Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich
18.10.2017
Zürich West

«Die Heilsarmee springt ein, wo etwas fehlt»


Marco Innocente ist Geschäftsleiter der sozialen Institutionen Ost der Heilsarmee. Foto: zvg.

Nicht aus Eigennutz baue die Heilsarmee ihr Angebot für Benachteiligte aus, sondern weil sie der Kanton um Hilfe anfragte, sagt Geschäftsleiter Marco Innocente.

Interview: David Herter

Marco Innocente, eine Armee als Antwort auf die Probleme dieser Welt, ist das noch zeitgemäss?

Eine Armee mit Waffen sicher nicht. Die Heilsarmee ist eine Armee Gottes, die mit den Waffen des Dienens, der Nächstenliebe und der Präsenz für andere arbeitet.
Trotz ihrer Prägung als christliche Freikirche ist die Heilsarmee eine der glaubwürdigsten Organisationen, wenn es um das Gemeinwohl geht. Warum?
Das hat mit der konsequenten Haltung der Heilsarmee zu tun. Sie redet nicht nur vom Glauben an einen Gott, der eine Beziehung zum Menschen sucht, sie setzt das um. Das Festhalten an der Verbindung von Glauben und Handeln hat der Heilsarmee viel Achtung eingebracht.

Warum erledigt die Heilsarmee soziale Aufgaben, die eigentlich Sache des Staates wären?

Der Staat hat in der Vergangenheit im Sozialen, im Bildungs- und Gesundheitswesen mehr und mehr Aufgaben übernommen, die ursprünglich von den Kirchen initiiert worden sind. Nun zieht sich der Staat wegen der Finanzen aus gewissen Bereichen wieder zurück. Dabei fallen Menschen zwischen Stuhl und Bank. Das sind die Orte, wo die Heilsarmee weiterhin investieren will.

Lebt die Heilsarmee nicht von der Abhängigkeit ihrer Klientel? Die politische Rechte nennt das Sozialindustrie.

Wenn es keine Sozialhilfe mehr gibt, keine Menschen also, die Hilfe nötig haben, dann braucht es auch die soziale Arbeit der Heilsarmee nicht mehr. Die Heilsarmee springt ein, wo etwas fehlt, auch mit ihrem Wohnheim im Neubau an der Ankerstrasse. Der Kanton kam auf uns zu und fragte, ob wir ihn unterstützen könnten.

Wie hoch ist denn der Eigenfinanzierungsgrad der Heilsarmee?

Fast 40 Prozent der Einnahmen stammen aus den Bereichen Dienstleistungen und Handel, also etwa aus den Erträgen der Brockenstuben. Weitere 25 Prozent sind Spenden und Legate. Die Beiträge der öffentlichen Hand, aus Leistungsverträgen, betragen ziemlich genau ein Drittel des gesamten Ertrags der Heilsarmee.

Verknüpft die Heilsarmee ihre soziale Arbeit mit der Verkündung der christlichen Glaubensbotschaft? Missioniert die Heilsarmee in Zürich?

Die christliche Botschaft ist sicher ein zentrales Anliegen der Heilsarmee. In den staatlich finanzierten Tätigkeiten halten wir uns an die Auflagen. Die Teilnahme an einer internen Andacht ist ebenso freiwillig wie die Teilnahme an einem Jassturnier. Es liegt aber auch in der Freiheit eines Klienten, einen Angestellten zu fragen: Warum machst Du das? Da sind unsere Mitarbeiter ja dann aufgefordert, darzulegen, wie sie das Leben sehen und was Glauben für sie heisst. Das sehe ich nicht als Missionieren an.

In diesem Jahr war ein Offizier der Heilsarmee in den Medien, weil dieser Teufelsaustreibungen durchführt. Haben solche Angebote Platz in der Heilsarmee?

Wenn man die Bibel liest, dann gibt es das Übernatürliche, dann gibt es Geister. Wenn nun jemand von Geistern getrieben ist und jemand anderer die Gabe hat, diese Geister auszutreiben, warum soll er nicht helfen? Vor allem wenn es der betroffenen Person danach sichtlich besser geht?

In Sachen Geister sind sich aber auch die christlichen Glaubensrichtungen nicht einig, und die Wissenschaft forscht mehr zu Geisteskrankheiten als zu Geistern.

