Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich
08.03.2017 Von: Lorenz Steinmann

Zürich 2, Züriberg

Knatsch um Bar in der Neuen Börse


«Hier wohnen sehr wohl Leute», heisst es von den Selnauer Bewohnern. Dabei nimmt man Bezug auf anderslautende Einschätzungen der Stadt Zürich, die sogar in Rekursschriften des Stadtrats verwendet werden. (Foto: Lorenz Steinmann)

Nach der vom Stadtrat bewilligten Verlängerung der Öffnungszeiten einer Bar im Selnauquartier gehen Anwohner auf die Barrikaden.

Rund 150 Unterschriften sind im kleinen Selnauquartier gegen die vom Stadtrat bewilligte Verlängerung der Öffnungszeiten der Wallstreet-Bar an der Selnaustrasse 30 zusammengekommen. Und siehe da: Diese Petition und die vier Einsprachen, die mittlerweile vom Baurekursgericht des Kantons Zürich behandelt werden, haben den jetzigen Barinhaber bewogen, die Lokalität per sofort zu schliessen. Dies hat er auf Anfrage von «Zürich 2» preisgegeben. Doch weil die Bewilligung an die Liegenschaft und nicht an den Gesuchsteller gebunden ist, ist das Problem für die Anwohner noch nicht vom Tisch, wie sie am Montag betonten. Denn die Bewilligung «für 7 Tage Freinacht», wie die Gegner die Ausweitung der Öffnungszeiten bezeichnen, würde auch für die neue Besitzerin der riesigen Börsenräumlichkeiten gelten. Im Frühling 2018 will die EF Education First hier mit rund 1000 Mitarbeitenden einziehen. Die EF, welche auf Sprachreisen und Bildungsangebote spezialisiert ist und als weltweit grösster Spartenvertreter gilt, hat das Gebäude von der kantonalen Pensionskasse BVK im Baurecht übernommen. Hier soll deren weltweites Hauptquartier entstehen.

«Kein leises Quartier»
Warum denn wehrt sich das Quartier so vehement? «Das Selnau ist ein buntes und sehr lebendiges Quartier», erklärt die Journalistin Liz Sutter, eine der vier Personen, die gegen die verlängerten Öffnungszeiten Rekurs eingelegt haben. Sutter: «In dem kleinen Gebiet drängen sich Wohnen und Gewerbe, mehrere soziale Einrichtungen sowie ein Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen. Tagsüber fliesst der Verkehr fast pausenlos, die Gassen werden als Schleichwege und für die Parkplatzsuche benutzt. Leise ist es hier nicht. Zudem hat es bereits mehrere Restaurants und Bars, die teilweise bis um 2 Uhr offen sind. Da braucht es nicht noch ein Lokal, das von Sonntag bis Donnerstag bis 4 Uhr resp. Freitag und Samstag die ganze Nacht geöffnet ist.» Mit Erstaunen haben die Anwohnenden deshalb vernommen, dass der Stadtrat diese Öffnungszeiten, die faktisch sieben Tage Freinacht bedeuten, bewilligt hat. Sutter, die seit über 26 Jahren nur etwas mehr als 100 Meter von der umstrittenen Wallstreet-Bar in der Neuen Börse entfernt wohnt, hat nun eine Petition gegen diese Öffnungszeiten lanciert, um zu zeigen, dass hier Menschen leben; Familien mit Kindern, Berufstätige, die früh zur Arbeit gehen, aber auch ältere Leute, die nachts ebenfalls ihre Ruhe haben möchten. Innert weniger Wochen sind gegen 150 Unterschriften zusammengekommen. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass in den paar Strassen nur wenige hundert Menschen wohnen.

