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25.10.2017
Zürich West

Kreative Unruhe in der Kirche


Brigit Spillmann, Annalise Hess, Renata Schlüssel und Verena Stark (v.l.) sind auch beim Fototermin in Bewegung. Die Fünfte im Bund, Claudia Niederberger, konnte beim Treffen mit «Zürich West» nicht dabei sein. (Foto: mai.)

Fünf Künstlerinnen aus Zürich, Uster, Luzern und St. Gallen bespielen eine Woche lang die Grosse Kirche Altstetten. «anstatt» heisst ihr Projekt. Am Samstag ist Vernissage.

Lisa Maire

Am Anfang stand ein Kirchenraum, ein typisch reformierter, nüchterner, denkmalgeschützter obendrein. Er war Ausgangspunkt und Thema zugleich, ihn galt es zu füllen, zu verändern mit künstlerischen Interventionen. Um so anstatt der gewohnten Ruhe eine anregende Unruhe in den grossen Raum zu bringen. Das Phänomen Kirche als Ausstellungsraum habe sie alle sofort «inegnaa», erzählt die Altstetter Künstlerin Brigit Spillmann. Schon beim ersten gemeinsamen Treffen vor Ort im letzten August seien die Ideen nur so gesprudelt. Jede der fünf beteiligten Künstlerinnen liess sich dabei auf ihre ganz persönliche Art von den Gegebenheiten anregen. Und jede fühlte sich von einem anderen Ort im Kirchenraum angezogen. «Wir kamen uns mit unseren Ideen jedenfalls nicht in die Quere», meint Spillmann lachend.

Pinkfarbene Ordnung

«Die Kirche hat irgendwie mit mir geredet», beschreibt Annalise Hess ihren ersten Besuch vor Ort. In diesem «Echoraum» fielen ihr, die geometrische Ordnungen liebt, gleich die Stuhlreihen ins Auge. Diese Bestuhlung anstatt der Bänke habe sie einfach begeistert, meint sie. Und als sie dann die Halterungen für die Gesangsbücher vor den Sitzen sah, stand auch schon ihr Projekt fest: Hier wollte die Zürcher Künstlerin, die für ihre abstrakten Stickereien auf Papier bekannt ist, gestickte Karten reinstellen. «Das hätte aber als Ganzes nicht genug gewirkt», erzählt sie über die ersten Versuche. Am Samstag werden deshalb, schon vom Eingang her ersichtlich, 221 in sattes Pink getauchte Kunstkarten aus den Stuhlreihen leuchten. Die Botschaft darauf spielt mit dem Begriff «anstatt». In seiner Umgebung ein Hinweis auf die gesellschaftliche Frage: «Was haben wir heute anstatt Religion?», erklärt Hess.

Brot und Wasser

Renata Schlüssel wiederum legte ihren Fokus von Anfang an auf den Abendmahltisch und den Taufstein. Beide Objekte hüllt sie in perfekt (von einer beigezogenen Schneiderin) genähte Tücher. Beim ersten Besuch in der Grossen Kirche empfand die katholisch aufgewachsene Kunsttherapeutin und Alltagsgestalterin aus Uster die «reformierte Leere» zwar als gewöhnungsbedürftig. Doch je mehr sie sich mit dem architektonisch durchdachten Raum auseinandersetzte, desto mehr entdeckte sie «die Fülle in der Leere», wie sie sagt. Bei ihrer Installation spielt neben dem Tisch als zugleich gesellschaftlich wie christlich bedeutender Ort das Thema Wasser eine Rolle. Symbolisch kommen dabei auch ein zwei Jahre alter Brotlaib und mehrere Spiegel zum Einsatz.

Bewegte Horizonte

Claudia Niederberger, Dozentin Gestaltung an der PH Luzern, richtet ihr Augenmerk auf die runden Kirchenfenster. Deren bullaugenartige Form hat die Künstlerin zum Thema Horizonte angeregt: Mit zeichnerisch schwarz-weiss gestalteten Papierverkleidungen schafft sie für jene, die sich im Kirchenschiff befinden, neue bewegte Ausblicke. So erscheinen anstelle eines unbestimmten Himmelausschnitts nun eine Woche lang unterschiedlich geneigte Horizonte mit fallendem oder steigendem Wasser – wie bei Wellengang auf einem Schiff.

Himmel hinter der Kanzel

Das Thema, das Verena Stark wählte, ist eines, das sie auch sonst in ihrem Kunstschaffen inspiriert: der Himmel. «Sind wir so fasziniert von ihm, weil er so wandelbar, unstet, unfassbar ist?», fragt sie sich zum Beispiel. Die Künstlerin – Dozentin Gestaltung an der PH Thurgau und Lehrerin Gestaltung an der PMS Kreuzlingen – setzt sich für ihre Arbeit mit den Bedeutungen des Himmels in der christlichen Religion auseinander. Ihr gefällt der Gedanke, den «sichtbaren, sich stets wandelnden Luftraum über der Erde» nun in den Kirchenraum einzubringen. Präsentieren wird sie ihre «Himmelsgedanken» in Form von 13 auf Holz gedruckten Fotografien, die jeweils am Ende der 13 Stuhlreihen aufgestellt sind. Dazu stellt sie ein 2 x 3 Meter grosses, aus 100 Kartonplatten zusammengesetztes Himmelsbild hinter der Kanzel aus.

Ellbogen von Frauen

Ebenfalls an mehreren Orten im Kirchenraum wirkt Brigit Spillmann verändernd. Ausgehend vom Textteil «Ihr alle aber seid Brüder» auf dem imposanten Holzrelief hinter dem Abendmahltisch, macht sie darauf aufmerksam, dass Kirche doch ein «Raum für alle!» ist – wobei sie diese drei Wörter und das Ausrufezeichen auf Klebefolie an verschiedenen Stellen im Kirchenraum anbringt. An den Enden der Ausstellungswand prangen zwei Thronmotive, mit Farbe, Stoff und Faden auf Leinwand gebracht, und auf den Sims der Empore schliesslich legt die Künstlerin 36 kleinformatige Bilder. Es handelt sich dabei um rote Ellbogen-Abdrucke. Frauen aus drei Generationen hätten ihre Ellbogen aufs Papier gepresst, erklärt Spillmann. Herausgekommen sind erstaunlich vielfältige, hübsche Figuren. Spillmann versteht die Hautabdrucke als Spuren gelebter Zeit, die «anstatt» all der Frauen wirken sollen, die über Jahrhunderte hinweg die christliche Kirche auch mitgetragen haben.

An der Vernissage werden die Projektinitiantin, Pfarrerin Ulrike Müller und Kunsthistorikerin Gabrielle Obrist, in die Ausstellung einführen. Für die musikalische Umrahmung sorgen Joanna Baratta auf dem Akkordeon und Nora Vetter auf der Bratsche.

Vernissage Samstag, 28. Oktober, 17–19 Uhr, Reformierte Kirche Altstetten, Pfarrhausstrasse 10. Ausstellung mit Anwesenheit von jeweils zwei Künstlerinnen: So–Fr 15–18 Uhr, Finissage: Freitag, 3. November, 18–19 Uhr.



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