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30.08.2017 Von: Franziska Jud

Zürich 2

«Man hat keine Ahnung, was der Tag bringt»

Unfälle, Kreislaufprobleme, Schmerzen: Wohl kaum eine Arbeit ist so abwechslungsreich wie die Aufgaben des Rettungsdiensts. «Zürich 2» konnte einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Jeder Zürcher kennt die weissen Rettungswagen, die täglich in der Stadt unterwegs sind. Das Blaulicht und die heulenden Sirenen ziehen viele Blicke auf sich. So manches Kind staunt mit grossen Augen, und die Erwachsenen fragen sich, wo das Unglück wohl geschehen sei oder hoffen, dass es nicht zu ernst ist. Doch wie erleben die Retter selbst die Einsätze? Wie sieht der Alltag beim Rettungsdienst aus?

Pünktlich um 06.30 Uhr stehe ich an einem Donnerstagmorgen etwas aufgeregt vor der Hauptwache des Rettungsdiensts am Neumühlequai. Um herauszufinden, wie ein Dienst bei der Sanität abläuft, darf ich eine 12-Stunden-Schicht begleiten. Die Schicht beginnt mit dem Morgenrapport. Der Schichtleiter begrüsst die Anwesenden und gibt die für diesen Tag wichtigen Informationen weiter. Nachdem bei der Einteilung auf die Fahrzeuge noch kleinere Änderungen vorgenommen wurden, kann der Tag beginnen. Ein Rettungssanitäter besorgt mir eine Garnitur der Sanitätsuniform. Danach klebt mir der Schichtleiter zwei Klettstreifen mit der Aufschrift «Praktikant» an die Uniform und drückt mir einen Pager in die Hand. Das mulmige Gefühl im Bauch wächst: Mit welchen Situationen werde ich wohl konfrontiert? Wie stark muss ich mich als Praktikant einbringen? Ich versuche, mich an den letzten Erste-Hilfe-Kurs zu erinnern. Was haben wir da nochmals gelernt?

Gummihandschuh-Tragepflicht
Der erste Einsatz lässt nicht lange auf sich warten: Bei der Kantonspolizei Zürich befindet sich ein Patient, der in ein Spital verlegt werden muss. Ich darf hinten im Fahrzeug Platz nehmen. Da der Einsatz nicht dringlich ist, fahren die zwei Rettungssanitäterinnen, die hier nicht namentlich genannt werden wollen, ohne Blaulicht. Am Einsatzort werden mir Gummihandschuhe in die Finger gedrückt und man erzählt mir, dass es Pflicht ist, diese zu tragen. Es könne nämlich sein, dass ich plötzlich auch mit anpacken müsse. Die Rettungskräfte selbst haben sowieso immer einige Handschuhe als Vorrat in den Hosentaschen. Wir holen den Patienten ab. Auf der anschliessenden Fahrt ins Spital sitze ich vorne, denn die Sanitäterin braucht hinten genügend Platz, um sich um den Patienten zu kümmern.
Von ihrer Kollegin erfahre ich in dieser Zeit, dass die Ausbildung «dipl. Rettungssanitäter/in HF» drei Jahre dauert. In dieser Zeit müssen die angehenden Retter mehrere Prüfungen bestehen und eine Diplomarbeit verfassen. Ebenso absolvieren sie mehrere Praktika in verschiedenen Bereichen, wie beispielsweise auf der Notfallstation in einem Spital.

Angekommen am Zielort findet die Übergabe statt. Die Sanitäterinnen erklären mir, dass diese in der Regel immer mit Pflege und Arzt geschieht, damit alle Informationen korrekt an die entsprechenden Personen weitergegeben werden. Nach dem Einsatz desinfiziert das Team das Fahrzeug, und wir sind wieder bereit für den nächsten Aufruf.

