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26.07.2017 Von: Benny Epstein

Zürich 2

Wie das Gebiss ins Fundbüro kam


Benny Epstein verlor das eine oder andere Znünitäschli. (Foto: zvg.)

Aktentaschen, teure Broschen und Sadomaso-Sets – die im Zürcher Fundbüro abgegeben Gegenstände reizen Benny Epsteins Fantasie arg aus.

Der Artikel im «Tages-Anzeiger» liess mich schmunzeln. Er handelte von den skurrilsten Funden, die im Zürcher Fundbüro abgegeben werden. Als ehemals notorischer Znünitäschli- und Turnsack-Liegenlasser fühle ich mich mit dem Büro an der Werdmühlestrasse sehr verbunden. Es seien allerdings mehrheitlich Schlüssel und Handys, die abgegeben werden. Zuletzt sorgte eine im 70er-Bus am Morgental liegen gelassene Aktentasche eines Anwalts für mediales Aufsehen.
Es waren aber nicht die Schlüssel, Handys oder Aktentaschen, die mir das Grinsen ins Gesicht zauberten. Auch nicht die 48 000-Franken-Brosche, für die sich die Besitzerin extra vom Privatchauffeur aus Deutschland nach Zürich fahren und 600 Franken Finderlohn springen liess. Wunder genommen hätte mich die Geschichte des abgegebenen Sadomaso-Sets, das aus einem Anzug, einer Maske, Stiefeln und einer Peitsche bestand. Ich stelle mir vor, wie sie zu Hause das Lederzeugs auspacken will und ihrem Mann sagt: «Sklave, leider werde ich dich heute nochmals mit der alten Peitsche vermöbeln. Ich habe die neue im Tram liegen gelassen.»
Und als sie tags darauf im Fundbüro vorbeigeht, fragt sie voller Schamesröte im Gesicht: «Wurde bei Ihnen gestern vielleicht ein Street-Parade-Kostüm abgegeben? So lederne Kleider etwa? Ja, ich weiss, Street Parade ist erst im Sommer. Und die Stiefel sind auch nicht wirklich Winterstiefel. Aber geben sie mir die Sachen jetzt. Aber dalli! Sorry, bitte schön, meinte ich.»
Aber auch das war es nicht, was mich schmunzeln liess. Vielmehr war es die Passage, die beschrieb, wie eine ältere Frau mit leerem Mund vorbeigekommen sei und sofort ihre Prothese erkannt habe. Sie habe sich das Gebiss geschnappt, ehe es die Dame vom Fundbüro desinfizieren konnte, und habe dann wieder deutlicher gesprochen: «Das ist mein Gebiss.» Zugegeben, die Geschichte wäre deutlich amüsanter gewesen, hätte die Oma gesagt: «Nein, das ist nicht mein Gebiss.» Sie hätte es wieder aus dem Mund genommen und der Dame zurückgegeben. Schöner Moment.
Doch wie verliert man überhaupt seine Dritten in der Öffentlichkeit? Was ich schon mal in der Öffentlichkeit verloren habe: die Geduld, die Übersicht, ein Fussballspiel (wenn man denn sieben Zuschauer als «in der Öffentlichkeit» betiteln kann) oder eben das Znünitäschli und den Turnsack. Aber die Ersatzzähne?!
Blieben sie ausgerechnet im letzten Biss des Apfels stecken, den die Greisin dann lässig wegwarf? Musste sie heftig niesen und merkte nur, dass dabei das Hörgerät herausfiel, während ihr vor lauter Schreck das Fehlen der Beisserchen nicht auffiel? Lieh sie das Gebiss ihrer Enkelin für die Halloween-Nacht, die es beim Davonrennen vom bösen Mann an einer Haustür aus dem Mund springen liess?
Fragen über Fragen. Die wahre Antwort habe ich nicht herausgefunden. Dafür ergab meine Recherche, dass das Verlieren des Gebisses keine Zürcher Spezialität ist. Auch in München werden haufenweise Dritte abgegeben. Allerdings nur während des Oktoberfestes. Wie das auf der Wiesn passieren kann – diese Fantasien behalte ich echt lieber für mich.

Benny Epstein ist Journalist und lebt in Wollishofen. Er würde ein verlorenes Gebiss nie und nimmer im Fundbüro abgeben. Seine Meinung muss nicht mit jener der Redaktion übereinstimmen.



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