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12.10.2017 Von: Annina Just

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

«Pfaffkids» plaudern aus dem Nähkästchen


Gaben Einblicke ins Leben von Pfarrkindern: Fotograf Florian Moritz und Autor Matthias A. Weiss (Mitte l. und r.), umgeben von den beiden «Pfaffkids» Martin Barck und Regula Kaeser Bonanomi. Foto: Annina Just

«Pfaffikids» porträtiert 21 Persönlichkeiten, die in einem Pfarrhaus aufwuchsen. An der Vernissage in Küsnacht erzählten zwei der Porträtierten aus ihrem Leben. Zwei spannende Geschichten aus Küsnacht sind im Buch nachzulesen.

Dass sie Pfarrkinder seien, war wohl nicht das Erste, was seine Kinder in der Schule erzählt hätten, meinte der Küsnachter Pfarrer und reformierte Kirchenrat Andrea Marco Bianca anlässlich der Vernissage von «Pfaffkids ». Im soeben erschienenen Buch von Matthias A. Weiss hat der Autor 21 Pfarrkinder zum Aufwachsen, zu ihrem Verhältnis zur Religion und ihrem heutigen Leben befragt. Darunter sind zum Beispiel Heilerin Renée Bonanomi, Radiomoderatorin Regi Sager, Journalist Peter Rothenbühler, Physiker Andreas Leupin und Organist Rudolf Meyer. Die beiden Letzteren wurden in Küsnachter Pfarrhäusern gross. Bei Andreas Leupin war es jenes Pfarrhaus, in dem Bianca heute lebt. Und dieser meinte anlässlich der Vernissage im reformierten Kirchgemeindehaus scherzhaft: «Ich bin gespannt, was sie berichten, und erzähls dann meinen Kindern, um ihnen etwas Hoffnung zu machen.»

Ein Muster zieht sich (fast) durch
Matthias A. Weiss, Herausgeber und Autor von «Pfaffkids» ist selber ein Pfarrerssohn und hat sich beim Produzieren seines dritten Buchs der Serie «Reihe21» auch mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt. «Die Leute meinten stets, mich zu kennen, was sie aber nicht wirklich taten», blickt er auf seine Kindheit zurück. Auch habe er als ältester Sohn eine besondere Rolle gehabt und sich oft weniger frei gefühlt, so Weiss. Trotzdem hatte er sich ebenfalls für das Theologie-Studium entschieden.
Heute betreibt er eine eigene Praxis, in der er Menschen in beruflichen, zwischenmenschlichen und gesundheitlichen Belangen begleitet. Damit wird Weiss einem Muster gerecht, dass vielen seiner Porträtierten gemein ist: Sehr häufig haben diese einen sozialen Beruf oder zumindest eine Profession angenommen, in der viel mit Menschen gearbeitet wird. Zu ihnen gehört auch Martin Barck, der 34 Jahre lang bei der VBZ arbeitete und wegen seines kräftigen Händedrucks als «der Händequetscher» in die Geschichte einging. Der kleine, stämmige Mann mit Vollbart ist in einer Pfarrfamilie im Schwarzwald und im Landkreis Waldshut aufgewachsen und kam als junger Erwachsener in die Schweiz. Nach der Ausbildung zum Krankenpfleger landete er bald bei der VBZ, wo er zuerst im Depot arbeitete und dann bis zur Pensionierung als Betriebssanitäter die Anlaufstelle für verletzte oder kranke VBZMitarbeiter war. «Zuerst pflegte ich also Menschen, dann Trams und dann wieder Menschen», fasste Barck zusammen. Ebenfalls mit Menschen, aber auf eine kreative Art, arbeitet Regula Kaeser Bonanomi, die als zweite Live-Interview-Partnerin geladen war. Heute ist die gelernte Keramikerin als Arbeitsagogin in der eigenen Töpferei in Münsigen tätig.

