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12.07.2017
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«Auch ich finde Männerfussball attraktiver»


Foto: Ronny Frei

Primarlehrerin und Fussballerin bei GC: Die Lokalinfo hat mit Jessica Berger (25) über ihre zwei Welten und die Stellung des Frauenfussballs gesprochen.

Jessica Berger, Sie arbeiten als Primarlehrerin in einer Vollzeit-Anstellung und spielen daneben Spitzenfussball. Sind Sie mit ihren beruflichen Ansprüchen eine Exotin im Schweizer Frauenfussball?
Schon eher, wenn ich jetzt unser Team betrachte. Rund die Hälfte im Team ist noch in der Ausbildung, etwa in einer Sport-KV-Lehre, die andere Hälfte arbeitet in einem Büro oder im Logistik-Bereich.

Wie geht Ihr Pensum von Beruf und Sport aneinander vorbei?
Wir trainieren eigentlich viermal in der Woche, weil wir aber jeden Donnerstag an der Schule Sitzung haben, darf ich dann aussetzen. Ich würde es mit dem Vorbereiten gar nicht rechtzeitig schaffen. Aber auch so muss ich meine Zeit optimal nutzen und habe einen sehr strukturierten Tagesablauf.

Gehört dazu auch viel Verzicht?
Ja, im Moment gibt es nicht viel neben Schule, Fussball und Familie, die mir auch sehr wichtig ist. Es muss alles genaustens geplant sein, zum Beispiel braucht es oft einen Doodle, um sich mit Kolleginnen zu treffen.

Wünschen Sie sich, dass es anders wäre? Dass man mit Fussball in der Schweiz mehr verdienen würde und so weniger arbeiten müsste?
Schön wäre es, ja. Ich könnte sicherlich viel mehr in den Fussball investieren, wenn ich Teilzeit arbeiten könnte. Im Moment ist es leider nicht realistisch, die wenigsten Vereine bezahlen Spielerinnen und wenn, dann auch nur mit geringen Beträgen.

Denken Sie, dass sich dies ändern kann?
Es braucht sicher viel Zeit, der Frauenfussball ist noch immer eine Randsportart. Ich sehe aber das Problem auch bei uns selbst. Wenn ein Frauen-Länderspiel stattfindet, dann sollten doch wenigsten wir Frauen das Interesse haben, diese Spiele zu sehen. Solange die Stadien leer sind, ist es auch für Sponsoren nicht attraktiv. Es ist ein Teufelskreis, wir wollen mehr Professionalität, aber können nicht von anderen erwarten, dass sie die Stadien füllen, wenn wir es selber nicht tun.

Also ist auch unter fussballspielenden Frauen das Interesse am Frauenfussball zu gering?
Ja. Um ehrlich zu sein, auch ich finde Männerfussball attraktiver zum Zuschauen. Bei den Frauen schaue ich höchstens mal Champions League. Wenn die Frauen-Nati sonntags in Biel ein Länderspiel hat, dann nehme ich diesen Weg nach einer strengen Woche auch nicht auf mich. Aber eigentlich finde ich, wir müssten den Anstoss geben, dass sich mal etwas ändert.

Können Sie sich erklären, weshalb Frauenfussball immer wieder mit Männerfussball verglichen und nicht, wie z. B. im Tennis, unabhängig voneinander betrachtet wird?
Das habe ich auch schon überlegt, finde es aber tatsächlich schwierig zu erklären. Selber kann ich es aber auch schlecht trennen, einfach weil ich so viel Männerfussball schaue und dann automatisch den Vergleich ziehe. Vielleicht liegt es daran, dass es im Tennis immer schon – oder seit längerer Zeit – beides gab und Frauenfussball lange Zeit überhaupt nicht existierte.

Nun steht die Europameisterschaft der Frauen an, aber die wenigsten wissen davon. Ist das deprimierend?
Es ist tatsächlich so, dass sehr wenig berichtet wird und viele gar nichts mitbekommen. Das ist natürlich schade. Es kam mal eine kleine Euphorie auf, während der letzten WM, aber nun ist dies leider wieder versandet. Wir sind aber nicht die Einzigen, die mit diesem Problem kämpfen. Wenn nicht gerade eine Männer-EM- oder -WM-Endrunde stattfindet, gehen solche Anlässe oft etwas unter.

Was trauen Sie unserer Frauen-Nati zu?
Einiges. Ich habe die Gruppe studiert. Frankreich wird ein sehr starker Gegner, aber Island und Österreich sollten zu schlagen sein. Da sie erst als Drittes auf Frankreich treffen, hoffe ich, dass sie sich bis dann akklimatisieren konnten und auch dort eine Chance haben. Mit dem zweiten Platz würden sie die K.o.-Phase erreichen, dann ist alles offen.

