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18.05.2017 Von: Annina Just

Küsnachter Amtlich

Ein Vierteljahrhundert im Einsatz für indigene Völker


Bei einem Schulhausneubau in Nueva Santa Rosa, Colomba, Costa Cuca: Alirio Ochoa, Leiter der Organisation PEILE, Joseph Drescher, Alexa Ochoa, Martin Frey, drei Männer der Bau-Equipe und Präsident Beat Stüber (v. l.). Foto: zvg.

Dieses Jahr feiert der Verein Guatemala-Zentralamerika sein 25-jähriges Bestehen. Das Engagement für die indigene Bevölkerung Guatemalas geht auf den Küsnachter Konrad Erni zurück. Die Erfolgsstory im Überblick.

Nicht nur der aktive Vulkan Fuego hält momentan Guatemala in Atem, auch die politischen Entwicklungen in den USA bedeuten für das zentralamerikanische Land nichts Gutes. Noch verheerender liest sich aber die Geschichte des bevölkerungsreichsten Staats Zentralamerikas: Von 1960 bis 1996 herrschte ein Bürgerkrieg, der den Tod von rund 200 000 Menschen zur Folge hatte. Über eine Million Angehörige der indigenen Bevölkerung flüchteten in dieser Zeit aus ihrer Heimat.

Prägendes Erlebnis 
Auf diese Kriegszeit zurück geht die Gründung des Küsnachter Vereins Guatemala- Zentralamerika (VGZ) durch den 2002 verstorbenen Küsnachter Lehrer Konrad Erni. «Völlig unerschrocken reiste er auch während des Konflikts immer wieder nach Guatemala », erzählt Vorstandsmitglied Esther Gut. Die ehemalige Lehrerin ist Gründungsmitglied und kommt ins Schwärmen, wenn sie vom Engagement des 1911 geborenen Erni zu erzählen beginnt. 
Mit Guatemala in Kontakt kam Erni erstmals 1979. Er hatte seine Tochter Barbara Videtic besucht, die damals mit ihrer Familie in Costa Rica lebte. Gemeinsam reiste die Familie dann durch Zentralamerika bis nach Guatemala. «Auf dieser Reise gab es ein Erlebnis, das meinen Vater wahnsinnig prägte», blickt Videtic zurück. Wie die Küsnachterin erzählt, seien sie und ihre Familie von einer Gruppe Indigenas – wie man heute die Ureinwohner nennt – ausserordentlich liebenswürdig aufgenommen worden. Etwas später mussten sie dann aber erfahren, dass ihre Gastgeber von Soldaten erschossen worden waren. Der Grund lag darin, dass sie den Rebellen zu Essen gegeben hatten – notabene unter Gewaltandrohung seitens der Rebellen. 
Von diesem Vorfall schockiert, hat Konrad Erni nach seiner Rückkehr in die Schweiz sofort begonnen, Geld für die Urbevölkerung Guatemalas zu sammeln. «Er verbrachte in der Folge jedes Jahr etwa drei Monate in Guatemala », erzählt Videtic. Auch die spanische Sprache habe der pensionierte Lehrer praktisch perfekt erlernt. Geld sammelte Erni in dieser Zeit, indem er am Küsnachter Sommermarkt und am Basar im reformierten Kirchgemeindehaus indianische Werkarbeiten verkaufte und immer wieder eigene Cabaret- Anlässe organisierte. 1990 konnte sich das heutige Vorstandsmitglied Esther Gut durch gemeinsame Bekannte dem Guatemala-Kenner Erni für eine Reise anschliessen. Gut: «Als wir zurückkamen, meinte er, wir müssten nun einen Schritt weiter gehen und einen Verein gründen.» Sie selber und seine Tochter Barbara bildeten in der Folge mit Erni zusammen den Gründungsvorstand. Das liegt nun genau 25 Jahre zurück.