Zwei Küsnachter Geschichten
Ein eher untypischer Vertreter der Pfarrerskinder ist der Physiker Andreas Leupin. Von seinem vierten Lebensjahr bis zum Ende des Studiums lebte er in Küsnacht. «Meiner Erfahrung nach schlagen Pfarrerskinder oft musische, soziale oder allenfalls noch politische Wege ein», schreibt der Autor im Vorwort dieses Interviews. Dass sie sich auf naturwissenschaftliche Gebiete vorwagen, sei ihm bis anhin noch nicht bewusst gewesen, weshalb er auf Interviewpartner Leubin besonders gespannt war. Dieser erzählt dann auch von seinem Vater, der ebenfalls schon ein grosses Interesse für die naturwissenschaftliche Forschung gehabt habe. «Vater suchte in der Bibel nämlich oft nach wissenschaftlichen Erklärungen für die in einzelnen Bibelstellen beschriebenen Phänomenen», so der Ensi-Mitarbeiter. Für seinen Vater sei klar gewesen, dass die Bibel eine Darstellung dessen war, wie die Menschen ihre Erlebnisse verarbeitet und festgehalten haben. Leupins Interessen seien zwar durchaus auch auf musische Bereich gelagert gewesen, schliesslich aber habe die Begeisterung für die Naturwissenschaft überwogen, erzählt er weiter.
Die Geschichte Rudolf Meyers, ebenfalls als Küsnachter Pfarrsohn gross geworden, liefert einige Anekdoten, die aufhorchen lassen. Das vierte von fünf Pfarrkindern beschreibt sich selber als Träumer, und «Hans guck in die Luft», der schulisch auf keinen grünen Zweig kam, dann aber im Studium der Orgelmusik aufblühte. Über die Erziehungsmethoden seiner Mutter und das Verhältnis zu seinem Vater berichtet er viel Zwiespältiges. Er habe oft Schlupflöcher gesucht, erzählt der Bruder des bekannten, 2013 verstorbenen Organisten Hannes Meyer. «So ging ich oft zu anderen Familien in der Nachbarschaft. Weil ich vor allem an den späteren Nachmittagen unterwegs war, hatte das zur Folge, dass ich mich meist bei Frauen aufhielt, einfach zum Sein.» Hauptsächlich ginge es dabei darum, jene für sich alleine zu haben.
Gleichzeitig hält er fest, dass «wir Pfarrkinder schlichtweg der Allgemeinheit gehörten» und im Dorf allen Leuten die Hand geben, ihnen in die Augen schauen und den Namen sagen musste. Dies habe ihn ziemlich überfordert. Auch schreibt er: «Für die Familien hatte Vater wenig Zeit und Energie übrig (...) Und für Mutter gab es eine unumstössliche Reihenfolge der Autoritäten: der liebe Gott, Heiland, dann Papa und dann sie.» Solche Stellen in «Pfaffkids» machen das Werk aus, denn sie zeigen – durchaus authentisch – sowohl positive wie auch negative Aspekte des Aufwachsens in einem Pfarrhaus.

Dank Prolibref in Küsnacht
Dass «Pfaffkids» in Küsnacht präsentiert wurde, kam durch den Verein Prolibref zustande. Der 1871 von liberalen Kräften gegründete Zürcher Verein für freies Christentum wird von Res Peter, Pfarrer am Neumünster und Bruder von Chilbi-Pfarrerin und Bianca-Partnerin Katharina Hobby- Peter präsidiert. Hobby und Bianca sind ebenfalls Vorstandsmitglieder. Alle drei vertreten den progressivenliberalen Protestantismus – und wollten dem Buch mit der Vernissage etwas Starthilfe bieten.
Und Bianca war es dann auch, der zusammen mit der Gospel-Musik von Richard Broadnax – ebenfalls ein porträtiertes Pfaffkids – der Veranstaltung einen Rahmen gab. «Auch wenn man nicht selber ein Pfarrkind ist, lehren die Porträts einem etwas. Was hat der Beruf meines Vaters in mir ausgemacht? Oder was war das Aroma bei mir zu Hause?» Dies seien Fragen, welche bei der Lektüre aufkommen können, meinte der Küsnachter Pfarrer abschliessend.
Ob es tatsächlich nötig ist, seinen Kindern Hoffnung zu machen, ist zu bezweifeln. Falls aber doch, zeigen die 21 Porträts auf, dass die «Pfaffkids » trotz eines ähnlichen Lebensentwurfs in Kinderjahren ganz unterschiedliche Identitäten und Lebenswege entwickelt haben.



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