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26.07.2017 Von: Clara dos S. Buser

Züriberg

Zürichs längster Schal entsteht in der «Mühlehalde»


Die Bewohnerinnen der Stiftung Mühlehalde für Blindheit und Sehbehinderung zeigen Zürichs längsten Schal. Dieser wird einer gemeinnützigen Organisation gespendet. Foto: zvg.

In der Stiftung Mühlehalde arbeiten fleissige Senioren an Zürichs längstem Schal. Das gestrickte Resultat werden sie wohl stolz berühren; denn viele sehen nur noch mit den Händen im Heim für blinde und sehbehinderte Menschen.

Beim Betreten wirkt das Textil-Atelier fast magisch. Drinnen ist es hell, ein grosses Fenster zum Garten erlaubt den Blick ins Grüne, Vögel zwitschern hier und dort, begleitet von leisem Murmeln – denn im hölzernen Raum des Heims Mühlehalde wird fleissig und konzentriert gearbeitet. Das junge Personal, das speziell auf die Bedürfnisse und Herausforderungen Sehbehinderter und Blinder geschult ist, begleitet die Senioren bei der handwerklichen Aufgabe. Interessierte Bewohnerinnen und Bewohner wurden in die Pflicht genommen, einen 100 Meter langen Schal zu stricken. Doch die gelassene Stimmung lässt den eigenen Willen der Teilnehmer erkennen. Der 91-jährige Alfred Tyrluch sagt: «Im Prinzip ist es Zeitvertreib, was wir hier machen. Aber wenn ich etwas kreieren kann, das anderen Spass macht und Freude bringt, dann mache ich es gern.»
Fünf Stunden werden wöchentlich für das Stricken des Schals reserviert. Einzelstücke werden an den bereits 90 Meter langen Schal angenäht. Zwölf Bewohnerinnen und Bewohner leisten einen Beitrag zum längsten – und wahrscheinlich buntesten – Schal Zürichs. «Sobald die Senioren wussten, dass der Schal einer gemeinnützigen Organisation für Bedürftige gespendet wird, fühlten sie sich motiviert», erzählt der soziokulturelle Animator Severin Liechti. «Das Projekt bewirkt, dass Bewohner trotz Sehschwäche Tätigkeiten verfolgen können. Es verbindet Zugehörigkeitsgefühl mit Gemeinschaftsgefühl. » Der Schal erfüllt im Heim verschiedene Funktionen, beispielsweise die Vernetzung der Bewohner, indem das Projekt zum Thema im Wohnheim wird. Am kommenden Mühlehalde-Fest werden noch einige Zentimeter gestrickt, es wird gegessen und getanzt. So sollen die Anwesenden für das Thema Sehbehinderung und Blindheit im Alter sensibilisiert werden. «Wir versuchen, den Reichtum der Älteren für die Öffentlichkeit sexy zu machen» sagt Liechti.

Neue Fähigkeiten entwickeln
Eine Sehbehinderung im Alter ist eine doppelte Herausforderung. Dass die Mobilität vieler Senioren im Laufe der Zeit abnimmt, ist nichts Neues. Doch was passiert, wenn die eigenen Augen ihre Hauptfunktion nicht mehr erfüllen? Trotz ihrer langen Erfahrung mit der visuellen Welt müssen Pensionierte sie nun neu mit anderen Sinnen entdecken. Plötzlich spielen Lichtverhältnisse eine grosse Rolle. Die Selbstständigkeit geht im Alter nach und nach verloren. Die sehbehinderten und blinden Senioren führen einen täglichen Kampf, um sich im Alter wieder frei bewegen zu können.

Staatlich anerkanntes Heim
Im Wohnheim Mühlehalde sind sie dafür gut gerüstet. Die Stiftung am Zürichberg wurde im Jahr 1979 gegründet. Einzig in St. Gallen, Basel und in der Romandie gibt es ähnliche Angebote. Die Mühlehalde ist als Pflege- und Behindertenheim staatlich anerkannt, die Mehrkosten tragen der Kanton Zürich und die ehemalige Wohngemeinde der Senioren. Dazu kommen Betreuungsgebühren. Das deckt die Kosten jedoch noch nicht. So ist die Stiftung jährlich auf einen sechsstelligen Beitrag an Spenden angewiesen. Private Spenden bestehen nicht nur aus Geld, sondern auch aus Gegenständen wie etwa Hörbüchern. Viele Gönnerinnen und Gönner der Stiftung befinden sich unter den 10 000 Abonnenten der heiminternen Zeitung «Apropos».

Wiederentdeckung der anderen Sinne
«Die Herausforderung ist nicht nur die Behinderung, sondern auch das Wohnen ausserhalb des eigenen Hauses. Dazu kommt auch das zunehmende Alter», erklärt Liechti. So müssen die Bewohner ein zweites Leben anfangen, mit neuen Bekanntschaften, neuem Umfeld und der Wiederentdeckung der anderen Sinne. Die Strickgruppe hat diese Herausforderungen offenbar gemeistert. Hier beschäftigt sie sich mit Fingerstricken, Weben, Stricken und Pompons zugunsten einer höheren Sache. Angela Giger, Leiterin des Textil-Ateliers, erklärt: «Wir möchten, dass sie die Freude am Stricken behalten.» Es sei wichtig, dass die Senioren Hobbyund alltägliche Aktivitäten so selbstständig wie möglich nachgehen könnten. So wie die 97-jährige Ursula Obrecht, die schon als Kind gewoben hat. Noch heute spielt sie mit Mustern, Farben und Spiralen. «Mit der richtigen Technik kann man alles machen! Mit Schwarz und Weiss kann ich zum Beispiel ein Schachbrettmuster gestalten.» Die Leiterin verkündet die Pausenzeit. Eine Teilnehmerin der Werkstatt lacht. «Das ist wie in der Schule», sagt die 87- jährige Mathilde Surbeck. «Dürfen wir auch nach draussen gehen und spielen?»



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