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26.04.2017 Von: Pascal Wiederkehr

Zürich West

Lange Geschichten sind seine Leidenschaft

Vor rund und einem Jahr wurde das Online-Magazin «Coup» gegründet. Zwar zählt das Projekt bereits 500 Abonnenten, doch das reicht nicht aus. Mitinitiant Joel Bedetti schrieb einst auch für «Zürich West». Das Büro an der Rotwandstrasse 39 hinter dem Volkshaus ist sehr spartanisch eingerichtet. Der Raum gleicht eher einer leer geräumten Werkstatt als einer Redaktion. Und trotzdem arbeiten hier Journalisten. Einer von ihnen ist Joel Bedetti. Der 33-Jährige schreibt für die «NZZ am Sonntag», «Das Magazin» oder das «NZZ Folio». Er ist rund vier Jahre als freier Journalist tätig, davor als Korrespondent für «Zürich West». 2012 erhielt er gar den Zürcher Journalistenpreis in der Kategorie Nachwuchs.

Gemeinsam mit Pascal Sigg, Andres Eberhard, Konrad Mazanowski und Anna Miller hat er ein ehrgeiziges Projekt gestartet. Mit dem Online-Magazin «Coup» wollen sie seit März vor einem Jahr grosse Geschichten aus der Schweiz erzählen. Im Gegensatz zur Konkurrenz bringen sie nur einen «gründlich recherchierten» Artikel im Monat. Zudem sind die Inhalte nicht kostenlos, man braucht ein Abo. «Wir wollen Menschen ansprechen, die sich Zeit nehmen und denen guter Journalismus etwas wert ist», sagt Joel Bedetti. Das Konzept nennt sich «Slow Journalism». Mittlerweile ist das Magazin ein Jahr alt.

Die Initianten arbeiten ehrenamtlich, Geld gibt es für geschriebene Texte. Die Texte sind zwischen 20 000 und 40 000 Zeichen lang. «Wir zahlen 2000 Franken für den Journalisten. 800 Franken erhält der Fotograf», erzählt Bedetti. Das sei zwar an der unteren Grenze, aber mit den grossen Verlagen vergleichbar, die zunehmend sparen würden. «Der Lohn ist für den Arbeitsaufwand, der schnell zwei Wochen betragen kann, nicht sehr hoch», gibt der 33-Jährige zu bedenken. «Dafür erhalten junge Autoren bei uns die Gelegenheit, sich im anspruchsvollen Genre der Reportage zu versuchen.»

In der Medienbranche herrscht harte Konkurrenz, vor allem unter den Freien. «Ich verdiene rund 3000 bis 4000 Franken im Monat. Das reicht mir im Moment, weil ich noch ein Studentenleben führe», erzählt Bedetti, der an der Uni Zürich Geschichte und Ethnologie studiert hat. Während andere in seinem Alter an Familienplanung denken, lebt Bedetti seine Freiheiten aus. «Die Wohnung im Kreis 5, in der ich mit meiner Freundin lebe, ist bezahlbar.» Er geniesse die aktuelle Situation sehr, «ich kann meinen Tag so einteilen, wie ich möchte und über das schreiben, was mich interessiert». Auch für das «Coup Magazin» hat er schon einige Texte verfasst, darunter über einen jungen Bauern in Solothurn. «Das war ein besonderes Erlebnis, einmal drei Tage auf dem Bauernhof ein anderes Leben kennen zu lernen», so Bedetti. Bei grossen Verlagen habe man selten die Gelegenheit, viel Zeit in einen Text zu investieren.

54 000 Franken per Crowdfunding

Mittlerweile sind 13 Geschichten mit Tiefgang erschienen. Inhaltlich konzentrieren sich diese auf die Lebenswelt von unter 40-Jährigen. «Aber wir haben auch einige Leser über 40», fügt der Journalist schmunzelnd an. Eine Jahresmitgliedschaft kostet 50 Franken. Rund 500 Abonnenten hat das Magazin – das reicht bei weitem nicht aus, um in Zukunft die Kosten zu decken. Das Magazin soll alleine durch die Leser und ohne Werbung finanziert werden. «1000 zahlende Mitglieder wären anzustreben. Besser 2000», ergänzt Bedetti. Die Anschubfinanzierung holten sich die Gründer mit einem Crowdfunding. Dabei kamen rund 54 000 Franken zusammen. Zusätzlich warf die Stiftung für Medienvielfalt, welche unter anderem die Basler «TagesWoche» mitfinanziert, 15 000 Franken ein.

«Natürlich hatten wir Glück. Ein anonymer Grossspender zahlte beim Crowdfunding rund 20 000 Franken», sagt Bedetti. Das Geld war für das erste Jahr gedacht. Eine grosse Geschichte kostet rund 3000 Franken. Hinzu kommen die Ausgaben für die Weiterentwicklung der Website und die Werbung. «Wir müssen unsere Leserschaft vergrössern, sonst bleiben wir bei rund 500 Mitgliedern stecken», glaubt Bedetti. Das Ziel sei deshalb eine Professionalisierung. «Wir möchten eine Teilzeitstelle für die Administration schaffen.» Um neue finanzielle Unterstützung zu erhalten, haben sie einen weiteren Antrag bei der Stiftung für Medienvielfalt gestellt. Der Entscheid steht jedoch noch aus.

Konkurrenz durch «Project R»

Mit dem Medien-Startup «Project R» um den ehemaligen «Tages-Anzeiger»-Journalisten Constantin Seibt droht dem «Coup Magazin» bald harte Konkurrenz. Ende April startet das Crowdfunding für das Magazin «Republik» von «Project R». Fast gleichzeitig laufen im Juni die bisherigen Abos von «Coup» aus. Dann gilt es ernst: «Wir sehen das Projekt eher als Bereicherung denn als Konkurrenz, weil es bei den Leserinnen und Lesern das Bewusstsein für unabhängigen, guten Journalismus stärken wird.»

Und wenn es mit der zukünftigen Finanzierung nicht klappen sollte? «Wir lassen ‹Coup› sicher nicht langsam vor sich hinsiechen. Entweder es funktioniert, oder eben nicht», ist für den Journalisten klar. Doch der Optimismus ist ihm anzumerken. Bedetti: «Es ist schwierig, ein solches Projekt zu finanzieren. Aber wir werden weitermachen.»

www.coup-magazin.ch



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