Rotterdam beeinflusst und stärker vom Gesellschaftlichen und Wissenschaftlichen geprägt.

Hätten Luther und Zwingli Twitter, Facebook oder Instagram benutzt?
Ja, davon bin ich überzeugt. Vor 500 Jahren haben sich die Reformatoren sehr stark auf das damals neue Medium Buchdruck gestützt. Heute würden sie demnach die aktuellen Technologien nutzen. Dazu gehören auch die sozialen Medien.

Zwingli hat die instrumentale Musik in der Kirche abgelehnt. Sie selber veranstalten immer wieder Gottesdienste mit Musik. Mögen Sie Luther deshalb lieber?
Nein, aber Zwingli bleibt für mich mit seiner Zurückhaltung im Blick auf die Musik im Gottesdienst ein Stolperstein. Denn wenn es um die Erfahrbarkeit des Glaubens geht, dann spielt Musik eine wichtige Rolle. Ich glaube aber, moderne Musik im Gottesdienst wäre heute auch im Sinn von Zwingli, wenn damit den Menschen der Zugang zu Gott geöffnet werden kann. Zwingli soll im Privaten sehr musikalisch gewesen sein.

Also haben Sie kein schlechtes Gewissen Zwingli gegenüber.
Nein. Man muss fragen, was man feiern will: Die Inhalte von damals oder warum und wie es passiert ist. Zwingli wollte nicht in erster Linie Musik zurückdrängen, sondern den Weg ebnen, damit die Menschen direkt in Kontakt mit Gott treten können. Wenn Zwingli heute mit uns am Tisch sitzen würde, könnte er die Entwicklung in den 500 Jahren nachvollziehen. Zentral ist aber, dass die Leute nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen der reformierten Tradition kommen.

Ist nicht gerade Musik und Tradition die Stärke der katholischen Kirche?
Ja. Die entscheidende Frage ist deshalb: Wie können wir als reformierte Kirche unsere Tradition attraktiver machen. Unser Vorteil ist, dass wir keine Hierarchie mit einem Papst an der Spitze haben, sondern dass bei uns jedes einzelne Mitglied die Tradition mitprägen kann. Das zu nutzen, ist eine Herausforderung. Die reformierte Kirche bietet einen Rahmen der Interpretation, die Umsetzung aber obliegt den einzelnen Gläubigen.

Die Katholiken können also mehr konsumieren, und die Reformierten müssen sich mehr mit dem Glauben auseinandersetzen.
Anders formuliert: Die Reformierten haben weniger kirchliche Vorgaben und sind im Glauben freier.

Gibt es Parallelen von der Reformation zu heute?
In der Reformation spielte die Frage der Gerechtigkeit eine wichtige Rolle. Zwingli hat sich beispielsweise für die Abschaffung des Söldnerwesens und für die Benachteiligten eingesetzt. Die Kirche soll sich deshalb auch heute für ethische Grundsatzfragen starkmachen, wenn Gerechtigkeit infrage gestellt ist. Die Einmischung in parteipolitische Tagesfragen gehört hingegen nicht zu den Aufgaben der Kirche. Die Kirche ist keine Partei, sondern für die ganze Bevölkerung da.

Was gehört dann dazu?
Die Kirche muss persönliche und gesellschaftliche Abhängigkeiten ansprechen. In der heutigen Zeit kommen diese weniger von politischen oder kirchlichen Instanzen wie noch zur Zeit der Reformation, dafür mehr von technischen Entwicklungen. In Situationen, in denen der Mensch in unserer digitalen Gesellschaft von elektronischen Geräten abhängig wird, kann er im Glauben an Gott Hoffnung und Mut für eine Lebensumstellung finden.

Und wie wollen Sie die Menschen auf diese Dienstleistung der Kirche aufmerksam machen?
Vor allem mit Angeboten über klassische Gottesdienste hinaus. Mit Benefizanlässen, Vortragsreihen wie «Essen & Ethik», aber auch neuen Formen von Kirche wie der Bahnhofs- und Flughafenkirche oder der Internetseelsorge. Auch distanzierte Mitglieder sollen sagen können: Ich bin froh, übernimmt das die Kirche und darum unterstütze ich sie weiterhin. Vieles davon ist der Bevölkerung zu wenig bewusst und soll durch die 500-Jahr-Feier bekannter werden.

Bei «Essen & Ethik» arbeiten Sie mit der katholischen Kirche zusammen. Wäre eine Fusion nicht sinnvoll?
Eine Fusion wäre kaum möglich. Themen wie die Stellung der Frau, Sexualität, Scheidung sowie die unterschiedliche Struktur mit dem Papst als Oberhaupt müssen zuerst geklärt sein, um zu wissen, wer oder was die Zukunft einer solchen Kirche prägt. Ich bin aber überzeugt, dass die Kirchen als Ausdruck einer heutigen Reformation enger zusammenarbeiten müssen, um ihre gemeinsamen Anliegen zu stärken. Es geht letztlich um das Christliche und nicht darum, welche Kirche mehr oder weniger Mitglieder hat.

Was kommt für Sie nach dem Jubiläum?
Dann folgt die Knochenarbeit. Wir müssen die Kirche neu reformieren. Neben anderen Arten von Gottesdiensten und besserer Mediennutzung geht es auch um die Inhalte. Die Auseinandersetzung mit Glaubensfragen muss verstärkt werden. Weil wir aber weniger Mittel haben, stellt sich auch die Frage, was wir weglassen müssen. Wenn zu wenige Mitglieder kommen, können wir gewisse Anlässe nicht mehr durchführen.

Was wird bleiben?
Vielleicht die Überzeugung, dass es jetzt regionale Reformationen braucht, damit die Kirche eine Zukunft hat. Zwingli hat einmal gesagt, dass die Kirchen in Höngg und Küsnacht mehr Kirche seien als alle Bischöfe und der Papst zusammen. In Höngg waren sie radikaler in der Umsetzung, in Küsnacht bedächtiger. In diesem Sinne wollen wir die Reformation auch heute lieber vorsichtiger, dafür aber nachhaltiger durchführen. Das passt zu den Gemeinden am unteren Zürichsee.



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