Rekurs auch von der Quartiervereinspräsidentin
Eliane Menghetti, die Quartiervereinspräsidentin, ist ebenfalls eine der Rekurrentinnen. «Unser kleines Quartier wird oft nicht wahrgenommen. In den Amtsstuben geht man davon aus, dass es hier vor allem Büros hat», so Menghetti. Dafür spricht, dass der Stadt in ihrer Antwort an die zweite Gerichtsinstanz ein in diesem Zusammenhang symptomatischer Fehler unterlaufen ist. Sie behauptet, dass an der Selnaustrasse 11 und 13 keine Personen gemeldet seien. Dabei wurden diese Gebäude vor rund acht Jahren zusammengelegt und haben seither die Adresse Gerechtigkeitsgasse 2. Dort wohnen zahlreiche Familien.
In der Begründung der Stadt ans Baurekursgericht des Kantons Zürich hat es weitere Punkte, die erstaunen. «Nach den Erfahrungen der Stadtpolizei führt die Verlängerung der Öffnungszeiten nicht zwangsläufig zu einer Zunahme des Suchverkehrs.» Für Liz Sutter ist diese Aussage ein Hohn. «Nach Mitternacht fahren kaum mehr Trams und S-Bahnen, darum kommen die Barbesucher eher mit dem Auto. Viele bringen sich bereits auf dem Parkplatz mit ein paar Drinks in Stimmung, bei lauter Musik, versteht sich. Beim Verlassen der Party ist das Benehmen erst recht nicht rücksichtsvoll. Das haben wir jahrelang erlebt, als im ehemaligen Postgebäude Ecke Selnau-/Brandschenkestrasse der Nachtclub Jade eingemietet war. Das brauchen wir eigentlich nicht mehr.» Eigenartig findet Sutter zudem die Argumentation der Stadt, die Bewilligung sei angemessen, weil «in den vergangenen 365 Tagen keine Lärmklagen eingegangen» seien. «Wir rufen doch die Polizei nicht auf Vorrat an. Oft haben wir aber auch selber die Leute angesprochen, wenn wir vom Treiben vor dem Haus geweckt wurden», so Sutter. Ein weiterer Rekurrent, Mathias Eidenbenz, ergänzt: «Ich gehe ja selber gerne in Restaurants und Bars. Aber diese Bewilligung in einem Wohnquartier verstehe ich nicht.» Stossend findet der Softwareentwickler, dass seit einigen Jahren Restaurantbewilligungen nicht mehr vom Polizeidepartement oder vom Gesundheits- und Umweltdepartement erteilt werden. «Die Kompetenz beim Hochbaudepartement ist nicht gegeben, das beweisen die bisherigen Antworten auf meinen Rekurs», so Eidenbenz.

«Habe Nase voll»
Der kurzfristige Entscheid des Barinhabers, das Geschäft «für immer zu schliessen», wie er gegenüber «Zürich 2» betont, kommt im Quartier mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge an. Zwar erklärt der Inhaber, er habe «auch wegen der Rekurse die Nase voll». Doch es sei völlig offen, was der neue Besitzer, also die EF Education First, mit der Bar mache. Bislang hat der Barbetreiber sein Gesuch um die Verlängerung der Öffnungszeiten nicht zurückgezogen. Dem Vernehmen nach soll hier, wo bis vor wenigen Tagen die Wallstreetbar offen hatte, der Empfangsraum für die EF Education First entstehen.
Bewilligung würde weiterlaufen
Weil die «Freinacht-Bewilligung» aber personenunabhängig und unbefristet weiterlaufen würde, wollen die Rekurrenten weiterkämpfen. Mathias Eidenbenz gibt sich kämpferisch: «Wir werden unser Anliegen bis zur letzten Instanz weiterziehen.» Die Stadt Zürich sagt auf Anfrage, man könne ein laufendes Verfahren nicht kommentieren. Der Sprecher des Hochbaudepartements will sich daher auch nicht zur Kritik der falschen Hausnummern äussern. Dass wegen dieses Fehlers in den amtlichen Unterlagen somit mehr Personen vom Lärm des Barbetriebs betroffen wären, bleibt definitiv eine Angelegenheit des Baurekursgerichts des Kantons Zürich.



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