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09.08.2017 Von: Interview: Thomas Hoffmann

Zürich West

Quartierverein will Mitgliederzahl verdoppeln


Über den Dächern von Wiedikon: Urs Rauber auf der Gemeinschafts-Dachterrasse seiner Wohnung. (Foto: Thomas Hoffmann)

Als man 1917 den Quartierverein Wiedikon gegründet hat, hiess es, er soll «den Quartiergeist fördern und die Quartiertradition pflegen». Wieso war das damals nötig?

Urs Rauber: Der Quartierverein wurde von einigen Zünftern gegründet, wobei die Motivation eine ähnliche war wie bei der Gründung der Zunft zu Wiedikon 20 Jahre vorher. Als Wiedikon 1893 eingemeindet worden war, war es ein Bauerndorf. Dort war die grosse reiche Stadt, hier die armen Brüder und Schwestern vom Land. Da wollte man seine Interessen verteidigen und den Quartiergeist pflegen, damit er nicht aufgesogen wird vom städtischen Geist.

Wiedikon blieb aber nicht lange das arme Dorf.

In der Zeit des Ersten Weltkriegs und später gab es eine boomende Entwicklung, in die das Quartier hineingezogen wurde. Wiedikon war einerseits sehr bäuerlich, andererseits hatte es die ersten industriellen Betriebe, die Ziegeleien in den Lehmgruben.

Heutzutage sind die Quartiervereine das Bindeglied zwischen der Bevölkerung und der Stadt. Ihr erhaltet Geld fürs Organisieren von Anlässen. Aber für die zentrale Aufgabe, Bindeglied zur Stadt zu sein, gibt es keinen Rappen. Ist das noch zeitgemäss?

Ich finde, Freiwilligenarbeit ist nicht überholt. Man redet von einer Krise bei den Vereinen und der Freiwilligenarbeit, aber ich stelle das Gegenteil fest. Wenn man Leute anspricht und motiviert, findet man viele Interessierte. Wo sich das Quartier selbst organisieren und seine Interessen äussern kann, soll es das machen, ich finde das urdemokratisch. Das kann man nicht ersetzen durch professionelle Arbeit.

Bei der Stadt mit ihrer Quartierkoordination gäbe es solche Profis.

Die Quartierkoordination wurde in den letzten Jahren ausgebaut. Es sind inzwischen gut zwölf Vollzeitstellen in der ganzen Stadt. Von gewissen Quartiervereinen wird das als Konkurrenz verstanden, ich sehe das weniger so. Was wir aber alle nicht wollen: Dass die Stadt das Gefühl hat, sie müsse die Quartiervereine ersetzen durch eine städtische Struktur. Das wäre völlig falsch. Die Quartierarbeit zeichnet sich durch freiwillige Mitarbeit von den Leuten aus, die hier wohnen. Das kann man nicht staatlich organisieren, das wäre sinnwidrig.

Wenn die Quartiervereine eine Entschädigung für ihr Bindeglied-Engagement erhalten würden, wäre das noch keine Professionalisierung.

Natürlich wären wir im ersten Moment froh um einen grösseren Obolus der Stadt. Doch ich sehe darin auch eine Gefahr. Je mehr Geld der Staat ausschüttet, umso mehr wachsen die Ansprüche. Das Prinzip der Freiwilligkeit unserer Arbeiten würde unterminiert. Und ich sehe auch keine Notwendigkeit, wir schreiben als Verein fast jedes Jahr eine positive Rechnung.

Also keine zusätzliche staatliche Unterstützung, damit man euch nicht unter Druck setzen kann?

Die Kehrseite der Freiwilligkeit ist die Freiheit und die Unabhängigkeit. Ohne grosse Zuwendungen sind wir freier. Die ist uns etwas wert. Ich glaube, das sehen viele Quartiervereine ganz ähnlich.

Freiwillige für den Vorstand finden, ist erst die halbe Miete. Viele Quartiervereine sind überaltert und die Mitgliederzahlen sinken seit Jahren, auch in Wiedikon.

