Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich
07.09.2017 Von: Annina Just

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

Von der Seidendruckerei zur Immobilienverwaltung


Terlinden anno 1937: Das Luftbild zeigt die Fabrikanlage mit Rayon-Abteilung, Tennisplatz und neuem Kesselhaus am See. Foto: Walter Mittelholzer / ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Stiftung Luftbild Schweiz

Dort, wo sich heute das Goldbach Center befindet, standen früher riesige Fabrikhallen der Firma Terlinden. Eine Firmenchronik zeigt nun, wie sich das Küsnachter Familienunternehmen gewandelt hat.

Direkt vor der Türe hält noch heute die Bahn. Dass das Unternehmen Terlinden über all die Jahre einen «eigenen Bahnhof» hatte, verdankt sie Hermann Hintermeister, der 1867 zusammen mit Jacob Forster das Traditionsunternehmen gründete. Bereits 1892 hatte sich Hintermeister für einen Bahnhof in Küsnacht Goldbach stark gemacht. Er argumentierte, so ist es der kürzlich erschienenen Firmenchronik zu entnehmen, dass genau in der Mitte zwischen Zollikon und Küsnacht eine Haltestelle mit «Garantie (...) für pekuniären Erfolg» sorgen (Anm. d. Red: pekuniär, bildungssprachlich für finanziell) und auch die Nachfrage nach dem «vorzüglich schönen Bauterrain » in Goldbach erhöhen würde. Das Gesuch wurde von der Nordostbahn (NOB) zwar noch abgelehnt, doch 1926, nach der Elektrifizierung der Bahnstrecke Zürich–Rapperswil, wurde der Bahnhof eröffnet. Er ergänzte somit den «Dampfschwalbensteg » im Hafen Goldbach (1878) und den Bahnhof in Küsnacht, welche bereits für die Zulieferung und den Warenvertrieb von Terlinden genutzt wurden. «Früher war hier im Goldbach nichts ausser unserer Firma und ganz viele Rebberge», erzählt Max Victor Terlinden, heutiger Geschäftsführer des Unternehmens. Da habe die neue Bahnstation direkt vor dem Fabrikareal wichtige Weichen für die Entwicklung des Quartiers gestellt.

Letzter der «Industrie-Generation»
Die Firmenchronik mit dem Titel «Ein Familienunternehmen im Wandel der Zeit» hat Terlinden zusammen mit der Historikerin Sabine Flaschberger erarbeitet. «Eigentlich wollte ich die Firmengeschichte nur für meine Enkel niederschreiben », erklärt der 69-Jährige, der das Unternehmen in der fünften Generation leitet. Schliesslich sei er der Letzte, der das Unternehmen in den «alten Zeiten» noch erlebt habe. Zusammen mit der Männedörflerin Flaschberger hat er also vor sechs Jahren begonnen, historische Fotos zu sortieren, unzählige alte Dokumente durchzuackern und private Korrespondenzen – inklusive Liebesbriefe seines Urgrossvaters – zu lesen. So wurde aus der ursprünglichen Dokumentation für die Familie ein Produkt für «alle, die an Industriegeschichte oder lokaler Geschichte interessiert sind», so der zweifache Vater und vierfache Grossvater. Mit den «alten Zeiten», die er noch erlebt habe, meint Terlinden die Zeit, als in Küsnacht Goldbach noch Fabrikhallen standen und aus dem grossen Backsteinkamin Rauch stieg. Die von Hintermeister und Forster als Seidendruckerei gegründete Firma direkt am Goldbach wuchs nämlich nach und nach zum Grossunternehmen mit drei Betriebssparten: Teppichreinigung und -veredlung, Stückfärberei und chemische Reinigung. Sie expandierte schweizweit und war weltweit ein Begriff in der Branche. «Die Leute kamen aus aller Welt zu uns, um sich weiterzubilden », erzählt Terlinden. Später kamen dann weltweite Lizenzgeschäfte mit selber entwickelten Ausrüstverfahren und das Planen und Erstellen von neuen Färberei- und Ausrüstbetrieben für Auftraggeber dazu.
Den Name Terlinden erhielt die Firma aufgrund der Heirat von Berta Hintermeister, der Tochter Heinrich Hintermeisters, mit dem jungen Coloristen Heinrich Terlinden aus Holland. 1898 nämlich verkaufte Hermann Hintermeister seinem Schwiegersohn die Fabrik. Dieser benannte die Firma «H. Hintermeister» um zu «Terlinden & Co.». Ab dann blieb das Unternehmen in den Händen der Terlinden-Söhne: Zuerst übernahmen mit Max Adolf und Heini Terlinden zwei Söhne von Berta und Heinrich Terlinden die Geschäfte, darauf folgte Max Werner, der Vater des heutigen CEO.