Transport für Patient ungewohnt
Zurück in der Wache können wir einige Minuten ausruhen. Bei einem Notruf wählt die Einsatzleitzentrale das Team nach Standort aus. Falls sich mehrere Teams gleichzeitig an einem Standort befinden, wird dasjenige aufgeboten, das zuerst zurück in der Wache war. Nach dem Einsatz rückt das entsprechende Team ans Ende der Liste. Auf Dashboards in der Wache sind die laufenden Einsätze aufgelistet, und es ist ersichtlich, welche Teams noch verfügbar sind.
Eine Sanitäterin erzählt mir, dass die meisten die ruhige Zeit nutzen, um Schreibarbeiten zu erledigen. An jenem Donnerstag steht aber eine andere Beschäftigung im Zentrum: Die Sanitäter und Sanitäterinnen lernen für die anstehenden Kompetenzprüfungen. Diese finden alle zwei Jahre statt und sind massgebend dafür, welche Medikamente man verabreichen darf.

Viel Zeit zur Prüfungsvorbereitung bleibt aber nicht, denn schon erreicht uns der nächste Einsatzbefehl: Eine Frau ist gestürzt und weist eine kleinere Blutung auf. Mit Blaulicht fahren wir zum Ereignisort. Mir wird sogleich ein roter Sanitätsrucksack hingehalten, den ich tragen soll. Etwas überrascht vom hohen Gewicht des Rucksacks – 12 Kilo, wie man mir später erklärt – laufe ich den zwei Sanitäterinnen hinterher. Im Rucksack befindet sich Material, damit eine erste Hilfeleistung abseits vom Rettungswagen möglich ist. Nach ersten Abklärungen entscheiden sich die zwei Sanitäterinnen, die Dame für weitere Untersuchungen ins Spital zu bringen. Für die Patienten ist der Transport jedoch nicht besonders angenehm: «Sie werden liegend transportiert, also eine ungewohnte Position im Auto», meint eine Rettungssanitäterin. Die Patienten sähen ausserdem nicht aus dem Fenster und es schüttle auf der Strasse.

Zuverlässiges Bauchgefühl
Pünktlich zum Mittagessen meldet sich der Pager erneut. Ich befürchte schon, das Essen zu verpassen, aber es ist die Einsatzleitzentrale, die eine gute Pause wünscht. Meine zwei Begleiterinnen erklären mir lachend, dass jedes Team dreissig Minuten Mittagspause erhält. Natürlich folgt sogleich die Relativierung: Pausen sind nur möglich, wenn es die Einsatzlage erlaubt. An manchen Tagen ist so viel los, dass die Teams nur kurz in die Wache fahren, um das Material aufzufüllen und auszutauschen, und ansonsten direkt zum nächsten Einsatz geschickt werden.
Jener Donnerstag ist jedoch ein ruhiger Tag und die Sanitäterinnen berichten gerne von ihren Eindrücken. Kameradschaft ist ihnen sehr wichtig. Belastende Einsätze werden im Team besprochen, meint eine Sanitäterin. Die meisten würden diese Möglichkeit nutzen. «Wenn wir möchten, können wir zudem mit Peers reden», ergänzt ihre Kollegin. Dies sind ebenfalls Rettungssanitäter, die einen entsprechenden Kurs absolviert haben. Reden könne man auch mit dem Schichtleiter oder dem Notfallseelsorger. Falls nötig, erhalten die Retter psychologische Hilfe.

Gewalt sei ebenfalls ein Thema. Wenn die Hilfeleistung nicht möglich ist, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, müsse man zuerst auf die Polizei warten, erfahre ich von der Sanitäterin. «Die Stadtpolizei ist aber extrem schnell vor Ort.» Wichtig sei, die Augen offen zu halten und seinem Bauchgefühl zu vertrauen.

