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31.08.2017 Von: Annina Just

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

«Vielleicht findet mich einmal, was ich suche»


Ueli Bär vor einem Ausschnitt seines Werks «Die Band»: Auf dem dreiteiligen Gemälde sind sieben Musiker und Musikerinnen abgebildet. Foto: Annina Just

Er ist einer von über 100 Künstlern, die an der ersten Kulturnacht Küsnacht mitwirken: Ueli Bär, Kunstmaler und Musiker. Der «Küsnachter» hat den 77-Jährigen zum Gespräch getroffen.

«Wenn es gut geht, wird es grossartig, aber es kann auch missraten. Das weiss man nie.» Ueli Bär sitzt am Ess- und Arbeitstisch in seinem Küsnachter Zuhause, einem kleinen Hausteil, den er und seine Frau selber entworfen und mit Freunden gebaut haben. Durch die lange Fensterfront sieht man hinter einem wilden Garten den See glitzern, ein Grossteil der Wände ist verdeckt von unzähligen Büchern, Souvenirs aus fremden Ländern und Werken von befreundeten Künstlern. Der Ort ist Wohnraum und Atelier zugleich.
Der Maler und Musiker spricht gerade über sein Vorhaben für die erste Kulturnacht, die Küsnacht am 29. September erleben wird. Zusammen mit dem Perkussionisten Tony Majdalani wird er in der reformierten Kirche zu einem Improvisationskonzert laden. Was die Zuschauer erwartet, weiss er selber noch nicht ganz genau. An der Improvisation besonders Freude bereitet ihm, dass es «einfach eine freie Sache, ganz ohne Vorgaben» ist. Und dass sich im Zusammenspiel mit einem anderen Musiker Synergien ergeben können.

«Schauen, was passiert»
Hauptberuflich ist Bär als Kunstmaler tätig, aber auch die Musik begleitet den in Zürich aufgewachsenen Künstler seit seiner Jugend. Autodidaktisch hat er sich das Saxofonspiel beigebracht. «Ein paar Semester war ich dann doch noch an der Jazz- Schule, weil ich gewisse Dinge etwas besser lernen wollte, wie zum Beispiel Notenlesen.» Vieles davon habe er aber auch wieder vergessen, ergänzt er schmunzelnd. Vieles davon braucht er wohl auch nicht wirklich. Denn bei seiner Art von Musik geht es um Intuition, um das fliessende Spiel aus dem Moment heraus, wie er mit ruhiger Stimme ausführt. «Einer, der richtig gut darin ist, hat Improvisation mal so erklärt: ‹Man spielt einen Ton und schaut, was dann passiert.›
An der Kulturnacht, wenn er in der Kirche spielt, werde sich wohl etwas Meditatives entwickeln, vermutet der 77-Jährige. Und fügt sogleich an: «Es kann aber auch ganz anders kommen.» Er freue sich am meisten auf den besonderen Klang, den Saxofon und die östlich angehauchte Perkussionsmusik von Majdalani im Gotteshaus erzeugen werden. Mit Tony Majdalani hat er schon mehrfach in verschiedenen Formationen gespielt, aber noch nie zu zweit. Sie wollen sich demnächst einmal treffen, um die Wirkung ihrer Instrumente in der Kirche zu testen. Der Rest wird sich dann im Auftritt selber entwickeln.

«Man kann nichts trennen»
Genau wie in der Musik ist es für Ueli Bär auch in der Malerei wichtig, frei zu sein für das, was passieren kann. «Wenn man sich überraschen lässt, dann kommen meist die ganz guten Momente», sagt er. Wie die Musik entsteht also auch Bärs Malerei aus der augenblicklichen Stimmung heraus oder «aus der Notwendigkeit des Augenblicks», wie es einmal ein Kunsthistoriker formulierte.
Seit 1967 ist der gelernte Grafiker hauptberuflich in der Kunst zu Hause. In dieser Zeit hat er die verschiedensten Stilrichtungen ausprobiert oder – man kann auch sagen – sich nie auf einen Stil festlegen lassen. Abstrakt sind die ersten Werke, dann gab es eine Phase, in der er offensichtliche Gesellschaftskritik übte und Missstände realitätsnah abbildete, danach eine Zeit des realistischen Naturalismus, in der er mit Staffelei und Farben in der Natur unterwegs war. Heute würde er seine Werke am ehesten als «abstrakten Surrealismus » bezeichnen. Sie sind manchmal klein, manchmal grossformatig, wichtig sei ihm die Abwechslung. Ob er an einem kleinen oder grossen Bild arbeite, sei vom ganzen Prozess und der Dynamik her ein riesiger Unterschied und es würden sich dabei ganz unterschiedliche Probleme und Fragen stellen, führt der Künstler aus. Gemein ist seinen Bildern, dass sie von einer grossen Freude an der Farbe zeugen.
Aber auch in Bezug auf die Technik ist Bärs Arbeit sehr vielfältig. Er variiert zwischen Öl oder Acryl auf Leinwand, Acryl oder Gouache auf Papier oder einer Kombination dieser Techniken. «Grundsätzlich sucht man ja ganz einfach für das, was man ausdrücken will, die geeignetste Technik», erklärt der Küsnachter Kulturpreisträger von 2007. Nach seinen Inspirationsquellen gefragt, sagt Bär: «Ich glaube, man kann im Leben nichts trennen, schlussendlich fliesst alles ein, was einen bewegt.» In seinem Fall sind das mitunter Eindrücke von seinen ausgedehnten Wanderungen, Erinnerungen an mehrere Alpsommer in Graubünden oder an seine Jahre in Venezuela, die so lange zurückliegen, dass sie ihm «wie ein Dokumentarfilm» vorkämen, wenn er daran denke. Und nicht zuletzt auch Überlegungen aus seiner stets intensiven Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft.
Erwachsen geworden in einer Zeit, «als wir dachten, die Welt verändern zu können», beschäftigt ihn das Weltgeschehen auch heute noch intensiv. Eine Art Bewusstseinswandel wäre nötig, so der nachdenkliche Künstler. Weg von Konsum, Wettbewerbsdenken, Monetarisierung und blinder Technologie-Gläubigkeit, denn diese würden unsere globalen Probleme nur vergrössern. «Eine Hinwendung zu mehr Offenheit und Vertrauen in unsere vitalen Möglichkeiten in der Gegenwart wäre sicher nicht schlecht», fasst er zusammen. Offenheit, Neugierde und Freiheit scheinen also Leitlinien zu sein, die sich durch Bärs Leben ziehen und sich immer wieder in seiner Arbeit widerspiegeln – sei es in der Malerei oder in der Musik.

«Es braucht immer einen Titel»
Im November wird die Galerie Höchhuus in Küsnacht nach 2007 zum zweiten Mal eine Einzelausstellung von Ueli Bär zeigen. Im Hinblick darauf hat ihn die Suche nach einem Titel beschäftigt. «Heute reicht einfach ‹Ausstellung› nicht mehr als Ankündigung, man braucht immer einen Titel », mokiert er sich etwas über die Konventionen im Kulturbusiness. Wie heute mit Kunst und Kultur umgegangen werde, ist auch eines der Themen, die Bär stark beschäftigt. «Aber eine Lösung dafür habe ich auch nicht wirklich», gesteht er ein.
Auf einen Titel für die Ausstellung hat er sich aber mittlerweile festgelegt: «Vielleicht findet mich einmal, was ich suche» wird seine Werkschau heissen.



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