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21.06.2017 Von: Benny Epstein

Zürich 2

Kolumne: Arrogante Schneckenfresser, kühle Wikinger


Benny Epstein mag Lachsbrötchen und Nike-Schuhe. (Foto: zvg.)

 

Für die heutige Kolumne reiste Benny Epstein zu den Schneckenfressern und den Wikingern.

Franzosen sind arrogant und Dänen sind kühl. Typisch nordisch eben. Nicht so wie wir Zürcher. Wir sind ... Ja wie sind wir denn?
Im letzten Monat war ich in Paris und in Kopenhagen. «Wie bist du auf dieses Restaurant gestossen?», fragt mich die Frau vom nächsten Tisch. «Magst du Naturweine? Ich könnte dir noch ein Lokal empfehlen.» Kein Flirt, keine Business-Absichten. Einfach pure Arroganz – oder wie nennt man das, wenn Leute freundlich sind? Merci, Madame.
Ähnlich arrogant ist die Einlasskontrolle beim Tennis-Turnier French Open. Ich habe ein Ticket zu viel. Der Herr beim Einlass hilft mir, die Karte zu verkaufen. Merci, Monsieur.
So ging es weiter, sodass ich froh war, den arroganten Schneckenfressern nach drei Tagen «Au Nimmerwieder-voir!» zu wünschen.
Nach ein paar erholsamen Tagen unter uns Zürchern stand die Reise nach Kopenhagen an. Das herrliche Lachsbrötchen in der Foodkathedrale Torvehallerne lachte mich an, doch ich wusste nicht so recht. Noch einmal eine Runde drehen – dann würde ich mich entscheiden. Der Schock, als ich zurückkehrte: Die Kasse war nicht mehr bedient. Auf einem Stuhl neben der Theke sass der Verkäufer und rechnete ab. Er hob den Kopf an: «Wolltest du nicht dieses Lachsbrötchen?» Ja, doch. Das wollte ich. «Sorry, ich bin schon am Abrechnen. Ich kann es dir nicht mehr verkaufen.» Danke, das sehe ich ja selbst. «Kannst es mitnehmen. Ist mir eine Freude.» Schon schrecklich, diese kühlen Dänen.
Tags darauf begab ich mich auf die Suche nach einem Restaurant, das mir empfohlen wurde. Ich stiess dabei auf einen riesigen Flohmarkt. Junge Frauen, die Kleider verkauften, die ihnen verleidet waren. Herren, die Schuhe loswerden wollten. Kinder, die die Strasse mit Kreide bemalten. Eltern, die in einer Pfanne etwas für die Zähne verkauften.
Und da waren sie. Meine Nike-Sneakers. Die, die ich vor neun Jahren verkauft hatte. Die, von denen ich mich nie trennen konnte, obwohl sie längst hin waren. Viermal geleimt, zigmal gewaschen. Die, die ich seit Jahren suche. Im Laden, im Internet. Vergeblich. Hier lagen sie. Unschuldig, unauffällig.
Ich versuchte, nicht zu stottern oder zu weinen. Sogar die Grösse passte. Unfassbar. «Willst du die?» Was für eine Frage! Das sind meine Lieblingsschuhe! «Echt? Dann kannst du sie für 140 Kronen haben.» Zwanzig Franken. Ich jubelte, bezahlte und umarmte. Nicht die Schuhe umarmte ich, sondern den Dänen. Diesen kühlen, unnahbaren Wikinger.
Ich kenne solche Momente aus Zürich nicht. Dabei gelten wir doch auch als arrogant und kühl.

Benny Epstein ist Journalist und lebt in Wollishofen. Er ist kein arroganter, kühler Zürcher, sondern ein Lozärner. Seine arrogante, kühle Meinung muss nicht mit jener der Redaktion übereinstimmen.



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