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19.10.2017 Von: Fabio Lüdi

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

«Zu mir kommen viele nur zum ‹Schnurre›»


Nach dem Schleifen ist nicht Schluss: Auch Ölen ist wichtig. Foto: Fabio Lüdi

Carl Meyer tingelt als mobiler Messerschleifer durch die Gemeinden. Sein jüngster Stopp war Küsnacht.

Herr Meyer, wer lässt denn überhaupt noch Messer schleifen? Wenn mein Rüstmesser stumpf ist, kaufe ich ein neues.
Sicher nicht, was sind Sie denn für ein Umweltfrevler!

Ein grosser, wie es scheint. Aber die kleinen Messer mit schwarzem Plastikgriff kann ich doch nicht schleifen lassen.
Äh, sicher! Man kann alles schleifen lassen. Ich habe extra ein Broschürchen gemacht, für Unwissende wie Sie. Die Gemeinde hat beispielsweise ihre Papierschneidemaschine vorbeigebracht, man kann aber auch Spindelrasenmäher vorbeibringen oder alle Arten Messer für Tierlihalter, das geht vom Hufmesser bis zur Haarscheren.

Wir werden von einer Kundin unterbrochen. Um Aufträge muss sich «Der Scharfmacher» offenbar nicht sorgen; bevor wir weiterreden können, müsse er aber erst den Auftrag beenden. «Weiter im Text», will Messerschleifer Meyer trotzdem bereits während des Schleifens an das Gespräch anknüpfen. Doch da kommt bereits die nächste Kundschaft. Ich warte.

Wie wird man Messerschleifer?
Ha, wie wird man Messerschleifer, gute Frage. Sie müssen fragen: Wie bin ich Messerschleifer geworden.

Also gut: Wie wurden Sie Messerschleifer?
Indem ich es satthatte, Manager zu sein.

Der ehemalige Manager lacht, während er ein grosses Sensenblatt auf seiner Maschine schleift und die Funken kontrolliert fliegen lässt.

Eine Aussteiger-Story also, wie der Manager, der Mönch wurde.
Oder der Arzt, der Lastwagenchauffeur geworden ist. Ich war Key-Account- Manager Medizin, aber da wirst du irgendwann zum Menschenverächter. Da geht es nur um Kohle, Kohle, Kohle.

Und jetzt führen Sie ein Leben auf Achse, von Gemeinde zu Gemeinde dem See entlang.
Das hatte ich ja vorher schon. Im Verkauf und Marketing ist man auch immer unterwegs, man geht dahin, wo die Kunden sind. So ein bisschen einsamer Jäger für die Firma. 25 Jahre habe ich das gemacht, dann habe ich gefunden: Es reicht. Ich habe mich dann weitergebildet zum Psychotherapeuten. Ich musste aber feststellen, dass Menschen sowieso alle einen Flick abhaben und den gerne behalten möchten.

Dann haben Sie sich Messer und Scheren zugewandt, weil Sie deren Flicke ausbügeln können?
Nein, ich hatte einfach den Wunsch, eine ehrliche Arbeit zu machen. Ich glaube, etwas Ehrlicheres als mit den Händen zu arbeiten, gibt es nicht. Da kann man nicht bescheissen und bereitet den Leuten eine Freude. Sie mögen es, wenn sie jemandem mit ein bisschen Hirn begegnen. Wenn man kommunizieren kann, dann kommen die Leute gerne. Zu mir kommen viele nur zum «Schnurre». Einfach, weil sie mich mögen.

Die Kundin von vorhin kommt zurück und holt ihre Ware ab, darunter das Sensenblatt. Das ist heute gratis, weil sie warten musste. Die Klinge wird noch eingepackt, damit sich die Kundin nicht schneidet. «Vor zwei Jahren habe ich mir in einer Kreissäge zwei Finger abgeschnitten, da ist ein richtiger Blutstrahl rausgeschossen», erzählt Meyer amüsiert.