Das ist die erste besorgniserregende Beobachtung, die ich als neuer Präsident gemacht habe. Von 2008 bis 2017 ging die Mitgliederzahl von über 500 auf 430 zurück. Mit dem neu zusammengesetzten Vorstand haben wir uns drei Ziele gesetzt. Als Erstes wollen wir die Mitgliederzahl erhöhen. Das ist uns bereits gelungen: Innert vier Monaten haben wir über 60 Neueintritte verzeichnet. Und es geht so weiter.

Gibt es eine Zielgrösse?

Jetzt sind wir bei knapp 500, unser Potenzial liegt bei mindestens 1000 Mitgliedern. Warum? Ich erkundigte mich bei anderen Quartiervereinen: Bei aktiveren steigen die Zahlen. Riesbach zum Beispiel hat mit 16 000 Einwohnern 1000 Mitglieder. Wiedikon mit 48 000 nur 500. Liegt das Problem bei einer anderen Bevölkerungsstruktur? Nein, beim Quartierverein selbst. Wir müssen unsere Hausaufgaben besser anpacken.

Was sind die zwei anderen Ziele?

Wir wollen uns besser im Quartier vernetzen, das heisst neue Bevölkerungssegmente erschliessen: Neuzuzüger, Familien mit Kindern sowie Ausländer, die seit längerer Zeit hier wohnen. Drittens müssen wir im Quartier stärker sichtbar werden. Dafür haben wir unsere Website aktueller gemacht. Wir wollen im Quartier durch eigene Anlässe und Aktivitäten bessere Präsenz markieren.

Gibt es konkrete Ideen?

(Windet sich ein bisschen): Ich will noch nicht zu viel verraten. An der 100-Jahr-Feier werden wir neben unseren bewährten Vereinen auch neue Köpfe vorstellen, sodass der traditionelle hundertjährige Quartierverein plötzlich viel jünger und frischer aussieht. Ich kann nur auffordern: «Kommt an unser Fest! Engagiert euch! Dann werdet ihr sehen, was wir mit dem neuen Schwung meinen.»

Die meisten Wiedikerinnen und Wiediker wählen links-grün. Aber der Vorstand des Quartiervereins ist eher bürgerlich. Ist das ein Handicap?

Mit dieser Beobachtung haben Sie völlig recht, aber das ist für uns eine Chance. Ich möchte ganz gezielt den Vorstand um zwei bis drei Leute aufstocken, um das breite Spektrum abzudecken. Interessenten können sich gerne melden, es würde mich ausgesprochen freuen, wenn zum Beispiel jemand von den Grünen oder der AL mitmachen würde. Alle anderen politischen Kräfte sind bei uns schon vertreten. Auch für die künstlerische und kreative Szene sind wir offen.

Wiedikon hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt, Stichwort Weststrasse oder Ersatzneubauten. Was sind für Sie die schönen Seiten des Quartiers?

Viele Probleme haben wir gelöst wie den Verkehr in der Weststrasse, auch die unsägliche Besetzerszene in der Binz ist verschwunden, da bin ich sehr froh. Zudem gibt es trotz dem hohen Ausländeranteil von rund 30 Prozent keine Schwierigkeiten zwischen Schweizern und Ausländern. Insbesondere unsere Schulen leisten hervorragende Integrationsarbeit. Und dann gibt es die wunderbare Natur mit dem Uetliberg, die Erholungszone im Friedhof Sihlfeld, die Sihl und vieles mehr. Wiedikon hat enorm viele Pluspunkte.

Trotzdem gibt es Herausforderungen.

Ja, eine ist die Gentrifizierung des Kreises 3. Weststrasse, Idaplatz und Bruppacherplatz wurden aufgewertet, nachdem der Verkehr weggefallen ist, neue Häuser gebaut und Wohnungen saniert. Dadurch sind die Mietpreise exorbitant gestiegen, das ist für viele Leute ein Problem. Aber es gibt im Kreis 3 ja auch die Genossenschaften, die viel guten Wohnraum mit erträglichen Mieten zur Verfügung stellen.

