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16.02.2017 Von: Lisa Maire

Züriberg

«In Sachen Literatur bin ich promiskuitiv»


Keine Lust, sich auf Lorbeeren auszuruhen: Literaturvermittler Charles Linsmayer. (Foto: Manfred Utzinger)

Der Zürcher Germanist Charles Linsmayer macht als Herausgeber seit bald 40 Jahren vergessene Schweizer Literatur wieder neu zugänglich. Für sein einzigartiges Engagement erhält er nun im Rahmen der Schweizer Literaturpreise 2017 den Spezialpreis Vermittlung zugesprochen.

Als Höhepunkt seiner Arbeit will Charles Linsmayer den Preis des Bundesamts für Kultur nicht verstanden wissen. Das macht er im Gespräch mit dem «Züriberg» schnell klar. Er sei sicher eine sehr schöne Anerkennung für seine langjährige herausgeberische Tätigkeit – eine «Arbeit in der Stille, im Hintergrund», betont er. Aber an seinem Arbeitsalltag ändere der Preis gar nichts. Der Journalist und Literaturhistoriker sitzt am Tisch in seiner Hottinger Altbauwohnung und lächelt. Er hat keinesfalls vor, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. «Auch wenn ich im Lotto eine Million gewinnen würde, bliebe alles gleich», versichert er. Einfach, weil seine Arbeit sehr viel Freude und Sinn mache. Kürzertreten? Das Arbeitspensum reduzieren? Einem versessenen Germanisten und Publizisten, einem Literaturfreund, der schon als Schuljunge seine Freizeit am liebsten in der Welt der Bücher verbrachte, darf man diese Frage nicht stellen. Auch wenn er heute nicht mehr unbedingt an sechs Buchprojekten gleichzeitig dran ist, sondern vielleicht nur noch an zwei oder drei . . .

Zu Linsmayers Lebenswerk gehören bisher weit über 100 Bände mit Neuausgaben von Werken (meist) verstorbener, bekannter und unbekannter Autorinnen und Autoren aus drei Sprachregionen der Schweiz. Von Friedrich Glauser, Robert Walser oder Lore Berger bis zu Maurice Chappaz und Orlando Spreng. Eben ist unter dem bekannten Label «Reprinted by Huber» Band 33 herausgekommen: die Roman-Tetralogie «Das Menschlein Matthias» des Thurgauer Autors Paul Ilg. Linsmayer springt auf vom Tisch zum Bücherregal, schafft den 800-seitigen Band herbei. Er ist so dick, dass ihn zwei Frauenhände kaum umfassen können. Allein das Nachwort, in dem er Leben und Werk des Autors – mitsamt zahlreichen Fotos – aufgearbeitet hat, ist 80 Seiten stark. «Und in kleinerer Schrift gedruckt wie immer», merkt er an. «Es wirkt dann nicht so aufdringlich.»

«Den Germanisten laufen lassen»

Linsmayers Biografien zu den neu aufgelegten Büchern erscheinen stets als Nachwort, als Kommentar. Ein Vorwort, das erschiene ihm zu respektlos gegenüber dem Text des Autors. So bescheiden das klingen mag: Der Stellenwert seiner Arbeit ist ihm natürlich sehr wohl bewusst: Seine Bücher seien eigene kleine Literaturgeschichten, sagt er. «Viele lesen zuerst die Biografie, dann vielleicht auch noch das Buch.» Und schon springt er wieder zum Bücherregal, kommt mit «Erste Liebe», dem 2010 erstmals vollständig auf Deutsch übersetzten einzigen Roman der Genfer Philosophin Jeanne Hersch zurück. Auf diese Publikation sei er stolz, sagt er. Denn sein Nachwort enthalte neben der «ersten authentischen Jeanne-Herrsch-Biografie» auch manche noch nie gesehenen Fotos der berühmten Denkerin. Die Resonanz auf den schmalen Band war gross und «grenzüberschreitend». Aus Deutschland etwa schickten unter anderen Bundespräsident Joachim Gauck und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschann anerkennende Briefe.

«Literarische Biografien aufzuarbeiten, das ist für mich grundsätzlich etwas Wunderbares», strahlt Linsmayer. «Ich kann dann den Germanisten einfach laufen lassen.» Sein besonderes Verdienst geht aber über die akademische Arbeit hinaus. Es besteht in seinem Talent, sein fundiertes literaturgeschichtliches Wissen einem breiten Publikum nachvollziehbar vermitteln zu können. Ob dies nun durch seine Editionsarbeit, seine Buchbesprechungen, Lesungen, Autorengespräche oder Ausstellungen geschieht.

Angewandte Literaturwissenschaft

«Ich verstehe mich als Vertreter von etwas, das es eigentlich gar nicht gibt – als angewandten Literaturwissenschaftler», erklärt Linsmayer. Er wende sein Know-how an, um in der Öffentlichkeit eine Bresche zu schlagen für Schweizer Autorinnen und Autoren. Seine Publikationen und besonders seine Literaturveranstaltungen werden denn auch von einem nichtakademischen Publikum sehr geschätzt. Andererseits, so Linsmayer, habe er von einem Literaturprofessor mal zu hören bekommen, seine Arbeit sei «eine Gratwanderung zwischen Journalismus und Wissenschaft». Linsmayer lächelt. Die Kritik hat nicht an seinem Verständnis von Literaturvermittlung gerüttelt: Sie muss Spass machen – wie etwa seine «Hottinger Literaturgespräche», die nun nach fünf Jahren und «35 wunderbaren Abenden» (Linsmayer) am 27. Februar zu Ende gehen.