Den Fingern gehts wieder gut?
Äh, super! Aber ich hätte sechs Wochen nicht arbeiten sollen, das geht doch nicht. Die Fäden habe ich auch selbst gezogen, ich bin ja ausgebildeter Zugsanitäter. Aber wir sind bei meinem Werdegang stehengeblieben. Ich wollte mit den Händen arbeiten. Im Frühling 2008 habe ich den Bolleter Schleifservice in Greifensee besucht. Dort habe ich diesen Wagen gesehen und war begeistert. Der war völlig autonom. Mit einem Dieselgenerator hat der Besitzer Strom gemacht und friedlich vor sich hingearbeitet, im grössten Hudelwetter. Im Herbst bin ich eine Woche mitgefahren, 2009 habe ich den Wagen übernommen.

Sie haben zu Beginn die Umwelt erwähnt: Ist Ihnen Nachhaltigkeit trotz Dieselmotor wichtig?
Sehr. Auch wenn man keine Kinder hat, macht man sich Gedanken darüber, wie es weitergeht. Ich musste in meiner früheren Tätigkeit ja immer wieder junge Leute ausbilden. Und die waren teilweise so unverfroren nur aufs Geld fixiert, denen war egal, was im Hintergrund sonst noch lief. Das hat mich sehr negativ berührt. Kohle ist «nice to have», aber ohne Umwelt geht gar nichts. Ich habe einen Dieselmotor hier, aber den lasse ich nicht laufen, wenn ich nicht muss, obwohl das wahrscheinlich günstiger wäre. Ich schaue in jeder Gemeinde, dass ich Zugang zu Strom habe. Wenn ich mir überlege, wie gedankenlos die Leute alles wegwerfen, das man noch flicken könnte, finde ich das einfach «verruckt».

Eine weitere Kundin kommt vorbei und bezahlt ihre Messer. Meyer fragt, ob er den Fünfliber haben könne, die seien bei ihm nämlich Mangelware.

Wie setzt sich Ihre Kundschaft zusammen?
Ein Drittel sind Stammkunden, viele davon kommen jedes Jahr. Der Rest sind einfach Neugierige. In meinem ersten Jahr kam eine Engländerin vorbei, die in Küsnacht lebte. Ich habe ihr meinen Prospekt gegeben, und sie hat mir dann ihre Messer gebracht. Das hat sie wohl ihren Freunden erzählt, und die kamen die Woche drauf ebenfalls vorbei. Die haben mich fast aufgefressen, so gut fanden die das. Messerschleifer gebe es bei ihnen nicht.

Haben Sie sich das Handwerk selber beigebracht?
Der frühere Besitzer hat mich drei Monate begleitet. Aber in meinem Herzen bin ich sowieso Handwerker, schon immer gewesen. Darum hat mir in meinem alten Job auch die Befriedigung gefehlt.

Ist mobiler Messerschleifer ein Beruf für Rastlose?
Nein. Rastlos heisst auch, dass Sie nicht ruhig sind, nicht in sich ruhend. Wenn Sie rastlos sind, sind sie ein Suchender. Das dürfen Sie hier nicht sein.

Weitere Kundschaft kommt. Kritik an den Preisen kontert der Messerschleifer gewohnt jovial: «Ich muss auch leben, und ich lebe gerne gut.» Mittlerweile hat er sich eine Pfeife angesteckt; einem Kunden erklärt er, die habe er sich zugetan, nachdem er sich ein Schiff gekauft habe. Sein Domizil für den Ruhestand.

Sie gehen also in Rente: Haben Sie einen Nachfolger?
Jawohl, der steht schon in den Startlöchern. 2019 fährt er mit mir für ein Jahr mit, Anfang 2020 ist für mich Schluss, dann bin ich 61. Man muss aufhören, wenn man einen guten Nachfolger gefunden hat. Mit meinem Schiff geht es dann von Frankreich aus über die europäischen Wasserstrassen. Dann bin ich nur noch im Winter hier und baue Modellschiffe.



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