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26.10.2017 Von: Fabio Lüdi

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

«Ich bin ein massloser Charakter»


Nach «Granada Grischun» arbeitet Ganzoni nun an einem Roman. Foto: Fabio Lüdi

Am Donnerstag liest Romana Ganzoni aus ihrem Erstlingswerk «Granada Grischun» in der Buchhandlung Wolf in Küsnacht. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Romana Ganzoni, sind Sie mit dem Zug nach Küsnacht gekommen?
Nein, ich bin mit dem Auto gekommen, aber ich besitze ein GA.

Und doch schreiben Sie vom Zugfahren als Unterwerfung.
Ja. (lacht) Das ist die Auffassung jener Protagonisten. Ich unterwerfe mich aber auffällig oft dem Zugfahren. Und ich sehe die Rhätische Bahn beinahe schon als fahrendes Büro. Wenn mir nichts einfällt oder mich zu Hause alle nerven, steige ich gerne in den Zug, um zu arbeiten. Darum ist Zugfahren keine Unterwerfung, im Gegenteil, ich habe das Gefühl, ich sei die Königin der RhB. Ich finde Zugfahren unendlich inspirierend.

Ihre Geschichten sind also nicht biografisch inspiriert?
Überall tauchen mal wieder biografische Splitter auf, sicher. Aber alles «tale quale» zu erzählen, wäre mir zu simpel.

Dann schreiben Sie nicht über Ihren Vater? Die Vaterfigur in Ihren Erzählung ist jeweils auffällig distanziert.
Splitter von ihm tauchen auf. Mein Vater war ein unterhaltsamer, origineller Erzähler, ein wilder Hund, unglaublich interessant und darum auch prägend. Für eine Tochter ist ein Vater auch deswegen so wichtig, weil sie in ihm zum ersten Mal das ganz andere erfährt. Dieses andere sind die Männer. Den Kontrast zwischen den Geschlechtern finde ich sehr interessant, besonders für literarische Themen.

Sie sind nicht das erste Mal in Zürich: Sie haben hier an der Universität studiert.
Rein biografisch war Zürich ein Schockzustand. Ich war eine Bergdohle, die in einer anderen Blase in dieses Zürich angeliefert wurde. Ich muss ehrlich sagen, dass mich die Stadterfahrung eingeschüchtert hat. Ich musste mich erst daran gewöhnen, auch an den anderen Habitus meiner Kommilitonen. Ich war wie aus einer anderen Welt. Ich kam auch tatsächlich aus einer anderen Sprachwelt, aus einer anderen Mentalität. Das Engadin, das ist natürlich eine lateinische Welt, die hat eine andere Temperatur.

Herkunft und Zugehörigkeit spielen bei Ihnen eine prominente Rolle.
Das Nicht-Dazugehören ist eine fundamentale Erfahrung, die mich literarisch oft umtreibt. Damals in Zürich habe ich aber schnell Anschluss gefunden, ich finde überall schnell Freunde.

Bei den meisten Ihrer Geschichten drückt eine gewisse Trostlosigkeit durch. Warum?
Der Grund dafür ist furchtbar banal: Es ist die Auswahl der Geschichten für das Buch. In vielen Erzählungen spielt Gewalt eine grosse Rolle, weil Gewalt ein Thema ist, das mich interessiert. Wen nicht. Niemand, der sich wirklich für existenzielle Fragen interessiert, kommt darum herum. Ich schreibe aber auch viele humorvolle Texte oder Kolumnen.

Trotzdem sagen Sie: Schreiben ist für die Unglücklichen.
Oder für jene, die Unglück erfahren haben. Ich bin aktuell gar nicht unglücklich. Wenn man aber über Unglück und Gewalt schreibt, muss man wissen, was das ist. Man muss die existenzielle Erfahrung vom ganz grossen Unglück gemacht haben und wissen, wie ein Abgrund sich anfühlt.

Im Kontrast dazu steht die Thematik der Ästhetik oder der kindlichen Unschuld.
Die Frage, wie weit man Ästhetik ziehen kann, fasziniert mich. Die «hochgedrehten » Figuren El Grecos haben mich beispielsweise schon früh beeinflusst. Die kindliche Unschuld bekommt man hingegen geschenkt, oder nicht. Ich habe meine, wie ich glaube, noch nicht verloren.

Wie äussert sich das?
Ich bin, glaube ich, ganz schön naiv. Das heisst: einerseits überhaupt nicht, intellektuell etwa. Aber emotional bin ich nicht «abgeklärt». Ich habe kürzlich ein Schubert-Konzert besucht. Nach dem ersten Streicherquartett brauchte ich eine Pause, weil ich es so intensiv wahrgenommen habe.

Das passt zu Ihrem Schreibstil: Lange Girlandensätze, die wie kindliche Gedanken wirken.
Meine Texte sind nicht konstruiert, bei vielen folge ich einfach einem Gedanken. Die kommen nicht aus dem Nichts. Das sind Gedanken, die mich lange begleiten, oder Figuren, die sich irgendwann mal melden. Wenn ich die Geschichte dann schreibe, habe ich nie vor Augen, wie sie endet. Ich folge dann einfach den Sätzen. Anfangs habe ich eher eine Idee, ein Gefühl als eine komplette Geschichte.

Ein impulsiver Prozess, also.
Ja. Ich will einfach alles fressen, alles ausloten. Mir gefällt diese Intensität. Ich bin ein massloser Charakter. Aber das muss man eben wissen über sich, um sich entsprechend zu verhalten und nicht ins Destruktive abzurutschen. Mir gefallen darum auch Charaktere, die ausserhalb der Norm stehen. Das sind meist Kinder und Menschen, die als «nicht ganz hundert» wahrgenommen werden, einen anderen Filter haben. Ich sehe mich verwandt mit diesen, selbst befinde mich manchmal auch am Rand des Wahnsinns.

Dann ist alles ein Kampf gegen das Ordinäre?
Letztlich ist das ein Kampf gegen die Banalität, wie auch die Literatur ein Kampf gegen die Banalität ist. Mein Leben muss farbig und intensiv sein. Ich will es poetisieren und entbanalisieren, wo ich kann. Wie bei der Geschichte vom tapferen Schneiderlein: den Stein pressen, bis Wasser rauskommt – oder noch besser, Kaffee.



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