Zurück zu Ihnen. Was sind Ihre persönlichen Ziele im Fussball?
Das ist momentan eine schwierige Frage. Ich bin etwas hin- und hergerissen. Ich habe nun mein erstes Jahr mit einer Vollzeit-Festanstellung hinter mir und Beruf und Fussball gingen wirklich fast nicht aneinander vorbei. Gerade in intensiven Zeiten mit Elterngesprächen oder in der Zeugnisphase bin ich noch weniger im Training. Eigentlich bin ich aber der Meinung, man macht etwas richtig oder eben gar nicht. Daher bin ich aktuell am Überlegen, bei GC aufzuhören und in der ersten Liga zu spielen, wo ich weniger trainieren müsste und einen kürzeren Weg hätte. Auch zu den Spielen, heute sind wir an Spieltagen in der ganzen Schweiz unterwegs und damit ist jeweils ein Tag komplett verplant.

Hat GC Verständnis für Ihre Situation?
Ja sehr, sie kommen mir enorm entgegen. Wollen auch jetzt eine Lösung finden, die für mich stimmt. Aber irgendwie muss ich auch für mich schauen, dass mein Tag nicht immer von 6.30 Uhr bis fast um Mitternacht verplant ist. Gerade auch hinsichtlich meiner Erstklässler, die ich nach den Ferien unterrichten werde.

Wird das noch zeitaufwendiger?
Ja, letzten Sommer habe ich eine dritte Klasse übernehmen können. Ich durfte also die Arbeit meiner Vorgängerin weiterführen. Bei einer ersten Klasse wird es nun auch darum gehen, die Schüler und Schülerinnen als Klasse zusammenzubringen. Ich glaube, da kommt noch einiges auf mich zu, was bei meiner jetzigen Klasse bereits im Voraus geleistet wurde. Dafür möchte ich mir schon die notwendige Zeit nehmen.

Hat der Beruf also Priorität?
Ja, und das war schon immer so. Auch als ich noch in der Ausbildung an der pädagogischen Hochschule war, ging das Studium für mich immer vor. Seit ich etwa zwölf Jahre alt war, wusste ich, dass ich Lehrerin werden möchte. Mir war immer klar, dass man im Frauenfussball nicht das grosse Geld verdienen kann. Dass es nun so lange aneinander vorbeiging, ist sehr schön. Aber nun muss ich schauen, wie es weitergeht.

Empfinden Sie es als unfair, dass Frauenfussball auf Spitzenniveau nicht besser bezahlt wird und Beruf und Spitzensport nur schwer zu vereinbaren sind?
Ich habe nie das Problem ausserhalb, also an der Stellung des Frauenfussballs in der Gesellschaft, gesucht. Ich habe stets einfach für mich versucht, mich zu organisieren, damit beides möglich ist. Beides braucht aber enorm viel Energie, im Lehrerberuf muss man immer 100 Prozent präsent sein. Ausserdem bin ich sehr perfektionistisch veranlagt und daher ist es im letzten Jahr schwierig geworden, meine eigenen Erwartungen zu erfüllen.

Also sind nicht generell Beruf und Spitzenfussball kaum vereinbar, sondern es liegt eher am Lehrerberuf?
Ja, und an meinen eigenen Erwartungen. Mich erfüllt dieser Job und ich finde es unglaublich toll, Klassenlehrperson zu sein, anstatt diese Stelle nur zu teilen. Daher bin ich auch nicht bereit, das Pensum zu reduzieren. Ausserdem bin ich nicht mehr 20 und hätte sowieso nicht mehr vor, ewig lange in der Nationalliga A zu spielen. Nach acht Jahren auf diesem Niveau, wird man auch mal müde. Gleichzeitig würde ich auch nie mit dem Fussball aufhören wollen. Der Sport ist mein Ventil. Nach dem Training sehe ich Dinge, die mir zuvor Kopfzerbrechen bereitet haben, gleich viel lockerer. (Interview: Anninna Just/ Foto: Ronny Frei)

Jessica Berger als Fussballerin: Seit ihrer Kindheit spielt Jessica Berger Fussball: Vom FC Wädenswil wechselte sie zum FFC Seebach (seit 2008 FC Zürich), wo sie mit dem U18-Team dreimal Schweizer Meister wurde. Als 17-Jährige schaffte Berger den Sprung ins NLA-Team und gewann mit diesem – als FC Zürich Frauen – die Meisterschaft. Danach spielte die Flügelspielerin zwei Jahre beim FC Schlieren in der NLB. Seit der Saison 2013/2014 trägt sie das Trikot des NLA-Clubs Grasshoppers Zürich. Ausserdem war sie Mitglied der U17- und der U19-Nationalmannschaft. (aj.)

Die Schweizer Spiele an der EM in Holland: Di, 18. Juli, 18 Uhr (Gegner Österreich), Sa, 22. Juli, 18 Uhr (Island), Mi, 26. Juli 20.45 Uhr (Frankreich).



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