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23.03.2017 Von: Annina Just

Küsnachter Amtlich

Hühner züchtender Kaiser hält die Kulisse auf Trab


Das Bühnenbild gleicht einer Baustelle: Kaiser Romulus mit seinen beiden Kammerdienern auf seinem Landsitz, der längst in baufälligem Zustand ist. Foto: Annina Just

Mit Dürrenmatts Komödie «Romulus der Grosse» sorgt der Theaterverein Kulisse für Lacher – doch nicht nur: Das Stück nimmt sich auch weltpolitischer Themen an.

Wenn beim Theaterverein Kulisse der Vorhang aufgeht, sind die Erwartungen hoch: Fein geschliffenes Schauspiel, eindrückliche Inszenierungen und grosse Themen ist man vom Küsnachter Theater Ensemble gewohnt. Auch dieses Jahr ist es ein grosser historischer Stoff, dessen sich das Ensemble annimmt. Mit Dürrenmatts «Romulus der Grosse» hat der Theaterverein den Untergang des Römischen Reichs zum Thema gewählt – allerdings in komödiantischer Form. Eine «ungeschichtliche historische Komödie in vier Akten», nannte Dürrenmatt sein Theaterstück, das 1949 uraufgeführt wurde und es mit den historischen Tatsachen nicht so genau nimmt. 
«Nach der Inszenierung von Goethes ‹Faust› im letzten Jahr», erklärt Regisseurin Renate Muggli, «wollten wir wieder einmal etwas von einem Schweizer Schriftsteller spielen.» Das Stück «Romulus der Grosse» habe sie schon länger im Auge gehabt, es freue sie, dass es nun aufgeführt wird.

Hühnerzüchtender Kaiser amüsiert 
Trotz historisch bedeutendem Thema geht es im Stück heiter zu und her, dies bestätigt der Besuch eines Probedurchlaufs letzte Woche. Zum ersten Mal spielen die insgesamt 14 Schauspieler und Schauspielerinnen das Stück im fertigen Bühnenbild durch. Nicht nur der Schreibenden zaubert es immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht, sogar der Regisseurin entfährt hin und wieder ein herzlicher Lacher. «Das war genial, wie er gerade das Bein in die Luft gereckt hat», flüstert sie der Regieassistentin Yvonne Ebert zu. Mit «er» meint sie den Kaiser Romulus Augustus, gespielt von Stephan Pfenninger. Dieser sitzt gerade in der dampfenden Badewanne und lässt sich von seinen Kammerdienern Achilles (Hans Holzer) und Pyramus (Hans-Peter Fehr) das Frühstück servieren. 
Der Boden in der baufälligen Villa ist übersät mit weissen Federn, lautes Hühnergegacker ist zu hören. Die Hühnerzucht ist die grosse Leidenschaft von Romulus, das lässt sich unschwer erkennen. Sein Hobby ist dann während des Frühstücks auch das einzige Thema, das sein Gemüt zu bewegen scheint. Mit grossem Eifer berichtet Romulus über die Legeleistung seiner Hennen, die alle nach lebenden oder toten Herrschern benannt sind. Die Kunde, dass die Germanen unter der Führung von Fürst Odoaker in Kürze vor den Toren Roms stehen werden und sein Reich in höchster Gefahr ist, interessiert den Kaiser hingegen herzlich wenig. Im Gegenteil, der Name Odoaker simmt den Kaiser sogar übermütig: «Das Huhn seines Namens hat heute drei Eier gelegt!»

Der Ernst beginnt im zweiten Teil
Romulus’ Untertanen und Familienmitglieder können die Untätigkeit des Kaisers längst nicht mehr mit ansehen. Seine Ehefrau Julia (Stefanie Aerni) liest ihm die Leviten und Kriegsminister Mares (Heinz Bussmann) sowie Innenminister Tullius Rotundus (Peter Hofer) sind ausser sich. Herrlich zu sehen ist, wie dem tobenden Mares fast der hochrote Kopf platzt, als er nach totaler Mobilmachung schreit. Und auch der Eifer des Reiterpräfekten Spurius Titus Mamma (Thomas Kauflin), der 100 Tage unterwegs war, um die Kunde zu überbringen, dass die Stadt Pavia bereits gefallen sei, beeindruckt den Kaiser kaum. Gelassen kommentiert er: «Meldungen stürzen die Welt nie um. Das tun die Tatsachen, die wir nun einmal nicht ändern können, da sie schon geschehen sind, wenn die Meldungen eintreffen.» Mit fortschreitendem Verlaufe wird das Stück von der heiteren Komödie immer mehr zur bitteren Gesellschaftskritik. Ein Deal mit dem Hosenfabrikanten Cäsar Rupf (Daniel Helmrich) könnte das Römische Reich retten. Dieser will die Germanen mit einer grossen Summe bestechen, fordert dafür aber des Kaisers Tochter Rea (Sarah Oswald) zur Frau. Während sogar Reas Verlobter Ämilianus (Florian Frehner) die Verbindung zum Wohle der Reichs befürwortet, ist Romulus entschieden dagegen. «Soll man denn nicht das Vaterland mehr lieben als alles in der Welt? – Nein, man soll es weniger lieben als einen Menschen», argumentiert der Kaiser humanistisch. Immer mehr kommt das wahre Wesen des so unbedarft wirkenden Romulus Augustus zum Vorschein. Hinter der Maske des faulen Lebemannes steckt nämlich ein durchdachter Plan... 
«Die Herausforderung an diesem Stück ist es, die komödiantischen Passagen schmissig rüberzubringen, aber gleichzeitig den ernsten Hintergrund nicht zu vernachlässigen», führt Muggli nach der Probe aus. Der Regisseurin gefiel, was sie soeben gesehen hat. «Neben Romulus haben wir viele eher kleine Rollen. An diesen Typen haben wir lange gearbeitet. Heute durfte ich nun erleben, dass sie ausdrucksstark und farbig wirken. Darüber bin ich sehr glücklich.» Nun müsse sie mit der Truppe vor allem noch am Tempo arbeiten. Dafür und für weitere Detailarbeiten stehe noch eine ganzes Probewochenende sowie eine Haupt- und eine Generalprobe an. «Wir sind gut im Zeitplan, ich bin sehr zufrieden», sagt Renate Muggli.

Ein Spiel im Spiel 
Zufrieden sein darf sie mit Recht, denn die Probe hat gezeigt, dass die Erwartungen nicht umsonst hoch sind. Stephan Pfenninger, der letztes Jahr als teuflischer Mephisto eine Glanzleistung lieferte, überzeugt auch dieses Mal: Fast permanent ist er als Kaiser auf der Bühne. Sein Text ist enorm umfangreich, das Spiel facettenreich. «Ich spiele, dass ich spiele», dies gefalle ihm besonders an der Rolle des Kaisers, der seine wahren Absichten lange bedeckt hält. Ähnlich überraschend ist das Vorhaben seines Widersacher Odoaker (Roberto Tottoli), der ganz zum Schluss erst in Erscheinung tritt … 
Interessant sind auch die bewussten Brüche, die die Regisseurin mithilfe von einigen Requisiten und Kostümen ins Stück eingearbeitet hat. Auch das Bühnenbild könnte aus der heutigen Zeit stammen. «Damit möchte ich zeigen, dass viele Inhalte des Stücks zeitlos sind.» Dazu gehören zum Beispiel Vorurteile gegenüber anderen Kulturen oder tödliche Meerüberfahrten von flüchtenden Menschen. Zum Lachen ist in diesem Stück also lange nicht alles.



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