Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich
30.08.2017
Zürich West

Schreiben «wider das eigene Vergessen»


Jürg Vogel blickt zurück in seine Vergangenheit: Seine Autobiografie behält er jedoch für sich. Foto: csb.

Mithilfe des Projekts Edition Unik können Menschen ihre eigene Biografie verfassen. Der Albisrieder Jürg Vogel hat seine Geschichte auf 200 Seiten verewigt.

Clara dos S. Buser

Jürg Vogel schreibt leidenschaftlich gern. Seine Autobiografie behält er aber für sich selbst. «Hier drin gibt es Informationen und Statistiken, die sonst keinen interessieren.» Seine vielen Reden als Zunftmeister der Zunft zur Letzi hören dagegen Freunde und Fremde. Vogel ist in Albisrieden aufgewachsen, aber die Wurzeln seiner Familie liegen in der Innenschweiz. Weil seine Vorfahren aus Engelberg kamen, verbrachte die Familie Vogel die Ferien am Fuss des Titlis. Dass Vogel die Engelberger Klosterschule besuchen sollte, war von den Eltern vorbestimmt. Doch diese Entscheidung hatte er nie hinterfragt. Dazu kam er erst dieses Jahr, als er mit seinem Vater während des Mittagessens über sein Leben sprach. Dabei fand er heraus, dass es sich beim Wechsel zum Engelberger Gymnasium nicht etwa um eine Disziplinierungsmassnahme handelte. Der Vater habe versichert: «Deine Mutter und ich waren schon immer davon überzeugt, dass es eine gute Schule war!»

«Keine heikle Vergangenheit»

Der Anlass des Treffens zwischen Vater und Sohn war Jürg Vogels Buch «Vogel-Perspektiven». Geschrieben hat er es als Teilnehmer des Projekts Edition Unik, das Interessierten ermöglichte, die eigene Geschichte niederzuschreiben. Obwohl sich das Projekt an Jung und Alt richtet, sind die Teilnehmer in der Regel über 40, die bisher älteste Beteiligte war 78. Die Interessierten schreiben meist über das eigene Schicksal, doch hier und da gibt es Ausnahmen, wie jüngst ein Kinderbuch.

 Als das Pendel der Zeit sich schwingend dem sechzigsten Frühling annäherte – was übrigens seine äusserliche Erscheinung nicht verrät –, dachte sich Vogel, die Zeit sei reif für einen vollständigen Rückblick. «Was habe ich im Leben gemacht? Was habe ich erreicht?», fragte er sich. Der frühpensionierte Anwalt stiess in einer Zeitung auf einen Bericht über das Projekt. Im Januar 2017 wurde aus dem Anwalt ein Hobbyschriftsteller, der im Halbtagesrhythmus «wider das eigene Vergessen» schrieb. «Ich hatte kein schwieriges Leben, keine heikle Vergangenheit. Ich wollte dieses Buch schreiben als Erinnerung an meine eigene Arbeit und meine Erfolge. Ich habe es für mich geschrieben.»

Vogel hatte vier Monate Zeit, sein Buch zu schreiben. Für ihn kein Problem. Nach vier Wochen war seine Geschichte verfasst. «Ich wusste schon, was und wie ich schreiben wollte», erzählt er. Nun musste er die Reihenfolge der Ereignisse sortieren. Seine Geschichte legte er teilweise chronologisch nieder. Das Buch gliedert sich in zahlreiche kurze Kapitel.«Vogel-Perspektiven» fängt mit einem lebenslaufähnlichen Teil an, in dem Vogel über die Schule, das Militär, den Beruf und die Familie erzählt sowie über Nebentätigkeiten und Engagements. «Die ersten 30 Jahre meines Lebens wurden vom Elternhaus geprägt.» Damals war er nur der Sohn. «Die letzte Hälfte haben vor allem meine Frau und Kinder geprägt. Klingt logisch, wurde mir aber erst während der Buchbearbeitung so richtig bewusst.»

«Ehrlichkeit ist wichtig»

Den zweiten Teil des Buches widmet er den Anekdoten und prägenden Ereignissen. Dabei realisierte er, dass im ersten Teil des Buches wesentlich mehr Anekdoten zu lesen sind. «War mein Leben spannender vor 30 Jahren? Das kann sein.» Er lächelt, als wollte er einen winzigen Anflug von Verlegenheit überspielen. «Wichtig beim Schreiben ist, stets mit sich selbst ehrlich zu sein. Das ist nicht immer einfach.» Die emotionaleren Fragen des Lebens liessen sich «je nach Tagesform» beantworten. Vogel versucht, diese persönlichen Angelegenheiten möglichst objektiv zu betrachten; weniger Emotionen, mehr Fakten. «Die Erlebnisse verändern sich nicht, aber wir sehen sie in einem anderen Zusammenhang.» Er ist sich aber bewusst, dass diese Art von Auseinandersetzung ganz ohne Bewertungen unmöglich ist.

Was passiert jetzt? Das Projekt ist abgeschlossen, das Buch in seiner Hand. «Ich mache ein Zwischenjahr», sagt er lachend. «Nun habe ich Zeit und den Kopf frei für neue Ideen. Wenn ich etwas anderes erleben möchte als den Beruf, dann fange ich damit lieber früher als später an!»

Über das Leben reflektieren

Edition Unik ist eines der Kulturprojekte von Heller Enterprises. Es ermöglicht das Niederschreiben der eigenen Geschichte und unterstützt Hobbyautoren während den verschiedenen Prozessen des Schreibens. Das Projekt unterteilt sich in drei Phasen, die insgesamt 17 Wochen dauern. In der ersten Phase werden Erinnerungen gesammelt, kleine Episoden und Szenen erzählt. In der zweiten Phase schaut man das Geschriebene nochmals durch und gibt es in eine eigens fürs Projekt entwickelte App ein. Schliesslich wird das Buch analysiert und sprachlich verfeinert.

www.edition-unik.ch



Anzeigen

Galerien

Aktuelle Ausgaben

Züriberg vom 16. November 2017
Zürich 2 vom 16. November 2017
Zürich Nord vom 16. November 2017
Zürich West vom 16. November 2017
Küsnachter vom 16. November 2017
Küsnachter Amtlich vom 16. November 2017

Sonderzeitungen

Tonhalle
Lionstag
Abenteuer Stadt Natur 2017
Lernfestival'16
Literaturforum booXkey
Partnerpublikation der Lokalinfo AG
Stadt-Anzeiger Glattfelder Kilchberger