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01.03.2017 Von: Lorenz Steinmann

Zürich 2

«Die Hölle? Für mich war der Papstbesuch die Hölle»


Gespräch im Turmgeschoss im St. Peter in 42 Meter Höhe. Hier finden im Reformationsjahr 2017 insgesamt acht Turmgespräche statt. Am 20. Februar u. a. mit dabei: David Guggenbühl, Kirchenpflege St. Peter, Peter Kastenmüller, Direktor des Theaters Neumarkt, Gabi Kisker, Kirchenpflege St. Peter (v. r.). (Foto: Lorenz Steinmann)

An den zweiten Turmgesprächen zu St. Peter war unter anderen der umstrittene Theatermacher Peter Kastenmüller («Entköppelung») zu Gast.

«Ich danke der Religion. Denn durch sie habe ich gelernt, zu widersprechen. Ich lehnte mich früh gegen die Kirche auf und darum auch gegen die Staatspartei, die CSU», beginnt Peter Kastenmüller seine Worte an die zehnköpfige Runde im Dachgeschoss der Kirche St. Peter. Der Chef des Theaters Neumarkt ist heute zu Gast bei der zweiten Veranstaltung von «Religion: Himmel oder Hölle», die achtmal jeweils am 20. des Monats hier oben stattfindet.

«Im Himmel fehlen interessante Menschen»
Kastenmüller, der das Theater Neumarkt seit vier Jahren leitet, ist in Bayern aufgewachsen und war in seiner Jugend Ministrant, also Messdiener. «Für mich war das Münchner Olympiastadion die Hölle, beim Papstbesuch 1980», erinnert sich der heute 47-Jährige. «Ich kenne viele Leute, die physische Gewalt erlebten durch die Kirche. Ich habe mich – auch darum – verabschiedet von der Kirche. Ich werde die Bilder aber nicht los, die mir die Kirche früher gab», bekennt Kastenmüller. Dabei sei ihm das Höllenbild viel näher. Er zitiert dazu den Philosophen
Friedrich Nietzsche: «Hat man bemerkt, dass im Himmel fast alle interessanten Menschen fehlen?» – So ist für den Kulturschaffenden Kastenmüller der Konflikt vorprogrammiert – zumindest bei der Schauspielerei, denn der Himmel sei längerfristig schrecklich. Das Überraschende, Böse fehle. Peter Kaastenmüller, dessen Theater vor einem Jahr Schlagzeilen machte mit der inszenierten «Entköppelungsaktion», gibt sich selbstkritisch. «Wir haben grosse Mühe, für Relevanz zu sorgen.» Da sei man gleich dran wie die Kirche. «Unsere Zukunft muss partizipativ und vermittelnd sein. Ich rede mit rund 50 Prozent der Leute, die ins Theater kommen», erklärt Kastenmüller freimütig. Er beobachtet, dass sein Theaterpublikum nach rund eineinviertel Stunden beginnt «herumzurutschen». «Es zeigt Tendenzen von ADHS. Die Leute kommen oft mit falschen Erwartungen», konstatiert er.
«Höllenangst» ist weg
Gilt das auch für die Kirche? Einig ist man sich in der Runde, dass die Kirche nicht mehr hilft, der Hölle zu entkommen Die Angst der Gesellschaft, in die Hölle zu kommen, sei völlig weg. Auch die Hölle als religiöses Thema sei aufgegeben worden. Die Sehnsucht nach dem Himmel, dem Paradies, ebenso verblasst, weil es uns zu gut geht. «Die Relevanz ist weg», so David Guggenbühl, Vizepräsident der Kirchenpflege St. Peter und Mitorganisator der Turmgespräche. Doch halt, und hier hakt die klinische Psychotherapeutin Annina Hess-Cabalzar ein: Wenn der eigene Tod spürbar sei, «dann kommen die klassischen Ängste und Bilder wieder hervor, auch bei jungen Leuten. Die Angst vor dem Tod ist riesig.» Christian Hess, lange Jahre Chefarzt im Bezirksspital Affoltern am Albis, stellt die rhetorische Frage, wie man denn der Angst begegne? «Leider nutzt die Medizin nur Psychopharmaka. Dabei analysierte der Philosoph Sören Kierkegaard den Begriff Angst sehr treffend», ist Christian Hess überzeugt. Laut Kierkegaard (1813–1855) ist der Mensch eine Synthese aus Seelischem und Körperlichem. Doch eine Synthese ist nur denkbar, wenn sich die beiden Teile in einem Dritten vereinen. Dieses Dritte ist der Geist. Wie verhält sich der Geist zu sich selbst und zu seiner Bedingung? Er verhält sich als Angst, so die Zusammenfassung des entsprechenden Reclam-Bandes. «Dieses Essay müsste jeder Mediziner lesen», fordert Christian Hess, der Mitbegründer des «Modells Menschenmedizin» – zusammen mit seiner Frau Annina Hess-Cabalzar. Dieses Modell will den patientenorientierten, vernetzten Therapie- und Heilungsansatz fördern und kämpft zum Beispiel gegen die «Ökonomisierung am Patientenbett». Diese rationale, monetäre Betrachtung rückt, wenn auch ungewollt, für Theaterleute wie Peter Kastenmüller ebenfalls immer mehr ins Zentrum – wie für die Kirche. Weniger Besucher, weniger Einnahmen, weniger Einfluss.

«Keine Antworten, nicht einmal mehr Worte»
Doch gegen diese Tatsache helfe nicht Verdrängen, sondern das neue Aushandeln ist die durchaus kämpferische Stossrichtung in der Diskussion. Die Kirche sei immer noch richtig gut – bei klassischen Ritualen wie Beerdigungen. «Doch sonst haben wir keine Antworten, und Worte fehlen uns auch immer häufiger», stellt Martin Peier fest. Er ist immerhin Geschäftsführer des reformierten Stadtverbandes Zürich, der seit 2014 daran ist, die 34 Kirchgemeinden Zürichs zu fusionieren. «Wir müssen mutiger sein, auch einmal etwas Politisches tun», so Peier. Wie das Theater müsse die Kirche mehr Inszenierungen wagen. Doch zurück zu den Begriffen Himmel/Hölle, zum Motto «Religion: Himmel oder Hölle». «Was ist die Hölle? Ist es Segen oder Fluch? Es kommt immer auf die Sichtweise an», findet Peier. Der Psychologe Norman Wunderle fällt ein hartes Urteil: «Die Religion als solche ist die Hölle, weil wir uns deswegen umbringen.» Das sind klare Worte, die auch nach Jahrhunderten mit Religionskriegen – leider – nichts an Aktualität eingebüsst haben.

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Die achtteilige Diskussionsrunde im Turm der Kirche St. Peter – jeweils am 20. des Monats – steht unter dem Motto «Religion: Himmel oder Hölle». Sie will den Reformator Erasmus von Rotterdam würdigen und die gesellschaftliche Stellung der heutigen Kirche thematisieren. Neben St.-Peter-Pfarrer Ueli Greminger liefert jeweils eine Person längere Input-Gedanken, diesmal Peter Kastenmüller vom Theater am Neumarkt. (ls.)



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