Anpassung an globalisierte Welt
Ende der 1990er-Jahre leitete Max V. Terlinden die grosse Reorganisation ein, aus der das heutige Goldbach Center entstand. «Wir mussten uns den veränderten Bedingungen in der globalisierten Welt anpassen», erzählt er. Die Vor- und nachgelagerten Stufen der Produktionsketten in der Textilindustrie, so Terlinden, hätten sich ins Ausland verschoben. Stoffe werden kaum mehr in der Schweiz produziert, und Kleider nicht mehr hier konfektioniert. Spätestens als das Unternehmen Calida, einer der Hauptauftraggeber, seine Produktion ins Ausland verlagerte, war klar, dass das Geschäft in dieser Art kaum überleben konnte. «Wir wollten der Entwicklung zuvorkommen und uns anpassen, bevor wir keine Arbeit mehr hatten», blickt Terlinden heute zurück. Die Fabrikhallen wurden also abgerissen, die neue Mischnutzung des Areals mit Dienstleistungsbetrieben, Büroräumlichkeiten und einer Kunstgalerie aufgebaut. 2001 konnte das heutige Goldbach Center fertiggestellt werden. Heute befasst sich die Firma Terlinden Management AG mit der Verwaltung dieses Komplexes. Mit der Terlinden Textilpflege AG, einer Tochtergesellschaft, führt sie noch einen der ursprünglichen Betriebszweige weiter. Dieser gehören heute 32 Filialen mit rund 125 Mitarbeitern an. Die Teppichpflege Gesellschaft wurde nach Deutschland verkauft, die Färberei resp. Textilveredelung geschlossen, um die ganzheitliche Umnutzung der Industriebrache in Küsnacht zu ermöglichen. Im Jahr 2002 wurde schliesslich auch der Umbau des stillgelegten Kesselhauses zu Büroräumlichkeiten in Angriff genommen. An die Epoche der ausschliesslich industriellen Nutzung erinnert heute noch der 42 Meter hohe Backstein-Kamin. «Er ist ein Wahrzeichen von Goldbach, deshalb wollte ich ihn nicht abreissen», so Terlinden. Beim Namen wollte er jedoch mit der Geschichte abschliessen, weshalb Terlinden aus der Areal- Bezeichnung verschwand. «Ich wollte einen Namen, der ortsverbunden ist», erklärt er die Benennung «Goldbach Center». Einzig der Name des Restaurantbetriebs «Indigo» könnte noch an die vormalige Färberei erinnern – bezeichnet Indigo doch den blauen Farbstoff. Bei den beiden Neubauprojekten ist Max V. Terlinden besonders stolz auf mehrere «Pionierleistungen», die der Umwelt zugutekommen. So wird das ganze Goldbachcenter mit Seewasser beheizt und gekühlt. «Das spart etwa 100 000 Liter Heizöl pro Jahr», so der Geschäftsführer. Ausserdem ist auf dem Dach des Neubaus mit 760 Quadratmetern und 1006 Paneelen die grösste Photovoltaik-Anlage des Bezirks Meilen installiert. Daraus werden jährlich rund 75 000 Kilowattstunden Strom beim Elektrizitätswerk der Stadt Zürich eingespeist, weil es in Küsnacht nicht genügend Abnehmer von Solarstrom gibt. «Die neue Nutzung entspricht also absolut der heutigen Zeit, wir haben keine Emissionen», betont Terlinden.

Jede Generation hatte ihre Probleme
Die Firmenchronik beweist mit verschiedenen Episoden, dass in der Familien Terlinden schon früher sehr weitsichtig und innovativ gehandelt wurde. «Jede Generation hatte aber auch ihre Probleme», blickt Max V. Terlinden zurück. Ihm sei wichtig gewesen, auch die schwierigen Zeiten im Buch zu thematisieren. Zu den Herausforderungen seines Vaters gehörte der Verkauf von zahlreichen Lizenzverträgen in über 30 Ländern, während der Grossvater das Unternehmen durch die Kriegsjahre führen musste und es trotz des schwierigen Umfelds weiter ausbaute. «Es war natürlich auch Zufall, dass in jeder Generation ein Mitglied war, das sich für das Unternehmen engagieren wollte und es auch weiterbringen konnte», so Terlinden. Dass das Unternehmen jederzeit zu hundert Prozent im Familienbesitz war und von einem Patron mit grosser Konstanz geführt wurde, habe aber auch auf die Mitarbeiter positive Auswirkungen gehabt, erklärt Terlinden. Nicht zuletzt diesem Umstand sei es zu verdanken, dass das Unternehmen nächstes Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiern kann.
Und die Konstanz bleibt erhalten: André Terlinden, der 37-jährige Sohn von Max V. Terlinden, ist seit 2012 Gesellschafter. Damit stehen die Vorzeichen gut, dass die Erfolgsgeschichte auch in der nächsten Generation weitergeht.



Anzeigen

Galerien

Aktuelle Ausgaben

Züriberg vom 21. September 2017
Zürich 2 vom 21. September 2017
Zürich Nord vom 21. September 2017
Zürich West vom 21. September 2017
Küsnachter vom 21. September 2017
Küsnachter Amtlich vom 21. September 2017

Sonderzeitungen

Lionstag
Abenteuer Stadt Natur 2017
Lernfestival'16
ZSC
Literaturforum booXkey
Partnerpublikation der Lokalinfo AG
Stadt-Anzeiger Glattfelder Kilchberger