Das Übernatürliche können bloss Menschen mit einer Gabe wahrnehmen, andere spüren das nicht. Und man muss bereit sein, sich auf den Glauben einzulassen und sich darin zu vertiefen, um ihn zu verstehen.

Macht die Heilsarmee ihre Hilfe abhängig vom Glauben der Bedürftigen?

Nein. Wir sind überall für die Menschen da, ungeachtet ihrer kulturellen und religiösen Hintergründe oder ihrer Hautfarbe. Wir weisen niemanden ab, das würde nicht zum christlichen Bekenntnis passen. Glauben heisst für uns eben auch, dass man die Menschen so akzeptiert, wie sie sind.

Wie stark profitiert die Heilsarmee vom positiven Image ihrer Auftritte mit Gesang und Musik im Advent und vor einiger Zeit am «European Song Contest»?

Wer das selbst schon erlebt hat, für den gehören die Heilsarmee und das Dreibein mit dem Topf für die Kollekte zum Advent dazu. Die Musik gehört seit den Anfängen zur Heilsarmee, auch als guter wirksamer Werbeträger. Vor allem mit ihren robusten Brassbands konnte sich die Heilsarmee in schwierigen Zeiten ein erstes Mal Gehör verschaffen.

 

Mit einer Abrissparty in die Zukunft

Die Heilsarmee ist eine christliche Freikirche, die 1865 in London gegründet wurde. Heute zählt sie gemäss eigenen Angaben 1,7 Millionen Mitglieder und ist unter der Führung von General André Cox in 127 Ländern tätig.

In Zürich wurde die Heilsarmee zuerst offen angefeindet. Die Polizei erliess 1885 gar ein Versammlungsverbot gegen sie. Ein Entscheid, den die «NZZ» mit dem Titel «Eine Schande für Zürich» kommentierte. Mit den Jahren legte sich die Aufregung. 1928 bezog die Heilsarmee einen vom Architekten Otto Streicher entworfenen Bau an der Ankerstrasse 31 (Bild rechts). Ein knappes Jahrhundert später wird das Gebäude wieder abgerissen. Die Arbeiten starten im Januar. Gebaut wird für 14 Millionen Franken ein sechsstöckiges Haus (oben). Die unteren Geschosse wird eine der zwei Zürcher Heilsarmee-Kirchgemeinden nutzen, für Gottesdienste, Musikproben und kirchliche Anlässe und Treffen. Darüber werden ein Wohnheim für 37 psychisch und sozial benachteiligte Menschen Platz finden sowie zwei Wohnungen.

In Zürich betreibt die Heilsarmee bereits heute zwei ähnliche Wohnheime mit über 100 Plätzen und weitere niederschwellige Angebote, aber auch eine Kindertagesstätte und ein Brockenhaus sowie kirchliche Quartiertreffs. In der Schweiz zählen 30 kleine bis grosse soziale Institutionen und 20 Brockis zum Netzwerk, das mit 200 Mitgliedern, sogenannten Salutisten, und 1800 Angestellten jährlich 200 Millionen Franken umsetzt. Das Angebot wird geschätzt: In dem von der Uni St. Gallen publizierten Gemeinwohl-Atlas ist die Heilsarmee auf Platz 13 klassiert, vor den SBB und hinter dem Bundesamt für Polizei. Auf Platz eins rangiert die Rega.

An der Ankerstrasse feiert die Heilsarmee am Freitag, 27. Oktober, eine Abrissparty mit Konzerten, Suppe, Brot und Wienerli – und mit einer Podiumsdiskussion. SP-Stadtrat Raphael Golta, der ehemalige FDP-Politiker Felix Gutzwiller und weitere Fachleute suchen ab 16 Uhr nach Lösungen dafür, wie sich Menschen mit einer Beeinträchtigung integrieren lassen in einer ausschliessenden Gesellschaft. (dh.)

 

 

 



Anzeigen

Dossier Wahlen

Galerien

Aktuelle Ausgaben

Züriberg vom 14. Dezemeber 2017
Zürich 2 vom 14. Dezember 2017
Zürich Nord vom 14. Dezember 2017
Zürich West vom 14. Dezember 2017
Küsnachter vom 14. Dezember 2017
Küsnachter Amtlich vom 14. Dezember 2017

Sonderzeitungen

Tonhalle
Lionstag
Abenteuer Stadt Natur 2017
Lernfestival'16
Literaturforum booXkey
Partnerpublikation der Lokalinfo AG
Stadt-Anzeiger Glattfelder Kilchberger