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30.08.2017 Von: Lorenz Steinmann

Zürich 2

Kritische Thesen kritisch hinterfragt

Die von den Organisatoren der ersten sieben Turmgespräche präsentierten Resultat-Thesen erzeugten bei den Kirchenvertreterinnen und -vertretern mehrheitlich kollektives Unverständnis.

Seit Januar 2017 organisieren Gabriele Kisker, Ueli Greminger und David Guggenbühl von der Kirchgemeinde St. Peter jeweils am 20. des Monates ein Turmgespräch. Das ergab bisher sieben einstündige Gespräche im malerischen Kirchturm mit je sieben Gästen, total 42 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, sowie einem übergreifenden Thema: «Religion – Himmel oder Hölle». Kisker, Greminger und Guggenbühl haben als Quintessenz aus den sieben Gesprächen drei durchaus streitbare Thesen formuliert.

Am 20. August abends um sechs nun fand eine Art Auslegeordnung, eine Diskussion, rückblickend betrachtet fast schon ein Showdown, statt mit wichtigen Exponenten der reformierten Kirche Zürich. Mit dabei waren unter anderem Andreas Hurter, Präsident des reformierten Stadtverbandes, Andrea Marco Bianca, Pfarrer in Küsnacht und Vizepräsident des kantonalen Kirchenrates, Martin Peier, Geschäftsleiter des reformierten Stadtverbandes und Theologe, Monika Frieden, Pfarrerin am Grossmünster, EVP-Nationalrätin Maja Ingold sowie Esther Maurer; die ehemalige Stadträtin leitet ab dem 1. Dezember 2017 in der Funktion einer Vizedirektorin den Direktionsbereich Asyl im Staatssekretariat für Migration (SEM).

«Kritik und Vorbehalte»
«Wir wollten uns mit Inhalten auseinandersetzen», erklärte David Guggenbühl eingangs. Sein Fazit: Das habe wunderbar geklappt, die Turmgespräche seien spannend, aber auch kontrovers gewesen, hätten wertvolle Inputs und viele Reaktionen auf die begleitende Kommunikation ergeben. «Kritik und Vorbehalte waren da, doch es lohnte sich, loszulegen», so Guggenbühl. Und nun also die Thesen.

Persönliche Glaubensdebatte
1. These: Die reformierte Kirche sollte nicht einen Glauben verkünden als vielmehr eine intensive und auch persönliche Glaubens-Debatte ermöglichen. Martin Peier, Geschäftsleiter des reformierten Stadtverbandes (und damit verantwortlich für die Fusion der 34 Stadtzürcher Kirchgemeinden), fand ebenfalls, «dass die Kirche keine Deutungshoheit» mehr habe in der Gesellschaft. «Es fehlt die öffentliche Debatte, wie wir sie von der SRF-‹Arena› her kennen», so Peier.
Andreas Hurter, Präsident des reformierten Stadtverbandes, blieb hingegen eher allgemein. «Die Kirche muss in Bewegung bleiben und Diskussionen zulassen.» Für Monika Frieden, Pfarrerin am Grossmünster, liegt der Erfolg der Glaubensdebatte im Kleinen. «Für mich wird das Gespräch 1:1 schnell unglaublich tief.».
Viele Kirchgänger seien froh um Schutz und Segen. Für den Pfarrer und Vizepräsidenten des kantonalen Kirchenrats, Andrea Bianca, liegt das Erfolgsgeheimnis der persönlichen Glaubensdebatte darin, «nachzufragen und nochmals nachzufragen». Bianca verglich die reformierte Kirche symbolisch mit einer Pizza. «Das Quattro-Stagioni-Modell zeigt, dass wir nicht mehr nur vom Zentrum ausgehen dürfen», es solle für verschiedene Bedürfnisse verschiedene Angebote geben, brachte Bianca einen bildlichen Vergleich.

