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08.11.2017 Von: Benny Epstein

Zürich 2

Morgen des Grauens


Benny Epstein ist kein Morgenmensch. Foto: zvg.

In der heutigen Kolumne jammert Benny Epstein über seinen letzten Montagmorgen.

Montag. Oder wenn du weisst, dass auch diese Woche wieder kein Zuckerschlecken wird. Schon das Aufstehen am Morgen ist ein Kampf. Beim Versuch, aus dem Bett zu steigen, wirst du an den sonntäglichen Zweikampf mit dem gegnerischen Stürmer erinnert. Schienbein auf Schienbein. Dort oben, wo zwischen Schoner und Knie ein paar Zentimeter freiliegen. Er kam mit Tempo, ich sah Sterne. Aber er blieb länger liegen, versprochen. Zumindest gestern. Denn heute schaffe ich es deshalb kaum aus den Federn.
Dass sich die Temperaturen draussen gerade noch knapp oberhalb der Null-Grad-Grenze präsentieren und die Bise so steif ist, als hätte sie Viagra geschluckt, realisiere ich erst, als ich bereits an der Tramstation stehe. Versteht sich von selbst, dass ich zu faul bin, zurückzugehen und T-Shirt und Jeanshemd gegen Pullover und Filzmantel einzutauschen.

Offener Hosenladen

Dann, im Tram, der Aufsteller des Tages. Eine junge Dame lächelt mich an. Sie hat zwar schon ein Baby im Tragetuch, aber was solls. Ich lächle zurück und sie deutet mir, dass mein Hosenladen offen sei. An der nächsten Station ergreife ich peinlich berührt, mittlerweile mit geschlossenem Laden, die Flucht. Steige bei der hintersten Tür des vorderen Wagens aus und bei der vordersten des hinteren Wagens sogleich wieder ein. Ich setze mich hin. Zeit, zur Ruhe zu kommen. Auf meinem Smartphone öffne ich die Facebook-App. Mein nächster Fehler.
Gleich zuoberst prangt der abfotografierte Beleg aus einem Restaurant. Ein Facebook-Freund von mir, in der Realität habe ich ihn noch nie gesehen, schreibt: «Für 185 Franken konsumiert und dann verlangt das Restaurant 3 Franken fürs Wasser. Ich komme nie wieder!» Es gibt nur wenige Diskussionen, denen ich nicht ausweichen kann. Die Wasser-im-Restaurant-muss-gratis-sein-Debatte ist so eine. Wieso, zum Teufel, soll Wasser denn gratis sein?! Sie beziehen eine Leistung, also bezahlen Sie gefälligst. Viele trinken Wasser nur, um zu sparen. Ein Denkfehler. Das Personal arbeitet, bereitet das Wasser auf, bringt es, tischt es ab, wäscht das Glas ab. Der Gastronom wird wegen diesen drei Franken nicht reich. Aber sie würden ihm massiv fehlen, wäre das Wasser gratis. Ich könnte Argument an Argument reihen. Stundenlang. Diese Diskussion bringt mich auf die Palme.

Fast Haltestelle verpasst

Um ein Haar verpasse ich es vor lauter Rage, am Central auszusteigen. Immer noch genervt, gebe ich dem Penner, der mich nach ein paar Rappen bittet, nicht mal eine Antwort. Stattdessen spreche ich um ein Haar aus: «Geh doch in ein Restaurant. Da gibts bestimmt gratis Wasser.» Konnte es gerade noch unterlassen.
Nun sitze ich in meinem Stammcafé. Trinke Cappuccino, schreibe die Kolumne fürs «Zürich 2» und frage mich, ob die am Donnerstag, beim Erscheinen dieser Zeitung, überhaupt nachvollziehen können, wie man sich am Montagmorgen fühlt. Zum Cappuccino gibts gratis ein Glas Wasser. Ich komme wieder.

Benny Epstein ist Journalist und lebt in Wollishofen. Letzte Woche wurde er am Morgental erstmals angesprochen: «Ihr Gesicht kenne ich aus dem Lokalblatt.» Seither trägt er eine Sonnenbrille. Der ohne Sonnenbrille ist nur sein Double. Bitte nicht ansprechen.



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