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08.02.2017 Von: Lorenz Steinmann

Zürich 2

«VBZ sorgen für Beibehaltung von Tempo 50»


Einigkeit sieht anders aus: Das von Nicolà Brusa (l.) moderierte Podium mit (v. r.) Pawel Silberring, Gemeinderat SP, Markus Knauss, Gemeinderat Grüne und Geschäftsführer VCS Zürich, Marc Bourgeois, Kantonsrat FDP und Verkehrsexperte, sowie Derek Richter, Gemeinderat SVP. (Foto: Lorenz Steinmann)

Erstmals legte Sicherheitsvorsteher Richard Wolff im Detail dar, warum die Stadt an Strassen mit öffentlichem Verkehr an Tempo 50 festhalten will.

Mit ziemlicher Eloquenz trat Stadtrat Richard Wolff vor die gut 200 Teilnehmer der Abendveranstaltung «Tempo 30 im Quartier». Seine Botschaft, die Stadt belasse Tempo 50 an der Rieter-, Mutschellen- und an der Waffenplatzstrasse, nahm die Zuhörerschaft dementsprechend gelassen auf. Im Gegensatz zu den Voten des anschliessenden Podiums, die für reichlich Zunder sorgten. Doch davon später.

«Klassischer Zielkonflikt»
Wolff verstand es, dem mehrheitlich Pro-Tempo-30 eingestellten Publikum Verständnis entgegenzubringen und trotzdem hart zu bleiben. Auf Vorschläge aus dem Publikum, an besagten Strassen eine Testphase einzuführen, ging er nicht ein. Zu klar ist für ihn eine Untersuchung der Stadt, die ergeben hat, dass der öV durch Tempo 30 zu fest leiden würde. Wolff: «Wir haben einen klassischen Zielkonflikt mit Interessenabwägung. Es würde mehr Fahrzeuge und mehr Chauffeure brauchen. Das kostet zu viel». Rund 18 600 Menschen im Kreis 2 seien heute Lärm ausgesetzt, der über dem Grenzwert liege, so Wolff. «Immerhin 5600 Menschen profitieren jetzt schon von Verkehrsreduktionen oder Lärmschutzfenstern», zeigte er die Erfolge der Stadt auf. Rund 15 bis 20 weitere Tempo-30-Projekte im Quartier seien durch Rekurse blockiert. «Das kann gut und gerne noch zwei bis drei Jahre dauern», stellte der 2013 überraschend in den Zürcher Stadtrat gewählte AL-Vertreter in Aussicht. In der ganzen Stadt würden dadurch zwischen 100 und 200 Projekte zur Verbesserung der Lärm- und der Sicherheitssituation gebremst. Doch eben, diese Projekte betreffen alles Nebenstrassen praktisch ohne öV. «Sollen Busse und Trams, ausser wenn sie ein eigenes Trassee haben, überall Tempo 30 fahren?», fragte Wolff rhetorisch. Und gab die Antwort gleich selber: «Ich bin nicht sicher, ob die Mehrheit das will. Wir von der Stadt vertreten eine Position zwischen den Extremen von ACS/TCS und VCS.» Immerhin informierte Wolff, dass man einen Pilotversuch plane mit Tempo 30 nachts. Darunter sei die Albisstrasse zwischen Wollishoferplatz und Morgental. Doch auch diese Idee sei momentan durch einen Rekurs blockiert. «Das ist noch Zukunftsmusik», schloss Wolff seine Ausführungen und erntete wohlwollenden Applaus.

«Missbrauch durch Autopendler»
Nun hatte Olivia Romanelli das Wort. Dass sie ein Forum erhielt, ist den Quartiervereinen Enge und Wollishofen – sie haben den Anlass organisiert – hoch anzurechnen. Denn Romanelli sprach im Namen der rund 200 Personen, die als Direktbetroffene Rekurs eingelegt hatten. Rekurs gegen den Entscheid der Stadt, an der Rieter-, Mutschellen- und an der Waffenplatzstrasse Tempo 50 zu belassen. Für die junge Familienfrau liegt das Grundproblem darin, dass die diskutierten Strassen «als Ein- und Ausfallachsen für Autopendler aus dem Aargau, aus Zug und Schwyz missbraucht werden». «Wir können die Fenster nie öffnen und die Sicherheit unserer Kinder ist nicht gegeben.» Dem Argument von Richard Wolff mit der verlorenen Zeit des öV wegen Tempo 30 widersprach sie vehement: «In den Stosszeiten steht der Bus sowieso im Stau und es entstehen Verspätungen», so Roma-nelli. Nun gab sie den Ball an Nicolà Brusa weiter, den Moderator des vierköpfigen Podiums, mit der Frage: «Wir werden wir denn vor übermässigem Lärm geschützt?»