Öffnung nach aussen
Zur 2. These: Die Kirche sollte sich so weit als möglich äusseren Einflüssen gegenüber öffnen und diese kritisch, aber vor allem auch eigenständig reflektieren.
Maja Ingold, EVP-Nationalrätin, sah Gefahren darin, dass die Kirche sich zu sehr anbiedern könnte. «Doch Themen wie die ‹Ehe für alle› sind da», so Ingold. Für Martin Peier würde Anbiederung bedeuten, Meinungen auszulagern und nicht selber Stellung zu beziehen. Andrea Bianca ortet die Schwächen der Kirche bei den fehlenden Erlebnissen für die Menschen. «Dabei suchen sie Entscheidungsgrundlagen», so der 55-Jährige. Die Grossmünster-Pfarrerin Monika Frieden hingegen sah das Ganze nicht so eng. Sie erwähnte Erfolgserlebnisse im Kleinen, etwa «wenn Flüchtlinge beim von uns organisierten Deutschunterricht positive Bilder mit der reformierten Kirche verbinden».
Esther Maurer kritisierte, dass die Kirche nicht nur Plattform sein solle. «Das ist mir zu passiv. Wenn wir uns auf das Kleine konzentrieren, verpassen wir das Grosse», so Maurer. Andrea Bianca rief dazu auf, dass die Kirche agieren solle wie ein Pacemaker beim Marathon. «Man muss vorher abmachen, welches Ziel man erreichen will, sonst kommt man niemals nach», brachte Bianca abermals ein sehr klares Beispiel.

Glaubensbezug verloren
3. These: Die reformierte Kirche hat ihren Bezug zum Glauben fast vollständig verloren und übt sich heute fast ausschliesslich in der Bewahrung und Verwaltung ihrer Güter und Vermögenswerte.
Der Geschäftsleiter des reformierte Stadtverbandes, Martin Peier, betonte, dass es keinen Führungsanspruch der Kirche geben dürfe. «Wir sollen nur den Rahmen bieten, nicht Inhalte festlegen.» David Guggenbühl störte es, dass man in der Kirchenpflege (er ist selber Vizepräsident der Kirchgemeinde St. Peter) nie über den Glauben rede. «Wir reden lieber über optimale Renovationen», so Guggenbühl selbstkritisch. Maurer hingegen sah darin kein Problem: «Die Kirchenpflege hat den Betrieb sicherzustellen.» Ueli Greminger als Gegenpart konnte durchaus Ähnliches wie Guggenbühl berichten. «In der Pfarrschaft wird nie über den Glauben gesprochen, Glauben ist tabu – mir fehlen diese Gespräche» so Greminger. Maja Ingold hingegen störte sich eher daran, wenn man immer über den Glauben redet. David Guggenbühl liess nun nicht locker und bohrte nach: «Es muss doch einen Grund geben für ein Ehrenamt in der Kirche, das ist doch der Glaube, oder?» Darauf ging einzig Martin Peier ein: «Da haben wir tatsächlich Entwicklungspotenzial.» Peier findet, dass sich bei gewissen Handlungen der Glauben zeigen sollte: «Wie fair gehen wir mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern um?» Oder: «Wie fair gehen wir mit dem uns anvertrauten Geld um?»
Die Grundthese, dass die reformierte Kirche ihren Bezug zum Glauben fast vollständig verloren habe und sich heute fast ausschliesslich in der Bewahrung und Verwaltung ihrer Güter und Vermögenswerte übe, blieb somit fast gänzlich unbeantwortet. David Guggenbühl nahm den Verlauf des Gesprächs mit Galgenhumor: «Ich bin froh, dass wir die Teilnehmer mit den Thesen ein bisschen geärgert haben.»

Die nun abgeschlossene achtteilige Diskussionsrunde mit profilierten Gästen im Turm der Kirche St. Peter stand unter dem Motto «Religion – Himmel oder Hölle». Die Turmgespräche sind in voller Länge und gekürzt auf der eigens aufgeschalteten Website www.turmgespraeche.ch nachzuhören. Dazu gibt es auch einen öffentlichen Stationenweg im Kirchenschiff.



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