Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich
02.03.2017 Von: Roger Suter

Küsnachter Amtlich

Vom Postkartenidyll zum Geheimtipp


«Schweizweit einmalig», finden die Buchautoren im Erlenbachertobel die schnelle Abfolge von tiefen Giessen und glattem Bachbett. Foto: Michel Brunner

Zürich ist mehr als ein Kanton mit See und Agglomerationsgürtel. In seinen Tobeln trifft man ursprüngliche Wildnis an – teilweise unweit der Haustür.

Wirkliche Wildnis zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass man sie unerwartet antrifft. Und auf der Anreise ins Sagentobel zwischen Schwamendingen und Dübendorf deutet tatsächlich nichts darauf hin, wo ich mich gleich durchschlagen werde: Aus dem unterirdischen Bahnhof Stettbach führt der hinterste Treppenaufgang inzwischen nicht mehr mitten auf die grüne Wiese, sondern auf die Südseite der verlegten Dübendorferstrasse, die ennet der Stadtgrenze dann Zürichstrasse heisst. Auch der Sagentobelbach, dem ich dann folge, verläuft ruhig in seinem vorbereiteten Bett Richtung Allmend und Sportplatz Heerenschürli. 
Ich aber wandere bachaufwärts durch den versteckten Weiler Stettbach und treffe beim Gfellergut auf meine Begleiter, Ueli Brunner und seinen Sohn Michel, beide wie ich ausgerüstet mit Regenschutz, Rucksack und Wanderschuhen – und das im flachen Mittleren Glattal. 
Doch schon kurz nach dem Hof wird es zum ersten Mal eng: Ein verwinkelter Zaundurchlass ermöglicht Wanderern die Passage, verweigert sie aber den Kühen. Zu sehen sind an diesem verhangenen Mittwochnachmittag aber weder die einen noch die anderen. Auf dem Weg zum Tobel erzählt Michel Brunner von ihrem Buch, das in den vergangenen rund sechs Jahren entstanden ist. Dafür haben Vater und Sohn über 200 Tobel – es gäbe sogar noch mehr – im Kanton Zürich erwandert. Sie sind beide passionierte Wanderer und vom Wasser angetan. Vater Ueli, 69 und wohnhaft in Glattbrugg, ist in Schwamendingen gross geworden und war deshalb schon als Kind oft in den Wäldern und auch im Sagentobel unterwegs. Diese Freude am wenig Berührten hat den «Bürogummi » bis heute nicht losgelassen und ihn in fast alle markanten Taleinschnitte des Kantons – und darüber hinaus – geführt. 
Sohn Michel lernte Grafiker und entwickelte auf den Wanderungen eine Leidenschaft für Bäume – die grössten, dicksten, ältesten vermass und fotografierte er. So entstand das europaweit grösste Bauminventar und fünf Bücher über Baumriesen, dem nun ein sechtes über die Tobel folgt, die er manchmal allein, manchmal mit seinem Vater erkundete.

Kartengruss aus dem Tobel 
Auf die früher grosse Bedeutung von Tobeln stiess Michel durch alte Postkarten: Dort sind stets ja Sehenswürdigkeiten abgebildet, und vor rund 100 Jahren scheinen das auch Tobel gewesen zu sein: «Es gibt sogar mehrere Karten mit dem Sagentobel als Sujet, mit einem Fussweg, dem Brunnen, vornehmen Damen und Herren, die hier wandelten», erzählt Michel. Das sei damals einfacher gewesen als heute, weil gut ausgebaute Spazierwege, Stege und Brücken mit hölzernen Handläufen bis unter den Giessen, den Wasserfall weiter oben, führten. Mit dem Vergessen dieser Wasserwunder ging später meist auch der Verlust der Erschliessung dieser Tobel einher. 
So heisst es nun, vom befahrbaren Feldweg abzuweichen und ins Bachbett hinabzusteigen. Auch das ist keine Erfindung abenteuerlustiger Pfadfinder, sondern war früher gang und gäbe, um schwieriges Gelände zu durchqueren: Ein tief ausgewaschenes, flaches Bachbett ist immer noch angenehmer als ein steiler Aufstieg im Wald. 
Kaum im Bach glaubt Michel, einen vorbeifliegenden Vogel bemerkt zu haben. «War das eine Wasseramsel? », will er vom Vater wissen. «Ein sehr ausgefallener Vogel», erklärt er mir. «Er schwimmt und taucht, um an seine Beute – Wasserinsekten, Flohkrebse, Wasserschnecken und Spinnen – zu kommen.» Allerdings führt der Sagentobelbach heute so wenig Wasser, dass der Vogel stehend danach picken könnte. 
Dann zeigt Michel auf eine Steinplatte, auf der jemand imaginäre Kontinente gezeichnet zu haben scheint. «Dunkle Algen auf dem hellen Kalkstein bilden etwas, das aussieht wie eine Landkarte.» Überhaupt ist der Grund des Tobels interessant: Rote Ackersteine, die der Linth- Rhein-Gletscher vor 10 000 Jahren hierhertrug, bunte und unterschiedlich harte Gesteinsschichten, durch die sich der Bach schneller oder langsamer gegraben hat, bilden Stufen, Terrassen und unter den Wasserfällen kleine Badegelten. «Sind diese kreisrund und tief, kann es sich auch um eine Wassermühle handeln: Ein Stein wird vom fliessenden Wasser so lange gedreht, bis er sich selbst in den Boden eingegraben hat.» Am Wildbach in Rorbas – ebenfalls im Buch beschrieben – sind sie derart tief, dass ein Erwachsener darin stehen und verschwinden könnte.

Freude am Regen 
Weiter oben ist Klettern angesagt, denn hier springt der Sagentobelbach mühelos über einen Giessen, während wir umständlich hochklettern – um oben auf einen quer liegenden Baum zu stossen. Doch auch tote Bäume gehören zu einem lebendigen Tobel. Gefahr droht dem Sagentobel übrigens von oben: Wenn die Zooseilbahn komme, werde das darunterliegende Sagentobel leiden, befürchtet Michel. «Das ist eines Zoos, der vorgibt, die Natur zu schützen, nicht würdig», findet er. Seinen Namen hat das Sagentobel wohl von einer Säge, die mit Wasserkraft betrieben wurde, unterhalb des «Chlösterlis» beim Zoo stand und damals tatsächlich zum Kloster Zürichberg gehörte. 
Inzwischen hat Regen eingesetzt – was die beiden Tobelentdecker gar nicht stört, im Gegenteil: «Die Fotos werden schöner, wenn mehr Wasser über die Steine rauscht», weiss Michel. «Wir sind wohl die einzigen Wanderer, die sich über Regen freuen », ergänzt Ueli. Wir erreichen den nächsten Giessen – gut zwei Meter hoch und überhängend und damit zuviel für mich als Gelegenheitswanderer. Dafür findet Michel im Schatten daneben ein interessantes Felssediment, das Eisen enthalten muss: Im Licht seiner mitgebrachten Lampe leuchtet es Orangerot. 
Auch einige seiner Fotos sind mit Kunstlicht ausgeleuchtet, um die verborgenen Schönheiten der Zürcher Tobel zu erhellen. Und es empfiehlt sich auch für den Nachwanderer, neben wasserdichten Schuhen auch tagsüber eine Taschenlampe mitzunehmen – um ja nichts zu verpassen.



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