4,5 Millionen Franken investiert 
In dieser Zeit hat der Küsnachter Verein rund 4,5 Millionen Franken Spendengelder nachhaltig in Guatemala investiert. Als Zewo-zertifizierte Organisation kann der Verein schon seit Jahren auf die Unterstützung der Gemeinde Küsnacht sowie beider Kirchgemeinden und weiterer Institutionen zählen. Auch die Stadt Zürich und zahlreiche Stiftungen steuern immer wieder namhafte Summen bei. 
Als Ergebnis daraus sind in der Region um Quetzaltenango 32 Schulhäuser, rund 30 von ihren Eigentümern selbst erbaute Einfamilienhäuser, 5 kleine Landkliniken und 2 Ausbildungs- und Handwerkszentren finanziert worden. Dies alles koordiniert der Verein über die ortsansässigen Kooperative PEILE (Proyecto Educativo Integral Libertad y Ensenanza). «Die Ideen kommen jeweils von PEILE respektive ihrem Leiter Alirio Ochoa. Er liefert uns auch jedes Jahr einen schriftlichen Rapport über den Stand aller Projekte, an denen wir beteiligt sind», erklärt Vorstandsmitglied Joseph Drescher das Vorgehen. Das ältere der beiden Ausbildungs- und Produktionszentren ist inzwischen selbsttragend. «Es hat im Jahre 2016 nebst 17 Angestellten 450 Lernende beschäftigt und 425 Lizenzen vergeben», freut sich Drescher. Das zweite, neu erstellte Ausbildungszentrum in Malacantancito wurde erst im Februar 2015 in Betrieb genommen. 
Neben den Projekten von PEILE unterstützt der Verein auch seit seinen Anfängen die Suppenküche der Organisation «Vamos adelante», die in Ceylan am Fusse des Vulkans Fuego stationiert ist. Durch diesen Betrieb erhalten über 100 Menschen, vor allem Kinder und alte Leute, die in diesem unfruchtbaren Gebiet leben, täglich eine warme Mahlzeit. Ebenfalls in Zusammenarbeit mit dieser von einer Schwedin betriebenen Organisation hat der VGZ 25 kleine Einfamilienhäuser finanziert, die durch die holländische Organisation «ConstruCasa» kostengünstig erstellt worden sind. «Sie sind für die Gemeinde Ceylan ein wesentliches, stabiles Element», so Drescher, der den Ort im vergangenen März zusammen mit Vereinspräsident Beat Stüber und Vorstandsmitglied Martin Frey besucht hat.

Kleinkredit-Institut gegründet 
Jedes Jahr reist eine Delegation des Küsnachter Vereins nach Guatemala. Die Reisen finanzieren die Mitglieder jeweils selbst. «Überhaupt haben wir eine sehr kostengünstige Administration », hält Drescher fest. Weniger als zwei Prozent der Einnahmen wendet der Verein jährlich für die Administration auf. Dabei fällt vor allem die Zewo- Zertifizierung ins Gewicht. Neben den langjährigen Projekten wendet sich der Verein auch immer wieder neuen Aufgaben zu. «Kürzlich ist ein Projekt für nachhaltige Landwirtschaft hinzugekommen», erzählt Gut. In Zusammenarbeit mit einer dänischen Organisation wurden in vier Gemeinden kleine Landwirtschaftsbetriebe aufgebaut. Die «Permacultura Sostenible » soll ein Ansatz sein, um die arme Bevölkerung mit Selbstversorgungsmethoden vertraut zu machen. Sie wurde mit einer Spende der Gemeinde Küsnacht ermöglicht. Ebenfalls ein neues Projekt ist das Kleinkredit-Institut Coopeile, welches von PEILE-Leiter Alirio geführt wird. Der VGZ finanzierte einen Drittel des Startkapitals und bereits nach dem ersten Betriebsjahr konnte ein Ertragsüberschuss verzeichnet werden. 
Für all diese Engagements erhalten die Küsnachter vor allem viel Dankbarkeit. «Es geht einem schon sehr unter die Haut, wenn man dort ist und diese enorme Dankbarkeit spürt», erzählt Drescher. Er und Esther Gut betonen beide, dass die Bergbevölkerung Guatemalas auch weiterhin auf ihre Hilfe angewiesen ist. Gut: «Leider hat auch das Friedensabkommen 1996 nach dem internen Konflikt keine Besserung für die Lebensbedingungen der Indigenen gebracht.» Noch immer werden die Menschen enteignet und aus ihren Dörfern vertrieben, weil neue Mienen gebaut werden oder Grosskonzerne Landflächen für sich in Anspruch nehmen. Und mit der Regierung Trump und der bevorstehenden Deportation von Tausenden Ausland- Guatemalteken wird sich die Situation auch nicht verbessern.



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