«Wegziehen!»
FDP-Kantonsrat Marc Bourgeois meinte leicht launisch, man könne ja den Rat des Stadtrats zum Kochareal beherzigen und einfach wegziehen. «Im Ernst, wenn man an diesen Strassen wohnt, verstehe ich den Einwand», fuhr Bourgeois fort, der selber drei kleine Kinder hat, wie er später betonte. Bei Quartierstrassen könne er sich durchaus Tempo 30 vorstellen. Bourgeois: «Aber auf den Achsen, da muss es rollen, sonst gibt es nur mehr Schleichverkehr.» Für ihn sind die baulichen Massnahmen wie versetzte Parkplätze eine grosse Gefahr für Kinder. «Ich finde, Tempo 50 ist sicherer als Tempo 30», so die pointierte Meinung des Hottinger Ökonomen. Er kritisierte zudem, dass die in der Lärmschutzverordnung verankerte Wirtschaftlichkeit nicht vergessen werden dürfe. «Wir dürfen die Stärken des öV nicht aufgeben. Darum finde ich die Haltung der Stadt zu Tempo 50 gut.»
Pawel Silberring, Wollishofer SP-Gemeinderat, argumentierte bei seinen Voten pragmatisch. Er gab Wolff insofern recht, dass eine Interessenabwägung nötig sei. «Die Frage ist doch, was machen wir mit dem öV?» Man könne zum Beispiel an der Bederstrasse eine Haltestelle einsparen und schon seien die rechnerisch rund 40 Sekunden verlorene Zeit wieder aufgeholt, so der Vorschlag von Silberring. «Holen wir doch die Schilder raus und montieren sie», findet der IT-Unternehmer. «Wir können einen Versuch wagen und schauen, ob die VBZ wirklich so viele Sekunden verlieren.» Zudem redete er Richard Wolff ins Gewissen: «Die Stadt sollte nicht zu viel Angst haben, dass man das dann überall auf Stadtgebiet machen muss», versuchte Silberring den Stadtrat zu beruhigen.

Knauss bissig wie so oft
Bedeutend bissiger mit Richard Wolff ging hingegen Markus Knauss um. «Nur an acht Prozent der Zürcher Strassen will der Stadtrat das Tempo reduzieren, dabei leidet ein Drittel der Bevölkerung unter übermässigem Lärm», so der VCS-Geschäftsführer. «Das Argument mit dem öV, der Verspätung bekomme, ist eine leere Behauptung. Entweder steht der Bus im Stau oder er verliert nur ganz minim Zeit wegen Tempo 30», ist Knauss überzeugt. Man müsse die Probleme der 3000 Leute, die an der Rieter-, an der Mutschellen- und an der Waffenplatzstrasse wohnen, ernst nehmen. Knauss erinnerte zudem an fehlende flankierende Massnahmen nach dem Bau des Üetlibergtunnels. «Heute müssen die Leute hier Verkehr fressen, das geht nicht so weiter», nervte er sich. Auf der Seite von Pro-Tempo-50 votierte auch SVP-Gemeinderat Derek Richter. Der 51-jährige Seebacher erinnerte daran, dass man in Zürich Nord wegen des Flug- und Kirchenglockenlärms ganz andere Probleme habe. Zudem seien 90 Prozent des Quartierverkehrs hausgemacht. Richter: «Es gibt in Wollishofen keinen Transitverkehr.» Damit erntete er Buhrufe im Publikum. Wäre ein Klatschometer im Einsatz gewesen, also ein Gerät, um die Lautstärke des Applauses zu messen, hätten die Befürworter von Tempo 30 über die gesamten 90 Minuten gesehen obenausgeschwungen.
In der Saaldiskussion erwähnte ein Velofahrer, dass Tempo 30 mehr Sicherheit für die Zweiräder bedeute. Ein Hausbesitzer monierte das «perverse System», dass er nun vorgeschriebene Lärmschutzfenster zum grössten Teil selber bezahlen müsse. Auf eine Publikumsfrage, dass die Geschwindigkeit sowieso oft nicht eingehalten werde, sagte Richard Wolff, dass man dies melden könne. «Wenns nötig ist, stellen wir mobile Radarstationen auf», so Wolff. Als das «ewige» Thema «quietschende Trams» angesprochen wurde, leitete Martin Bürki, Wollishofer Quartiervereinspräsident, zum offerierten Apéro über. Als Fazit bleibt: Die Auslegung der Umweltschutzgesetzgebung ist subjektiv. Seit der Lead im Tiefbauamt von Ruth Genner (Grüne) zu Filippo Leutenegger (FDP) gewechselt hat, hat auch der Wind gekehrt. Das ist aber ein legitimer politischer Entscheid. Die nächsten Wahlen finden am 4. März 2018 statt.

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Tempo 30? Kein Grundsatzentscheid

«Tempo 30 auf ÖV-Strecken ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen, es wurde schon auf zahlreichen Strecken mit öV Tempo 30 im Tagblatt publiziert, im Kreis 2 beispielsweise in der Leimbachstrasse, der Kalchbühlstrasse und der Brandschenkestrasse», sagt Martin Guggi, Vizedirektor der Dienstabteilung Verkehr, auf Anfrage. Ob auf einer Strecke mit öV Tempo 30 eingeführt werden könne, sei von verschiedenen Faktoren abhängig. Kritisch werde es insbesondere dann, wenn aufgrund der Verlustzeiten der Fahrplan nicht mehr eingehalten werden könne und ein zusätzliches Fahrzeug eingesetzt werden müsse. (ls.)



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