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01.03.2017 Von: Benny Epstein

Zürich 2

Kolumne: Schweigen ist Gold


Benny Epstein ist Journalist und lebt in Wollishofen. Er hält es wie Beni Thurnheer: «Reden ist immerhin Silber.» (Foto: zvg)

In der heutigen Kolumne sucht Benny Epstein die versteckte Kamera.

Was für eine törichte Idee von mir. Keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin. Reden?! Wieso denn auch?
Wir, ein guter Freund und ich, sind zum Dinner eingeladen. Ein kleines, hübsches Lokal am Zürichsee. Heute Abend ist es exklusiv für diese – unsere – Gesellschaft reserviert. Der Gastgeber weist uns an
einen Vierertisch, der zur Hälfte bereits besetzt ist. An den beiden Fensterplätzen sitzen sich nämlich zwei junge Ladies gegenüber.
Zwischen 25- und 30-jährig, schätze ich und hoffe, damit nicht ganz daneben zu liegen. Sonst tut’s mir leid. Wobei, nein, tut’s mir eigentlich nicht.
Als wir am Tisch ankommen, sind die beiden ins Gespräch vertieft. Doch kann man deshalb wirklich übersehen, dass sich zwei neue Personen an den Vierertisch gesellen? Die Damen würdigen uns keines Blickes. Wir zucken mit den Schultern und setzen uns.
Fünf Minuten später kann ich nicht mehr anders. Ich unterbreche das Gespräch, strecke diagonal über den Tisch meinen Arm aus: «Hoi, Benny», eröffne ich die Vorstellungsrunde. Sie drückt meine Hand und verrät ihren Namen. «Freut mich sehr», antworte ich mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. Der Teufel in mir überredet mich beinahe zu einem: «Sorry für die Störung!», doch er verliert den Kampf knapp.
Auf die gleiche Weise stelle ich mich der Dame vor, die rechts von mir sitzt. Mein Gegenüber tut es mir gleich, um danach das Glas zu heben. Wir stossen auf einen schönen Abend an. Zum Wohl!
Von da an entwickelt sich ein
lockeres Gespräch – zu zweit.
Obwohl wir alle vom gleichen Gastgeber eine Einladung erhalten haben und das Dinner in ziemlich intimem Rahmen stattfindet, pfeifen die zwei auf jeglichen sozialen Austausch.
Ich wähne mich im falschen Film, suche die versteckte Kamera. Einen solchen Streich würde ich dem Gastgeber nämlich zutrauen. Ich suche vergeblich.
Der Wein wird nachgeschenkt. Ich versuche, den Augenblick zu nutzen, will das Glas meiner Tischnachbarin nehmen. Sie hält es zurück. «Für mich nicht.» Kein Danke, kein Bitte.
Was läuft hier eigentlich schief? «Magst Du den Wein nicht», frage ich pseudo-interessiert. Sie antwortet: «Bei der Arbeit trinke ich nicht.» Auf mein Nachhaken verrät sie mir ihren Arbeitgeber – Bingo! Auch ich habe schon bei demselben gearbeitet. Hiermit ist das Gespräch eröffnet.
Glaubte ich. Glaubte ich fälschlicherweise.
«Was machst Du denn im Unternehmen? – «Ich arbeite da.» – «Wen könnte ich von damals noch kennen?» – «Weiss ich doch nicht.»
Zugegeben, das kann sie wirklich nicht wissen. Dumme Frage. «Arbeitest Du schon lange da?» – «Das ist Ansichtssache.»
Stimmt natürlich auch wieder. Mein Kollege kann sich das Lachen kaum mehr verkneifen. Er hat es wohl meinem Tritt gegen sein Schienbein zu verdanken, dass er nicht laut losprustet.
Ich nehme an, werte Leserinnen und Leser, Sie warten nun auf des Rätsels Lösung.
Sorry, darauf warte ich – auch heute noch. Ich kann es versprechen: Ich hatte weder Mundgeruch noch Achselschweiss oder Pickelalarm.
Noch vor dem Dessert verlassen die beiden Damen das Lokal. Selbstverständlich, ohne sich zu verabschieden. Weder bei uns noch beim Gastgeber.
Schade, so können wir nicht mal die Telefonnummern austauschen, um das heitere Gespräch bei nächster Gelegenheit wieder aufzunehmen.
Macheds guet, hät mi gfreut!

Benny Epstein ist Journalist und lebt in Wollishofen. Er hält es wie Beni Thurnheer: «Reden ist immerhin Silber.»



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