Arbeitsunfall auf der Baustelle
Die Schichtarbeit ist für die zwei Sanitäterinnen kein Problem. Sie schätzen es, zwischendurch unter der Woche frei zu haben, wenn andere arbeiten. Eine Schicht dauert 12 Stunden. Die Retter absolvieren zwei Tagdienste, zwei Nachtdienste und haben danach vier Tage frei. Anschliessend folgen zwei Wochen mit 8,5-Stunden-Schichten und hauptsächlich planbaren Einsätzen, bevor wieder Tagdienst geleistet wird.

Der Pager unterbricht uns: Wir werden in den Kreis 2 zu einem Arbeitsunfall auf einer Baustelle gerufen. Die Anfahrt dauert ziemlich lange und ich erfahre, dass es mit zunehmendem Verkehr immer schwieriger wird, innerhalb von zehn Minuten am Einsatzort anzukommen. Deshalb werde Schutz & Rettung in Zukunft zusätzliche Wachen bauen, um das Stadtgebiet weiterhin optimal abzudecken. Den Patienten aus dem Kreis 2 nehmen wir mit ins Triemlispital. «Das Zielspital wird ausgewählt nach Verletzung, Unfallort und Wohnort», teilt man mir mit. Letzteres sei vor allem der Fall, wenn ein Patient voraussichtlich länger bleiben müsse. Auf der Fahrt notiert die Sanitäterin die Angaben des Patienten und leistet medizinische Hilfe. Dabei geschieht eine Behandlung nur so weit, wie der Patient es will: «Wenn ein Patient echt keine Schmerzmittel will, geben wir auch keine.» Im Spital verabschieden wir uns vom Patienten und fahren zurück zur Wache.

Die abwechslungsreichen Arbeitstage mögen die zwei Rettungssanitäterinnen besonders. «Man geht arbeiten und hat keine Ahnung, was der Tag bringt. Man ist nicht immer am selben Ort und arbeitet draussen und drinnen», sind sie sich einig. Auch eine Verletzung sei nicht immer dasselbe: «Die Situation heute auf der Baustelle würde auf einem Parkplatz ganz anders aussehen.» Auf Baustellen wird die Arbeit zusätzlich erschwert durch Lärm, Geruch und unebenen Boden. Zur eigenen Sicherheit befinden sich auf dem Rettungswagen Helme. Der grosse Unterschied liege in den Entscheidungen, die getroffen werden müssten, erklärt eine Retterin. Wenn auf einer Baustelle beispielsweise jemand Rückenprobleme habe, könne man die Person nicht einfach mit ins Auto nehmen, denn sie sollte möglichst wenig bewegt werden. «Eine Untersuchung an Ort und Stelle ist dann aber oft nicht einfach», meint die Retterin und verweist auf Lärm und Sicherheit.

Dankbare Patientenangehörige
Bald ist der Tag um. Eine letzte Aufgabe erwartet die zwei Rettungssanitäterinnen vor dem wohlverdienten Feierabend: Der Rettungswagen wird vollständig gereinigt, damit um 18.30 Uhr der Nachtdienst das Fahrzeug übernehmen kann. Zeit also für eine letzte Frage: Was motiviert die Männer und Frauen, eine so intensive und manchmal sehr belastende Arbeit auszuüben? «Man kann mit den Menschen zusammenarbeiten. Wir erleben tiefe Dankbarkeit von Angehörigen. Ausserdem spürt man, dass man gebraucht wird und dass die Leute Freude haben.»
Umso mühsamer sind Einsätze, bei denen der Rettungsdienst gar nicht nötig wäre, etwa bei kleineren Schnittverletzungen. Übereinstimmend meinen beide Sanitäterinnen: «Das System ist nicht dafür da. Das Rettungsmittel fehlt dann woanders, wo es wirklich gebraucht wird.»

Dem Rettungswagen, der auf meinem Heimweg mit Blaulicht an mir vorbeifährt, blicke ich nachdenklich nach. Der Tag hat vor allem eines gezeigt: Die Sanitäterinnen und Sanitäter, die täglich Menschen helfen, verdienen grossen Respekt.

www.stadt-zuerich.ch/Stichwort «Schutz & Rettung»



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