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12.10.2017 Von: Fabio Lüdi

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

Spielender Kampf gegen den Rechenfrust


Michal Gablinger (l.) unterrichtete Kinder in Südafrika. Foto: zvg.

Rechenprobleme sind leider nur allzu menschlich. Ein Rezept dagegen kommt aus Küsnacht und ist ein Exportschlager.

Die gute Nachricht vorweg: Rechnen hat nichts mit Intelligenz zu tun. Zumindest wenn es nach der Herrlibergerin Michal Gablinger geht. Für jene, die sich mit Grausen an endlose Mathelektionen in der Schule zurückerinnern, die zum Lernfrust lediglich noch eine Zahlenaversion schürten, bedeutet dies wohl späte Genugtuung. Viel wichtiger für den Lernerfolg sei Motivation, ist Gablinger überzeugt, die in Küsnacht praktiziert. Die gebürtige Israelin ist diplomierte Sonderpädagogin sowie Familienund Dyskalkulietherapeutin und glaubt, dass viele Probleme bei Rechenschwierigkeiten vermieden werden können, wenn den Kindern nur früh genug das benötigte Rüstzeug zum Mathe-Verständnis vermittelt wird.
«Ich bin selbst Dyskalkulikerin», sagt Gablinger. Dyskalkuliker sind Menschen, die Probleme in der Arithmetik, also dem Rechnen mit Zahlen, bekunden. Schätzungen zufolge sind 5 bis 7 Prozent der Weltbevölkerung davon betroffen. Zu Beginn habe Gablinger eigentlich nur für sich nach Lösungen gesucht, um ihr Defizit zu bewältigen. «Ich habe aber gemerkt, dass die vorherrschenden Methoden für mich nicht funktionieren.» Darum hat die Pädagogin angefangen, Eigenlösungen zu entwickeln. Das funktionierte so gut, dass daraus vor gut zehn Jahren das Konzept «Mick- Math» entstand. Dieses beschränkt sich jedoch nicht auf blosses Verständlichmachen von Mathematik, sondern soll die Entwicklung der gesamten kognitiven Prozesse ermöglichen. Denn: «Rechnen ist eine Fertigkeit, die grundlegend ist für die weitere Entwicklung», ist die Therapeutin überzeugt.

«Ich bin Kind geblieben»
«Weil ich auch immer Kind geblieben bin, habe ich alles in Spiele verwandelt », erklärt Michal Gablinger das von ihr entwickelte Mick-Math-Konzept. Mit der zugrundeliegenden Idee – lieber spielen als wiederholen – spricht sie einen immanenten Wesenszug von Kindern an und verharrt nicht auf sturer Repetition abstrakter Zahlenkonzepte. «Es soll verspielt sein, denn es gibt viele Kinder, die eigentlich keine Dyskalkuliker sind», weiss die Therapeutin. «Die Materie war diesen Kindern anfangs vielleicht einfach zu abstrakt.» Mathematik gestaltet sich zudem linear: «Wenn ich Minus und Plus nicht verstehe, kann ich auch sicher nicht Multiplizieren», so Gablinger. Die von ihr entwickelten Mathe-Spiele haben darum das Ziel, abstrakte Zahlen, Verhältnisse und Prozentwerte mit konkreten Bildern zu verbinden. So wird beispielsweise die ungerade Zahl Sieben in einem der Spiele stets als schwarzes Rechteck dargestellt, dem eine Ecke fehlt. «Kamin» taufen die Kinder diese Form oft. Durch die Kombination mit der Form für die ungerade Zahl Drei entsteht dann ein makelloses Rechteck, die gerade Zahl Zehn.
Den Kindern wird so ein Zahlenverständnis vermittelt, etwa die Bedeutung von geraden und ungeraden Zahlen. «Die Ungeraden haben alle eine Ecke ab», meint Alex Gablinger, Michals Ehemann, scherzhaft. «Das merkt sich jedes Kind.» Alex Gablinger ist dafür zuständig, die Ideen seiner Frau grafisch umzusetzen, was sich als grösserer Aufwand herausstellte, als ursprünglich gedacht. «Ich war naiv», sagt Alex Gablinger lachend, als er zurückblickt. Zu Beginn hat seine Frau noch alle ihre Spiele in improvisierter Handarbeit umgesetzt – mit Eierkartons und Joghurtbechern. Das hat allerdings bald solche Ausmasse angenommen, dass eine richtige Lösung hermusste. «Wenn ein Kind ein Problem hat, dann muss meine Frau das lösen. Daraus ergibt sich schliesslich wieder ein neues Spiel», erklärt Alex Gablinger das Vorgehen seiner Frau.
Er ist von ihrem Konzept überzeugt, denn wenn es eine Dyskalkulikerin gebe, dann sei sie eine. Für diese Arbeit sei sie darum prädestiniert: «Michal kann emotional nachvollziehen, was in einem Kind vorgeht, das an einer Mathe-Schwäche leidet», ist Alex Gablinger überzeugt. «Sie hat das Gleiche erlebt und kann Lösungsansätze darum authentisch vermitteln. »

Funktionierendes Konzept
Das Küsnachter Konzept funktioniert so gut, dass es mittlerweile sogar exportiert wird. In Indien, Sri Lanka und Burkina Faso haben die Gablingers ihr Konzept bereits in einzelne Institutionen eingebracht. Diese Internationalität ist aber eigentlich wenig überraschend. Der erste Workshop fand in Israel statt, 2006, bei Angehörigen der Drusen, einer religiösen Minderheit im Nahen Osten. «Diese Kinder sprachen alle nur Arabisch, eine Sprache, die wir nicht beherrschen», erinnert sich Alex Gablinger. Trotzdem habe die Verständigung funktioniert, Mathematik ist, neben der Musik, eine internationale Sprache, sind die Gablingers überzeugt. Auch, weil diese visuell vermittelt wird. Diese erste Bewährungsprobe im Nahen Osten kündigte dann auch gewissermassen das jüngste Engagement der Herrliberger an, gut zehn Jahre im Voraus.