Grossbaustellen gibt es momentan keine …

Ja, bei den Baustellen ist die Situation zurzeit nicht schlimm. Die Grossbaustellen sind abgeschlossen, eine kleine wird es noch beim Bahnhof Wiedikon wegen einer zusätzlichen Tramschlaufe und dem Busbahnhof geben.

Also gibt es keine echten Herausforderungen für den Quartierverein?

Vielleicht... Doch das gibt uns Gelegenheit, unsere Organisation besser aufzubauen. Wir wollen neben den traditionellen Veranstaltungen auch andere ins Leben rufen.

Die Stadt zahlt ja maximal an zehn Veranstaltungen je 600 Franken. Streicht man dann einige bisherige Anlässe?

Nein, wir organisieren zusätzliche Veranstaltungen, auch wenn wir nichts dafür erhalten. Wir führen die Anlässe ja nicht durch, um Geld abzuholen, sondern um Mitglieder zu gewinnen und den Leuten in Wiedikon etwas zu bieten, das einmalig ist.

Welche Anlässe schweben Ihnen vor?

Neben unseren traditionellen Kulturanlässen wie «Künstler im Quartier» soll auch andere Kunst zum Zug kommen. Und wir wollen uns wieder vermehrt engagieren bei Fragen, die das Quartier Wiedikon beschäftigen.

Wo liegt für Sie das Potenzial von Wiedikon?

Wiedikon ist eine Stadt in der Stadt, eine Erholungsstadt, eine Gartenstadt. Viele Zentrumsfunktionen – wie etwa Opernhaus, Schauspielhaus, Hauptbahnhof – gibt es hier nicht. Aber wir sind in Fussdistanz zur City gelegen. Dafür kennen wir viele Quartiergeschäfte, den lokalen Handwerker, die Coiffeuse, den Schuhmacher und den speziellen Bäcker. Da leistet der Verein Gewerbe Zürich 3 hervorragende Arbeit. Deren Slogan empfehlen wir auch unseren Leuten: «Lueg zerscht im Drüü». Bei ihnen gilt das für Geschäfte, bei uns zum Beispiel im Bereich Kultur. Wir haben das Comedy Haus, eigene Kinos, den Kulturmarkt.

Ende August beginnt für den Quartierverein Wiedkon das zweite Jahrhundert. Wie soll er sich in zehn Jahren präsentieren?

Die 1000 Mitglieder werden wir wohl noch nicht erreicht haben, aber ein gutes Stück weiter sein. Etwas bleibt auch in den nächsten 100 Jahren aktuell: die Förderung des Quartiergeistes und der kulturellen Traditionen im Quartier. So stehts in unseren Statuten. Dabei bedeutet das altertümliche Wort Quartiergeist nichts anderes als: die Lebensqualität in Wiedikon zu fördern und zu erhalten. Daran müssen mir nichts ändern.

 

Quartierverein Wiedikon feiert 100 Jahre

Am Samstag, 19. August, lädt der Quartierverein Wiedikon zur 100-Jahr-Feier ins grosse Festzelt auf der Schlossgasse zwischen Schmiede Wiedikon und Ortsmuseum. Für Unterhaltung ist von 12 bis 24 Uhr gesorgt, sowohl auf der Bühne wie im zusätzlichen Musikzelt. Angesagt sind nebst kulinarischen Genüssen Esel- und Ponyreiten auf der Kollerwiese, Zauberhaftes von Markus Gabriel, ein Auftritt der Theatergruppe Friesenberg sowie die Bilderausstellung «100 Jahre Quartierverein» im Ortsmuseum. Nach der Eröffnung um 12 Uhr durch Quartiervereinspräsident Urs Rauber begrüsst Regierungsrat Mario Fehr, der in Wiedikon wohnt, die Besucherinnen und Besucher, und um 13 Uhr folgt die Festrede von Stadtrat Filippo Leutenegger. Moderiert wird der Anlass von einer Wiedikerin, die man vom Fernsehen kennt: Tagesschau-Moderatorin Cornelia Boesch. (zw.)

www.quartierverein-wiedikon.ch



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