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18.10.2017 Von: Annina Just

Züriberg

«Pfaffkids» plaudern aus dem Nähkästchen


Geben Einblicke ins Leben von Pfarrkindern: Fotograf Florian Moritz und Autor Matthias A. Weiss (Mitte l. und r.), umgeben von den beiden «Pfaffkids» Martin Barck und Regula Kaeser-Bonanomi. Foto: Annina Just

«Pfaffkids» porträtiert 21 Persönlichkeiten, die in einem Pfarrhaus aufwuchsen. Martin Barck, der «Händequetscher» und jahrzehntelang Betriebssanitäter der VBZ, oder Alfred Ruhoff, Psychiater und Sohn des Balgristpfarrers, sind zwei von ihnen.

Dass sie Pfarrkinder seien, war wohl nicht das Erste, was seine Kinder in der Schule erzählt hätten, so der Küsnachter Pfarrer und reformierte Kirchenrat Andrea Marco Bianca anlässlich der Vernissage von «Pfaffkids ». Im soeben erschienenen Buch von Matthias A. Weiss hat der Autor 21 Pfarrkinder zum Aufwachsen, zu ihrem Verhältnis zur Religion und ihrem heutigen Leben befragt. Darunter sind zum Beispiel Heilerin Renée Bonanomi, Radiomoderatorin Regi Sager, Journalist Peter Rothenbühler und Walter Angst, Kommunikationsverantwortlicher beim Mieterverband. «Ich bin gespannt, was sie berichten, und erzähle es dann meinen Kindern, um ihnen etwas Hoffnung zu machen», scherzte Gastgeber Bianca an der Vernissage in Küsnacht, bevor er das Wort dem Herausgeber und Autor von «Pfaffkids» gab.

Ein Muster zieht sich hindurch
Matthias A. Weiss ist selber ein Pfarrerssohn und hat sich beim Produzieren seines dritten Buchs der Serie «Reihe 21» auch mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt. «Die Leute meinten stets, mich zu kennen, was sie aber nicht wirklich taten», blickt er auf seine Kindheit zurück. Auch habe er als ältester Sohn eine besondere Rolle gehabt und sich oft weniger frei gefühlt, so Weiss. Trotzdem hat er sich ebenfalls für das Theologie-Studium entschieden. Heute betreibt er eine eigene Praxis, in der er Menschen in beruflichen, zwischenmenschlichen und gesundheitlichen Belangen begleitet. Damit wird Weiss einem Muster gerecht, dass vielen seiner Porträtierten gemein ist: Sehr häufig haben diese einen sozialen Beruf oder zumindest eine Profession angenommen, in der viel mit Menschen gearbeitet wird.
Zu ihnen gehört auch Martin Barck, der 34 Jahre lang bei der VBZ arbeitete und wegen seines kräftigen Händedrucks als «der Händequetscher » in die Geschichte einging. Der kleine, stämmige Mann mit Vollbart erzählte an der Vernissage blumig und ausschweifend aus seinem Berufsleben sowie von der nun hochgelobten Pension. Aufgewachsen in einer Pfarrfamilie im Schwarzwald und im Landkreis Waldshut, kam er als junger Erwachsener in die Schweiz. Nach der Ausbildung zum Krankenpfleger landete er bald bei der VBZ, wo er zuerst im Depot arbeitete und dann bis zur Pensionierung als Betriebssanitäter die Anlaufstelle für verletzte oder kranke VBZ-Mitarbeiter war. «Zuerst pflegte ich also Menschen, dann Trams und dann wieder Menschen», fasste Barck zusammen. Aber auch er berichtet von einer gewissen «Vorbildfunktion », die er als Pfarrsohn einzunehmen hatte. So durfte er nicht wie Gleichaltrige bis morgens um drei Uhr an der Fasnacht Schabernack treiben. Barck: «Gelitten habe ich aber nicht darunter.»
Ebenfalls an der Vernissage war Alfred Ruhoff, der 1946 als drittes Kind des Pfarrers an der Kreuzkirche, der späteren Kirchgemeinde Balgrist, in Zürich zur Welt kam. Ruhoff wurde Psychiater, was ja wie Pfarrer auch eine Art «Seelsorger» sei. Trotzdem, meint er, habe der Beruf seines Vaters wenig mit seiner Berufswahl zu tun. Durchs Aufwachsen ist er aber früh mit verschiedenen, auch schwierigen Lebensgeschichten in Kontakt gekommen und habe sich immer sehr dafür interessiert.
Schon früh fasziniert hat ihn auf «ambivalente Art und Weise» die psychiatrische Klinik Burghölzli, welche unmittelbar neben dem Pfarrhaus gelegen hat. Dort konnte der junge Ruhoff ein Praktikum absolvieren und hat sich dann definitiv für die Psychiatrie entschieden. Der heutige Pensionär erzählt im Buch auch von seines Vaters Schwierigkeiten mit den damaligen Kirchenbehörden. Da sein Vater sehr liberal und freigesinnt war, hatte der Kirchenpflegepräsident nach dessen Rücktritt gemeint, man suche nun einen Pfarrer, der auch glauben würde. Dies scheint Ruhoff noch heute eher zu amüsieren, wie er an der Vernissage zu Verstehen gibt.

Vom «Pfarrer, der nicht glaubte»
Auch Res Peter, heutiger Pfarrer im Neumünster, fand es interessant, dass der «Pfarrer, der nicht glaubte» einen Sohn grosszog, der dann Psychiater wurde. Peter ist Präsident von Prolibref, einem 1871 von liberalen Kräften gegründeten zürcherischen Verein für freies Christentum und der Bruder von Chilbi-Pfarrerin und Bianca- Partnerin Katharina Hobby-Peter. Dem Dreigespann ist es zu verdanken, dass die «Pfaffkids»-Vernissage von der Kirchgemeinde Küsnacht durchgeführt wurde.
Bianca war es dann auch, der zusammen mit der Gospel-Musik von Richard Broadnax – ebenfalls ein porträtiertes Pfaffkids – der Veranstaltung einen Rahmen gab. «Auch wenn man nicht selber ein Pfarrkind ist, lehren die Porträts einem etwas. Was hat der Beruf meines Vaters in mir ausgemacht, wie mich geprägt? Oder was war das Aroma bei mir zu Hause?» Dies seien Fragen, welche bei der Lektüre aufkommen können.
Auch zeigt das Buch durchaus authentisch sowohl positive wie auch negative Aspekte des Aufwachsens in einem Pfarrhaus. So zitierte Bianca aus einem der Porträts: «Für die Familien hatte Vater wenig Zeit und Energie übrig (...) Und für Mutter gab es eine unumstössliche Reihenfolge der Autoritäten: der liebe Gott, Heiland, dann Papa und dann sie.»
Dies wird wohl nicht das Beispiel sein, dass der Pfarrer Bianca seinen Kindern als erstes erzählen wird.



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