Weiterer Glanzpunkt Linsmayerscher Literaturvermittlung: seine Ausstellung zum Leben und Werk des Zürcher Autors Kurt Guggenheim (1896–1983) vor zwei Jahren im Museum Strauhof. Die Ausstellung sei nicht nur sehr gut besucht gewesen, viele Besucher hätten darüber hinaus seine achtbändige Guggenheim-Werkausgabe aus dem Strauhof getragen, schmunzelt der Herausgeber. Um sogleich zu relativieren: Auch wenn die Guggenheim-Bücher – eine Art Zürcher Chronik – Longseller seien, mit Neu-Editionen lasse sich allgemein kaum Geld verdienen.

Stets subjektive Entscheide

Bleibt die Frage: Wie muss die Nase eines Herausgebers ausgestattet sein, um solche Trüffeln zu finden? Linsmayer runzelt die Stirn. Er schätzt den Vergleich mit einem «literarischen Trüffelschwein» («Sonntagszeitung») nicht besonders, schon weil er Trüffel nicht mag. Seine Entdeckungen seien einfach «die Frucht einer langjährigen Auseinandersetzung mit der Schweizer Literaturgeschichte». Ob ein vergessenes Werk eine zweite Chance erhält – das sei aber stets ein subjektiver Entscheid. Es gebe dafür keinen Raster mit wissenschaftlichen Kriterien, die es zu erfüllen gelte. «Literatur ist etwas Lebendiges. Manches spricht einen aus Gründen an, die man gar nicht unbedingt benennen kann.» Manchmal stehe für ihn nicht mal unbedingt die literarische Qualität eines Werks im Vordergrund, fügt er an. Sondern vor allem die Autorenbiografie, die Frage, wie ein schriftstellerisches Werk zustande kam und was es zu seiner Zeit auslöste. Wie etwa im Fall der Autorin und Abenteurerin Annemarie Schwarzenbach (1908–1942) und ihres Buches «Das glückliche Tal» oder auch des Schriftstellers Jakob Vetsch, der 1924 mit seiner gesellschaftspolitischen Utopie «Die Sonnenstadt» so grenzenlose Empörung auslöste, dass er nach Liechtenstein flüchten musste, um einer Einweisung in die Psychiatrie zu entgehen.

«Gerechtigkeit nach rückwärts»

«Mein Problem ist ein wenig», witzelt Linsmayer, «dass ich in Sachen Literatur promiskuitiv bin. Es gibt einfach sehr viele Schweizer Autorinnen und Autoren, die ich gernhabe, die mir ans Herz gewachsen sind, deren Leben und Werk mich echt berühren.» Als Herausgeber treffe man aber unter Umständen «einsame Entscheide, die nicht immer von allen verstanden werden», gesteht er. Umso mehr freut er sich über das Lob des 1989 verstorbenen Germanisten und Schriftstellers Hermann Burger, der in einer Radiosendung über ihn sagte, mit seinen Neu-Editionen leiste er «ausgleichende Gerechtigkeit nach rückwärts».

 

Ein Leben für die Literatur

Charles Linsmayer, 1945 in Kilchberg geboren, studierte Literaturwissenschaft in Zürich und Berlin. Nach seiner Dissertation arbeitete er als Gymnasiallehrer, Verlagslektor und Journalist, spezialisierte sich dabei auf die Literatur- und Kulturgeschichte der Schweiz. Sein herausgeberisches Werk umfasst die 30-bändige Edition «Frühling der Gegenwart» (1980–83, Ex Libris), das 35-bändige «Weisse Programm Schweiz» (1989–90, Suhrkamp), die seit 1987 erscheinende bisher 33-bändige Reihe «Reprinted by Huber» sowie zahlreiche Einzeleditionen. Dazu kommen Anthologien, Autorenbeiträge für Literaturlexika, zahllose journalistische Arbeiten vor allem für den «Bund» und die «NZZ am Sonntag». Daneben organisierte Linsmayer immer wieder viel beachtete literarische Ausstellungen, engagierte sich unter anderem als Präsident des Trägervereins des Literaturhauses Basel, im Organisationskomitee des Genfer «Salon du livre», in der Programmkommission und im Vorstand der Solothurner Literaturtage. Seit 2010 leitet er zudem das Projekt «Neue Pestalozzi-Schüleragenda».
Für seine Arbeit wurde Linsmayer bereits mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem erhielt er 1987 den Preis des Schweizer Buchhandels für seine «Literarischen Kalenderblätter», 2007 den Deutschen Sprachpreis und 2008 den Oertli-Preis für seine Verdienste um die Vermittlung zwischen den Schweizer Sprachkulturen. Nun kommt der Spezialpreis Vermittlung dazu, den das Bundesamt für Kultur alle zwei Jahre im Rahmen der Schweizer Literaturpreise verleiht. (mai.)



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