In Südafrika im Einsatz
Im Sommer dieses Jahres besuchten die Gablingers das Waisenhaus- und Ausbildungsprojekt der Meilemer Familie Wenger in Südafrika. Sie begleitet die Kinder aus den Wellblechhütten der Townships durch die Schule. Anschliessend bieten die Wengers Ausbildungsplätze in handwerklichen und gastronomischen Berufen an und schauen, dass die einheimischen Jugendlichen nach der Ausbildung auch eine lokale Anstellung kriegen. Daneben unterstützten die Wengers auch einheimische Schulen, etwa beim Unterricht von taubstummen Kindern.
Die Wengers wurden bei einem Heimatbesuch auf das Mick-Math- Konzept aus Küsnacht aufmerksam und luden die Gablingers spontan ein nach Südafrika zu kommen, um dort vor allem mit taubstummen Kindern zu arbeiten. «Wir haben uns dann mit 40 Kilogramm Gepäck, alles Spielsets, nach Südafrika aufgemacht», erzählt Michal Gablinger. Das war gar nicht so einfach, wie zuerst gedacht. Die Spiele messen 50 mal 50 Zentimeter, zu gross für normale Koffer, zu klein, um gleich einen Überseekoffer zu kaufen. Fündig wurden sie zufälligerweise in einem Velogeschäft, welches Koffer für zusammenfaltbare Fahrräder verkaufte. «Solche Geschichten könnten wir zuhauf erzählen», meint Gablinger.
Das Projekt in Südafrika und die Zusammenarbeit mit taubstummen Kindern begeisterten das Herrliberger Ehepaar und zeigten ihnen aufs Neue das Potenzial ihres Konzepts. Die Mathe- Spiele waren, wie damals im Nahen Osten, wunderbar zum barrierefreien Lernen geeignet. «Was ist der Unterschied zwischen einer Sprache, die man nicht versteht, und überhaupt keiner Sprache», stellt die Therapeutin die rhetorische Frage, um sie dann doch zu beantworten: «Es gibt keinen. » Mithilfe der Wengers, die die lokalen Schulen kennen und unterstützen, instruierten die Gablingers die ansässigen Lehrpersonen. «Teach the teacher» nennen sie ihren Ansatz. «Das ist wahrscheinlich die nachhaltigste Hilfe, die es gibt», sagt Alex Gablinger. Denn viele dieser taubstummen Kinder, zahlreiche davon Waisen, lebten wie in einem Gefängnis. Sie oder ihr Umfeld beherrschten oft die Zeichensprache nicht, Kommunikation wird dadurch extrem erschwert oder sogar verunmöglicht.

Aktive Teilnahme für Taubstumme
Die Spiele der Gablingers ermöglichen die aktive Teilnahme am Unterricht und bieten ein Lernprogramm, das wie zugeschnitten scheint auf diese Kinder. Aber auch für die Lehrpersonen ist der spielerische Ansatz attraktiv. Bereits nach zwei Tagen Instruktion konnten sie das Küsnachter Konzept selbstständig anwenden. «Wir hoffen nun, dass sich das wie ein rollender Schneeball verbreitet », sagt Alex Gablinger in Hinblick auf die Zukunft. Dass ihre Idee in Südafrika versandet, Inhalt und Programm mit der Zeit verwässern, davon haben die beiden Herrliberger keine Angst. Einerseits hätten sich die Wengers selbst an den Workshops beteiligt und wüssten, worauf es zu achten gilt. Andererseits würden die Instruktoren aus Wengers Projekt in Südafrika neue Lehrkräfte in den Schulen jeweils instruieren.
Eine Supervision zu einem späteren Zeitpunkt sei natürlich geplant, «wahrscheinlich aber über Skype», so Alex Gablinger. Ständig vor Ort zu sein, können sie sich nicht leisten. Die gesamten Materialkosten hätten sie beim letzten Trip selbst finanziert, für Privatpersonen auf Dauer nicht machbar. «Bricht man die Kosten aber auf ein einzelnes Kind runter, kommt man auf den Preis für einen Becher Joghurt », rechnet Alex Gablinger vor.
Sie seien darum auch immer auf der Suche nach Sponsoren, die ihre Arbeit unterstützen. Ihr Engagement in Entwicklungsländern würden sie nämlich gerne ausbauen. «Ich schätze meine Arbeit hier in Küsnacht sehr», meint Michal Gablinger. «Aber wenn ich vermehrt auch mit Kindern in Entwicklungsländern arbeiten könnte, fände ich das sehr schön.» Diese Arbeit sei wie ein Stein, der auf dem Wasser einschlägt und Wellen erzeugt, ein fortlaufender, nachhaltiger Prozess.



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