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09.11.2017 Von: Fabio Lüdi

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

Jugendliche rüsten sich für die Arbeitswelt


Nichts mit Lernfrust: Arlette Minets Klasse arbeitet aktiv mit und hilft sich untereinander. Foto: Fabio Lüdi

Fremdsprachige Jugendliche können sich in der Tempus Schule in Küsnacht auf den Berufseinstieg vorbereiten. Die Erfolgsaussichten sind vielversprechend.

Die erste Bewerbung schreiben und den ersten Lebenslauf gestalten, das sind Erfahrungen, die wir alle irgendwann gemacht haben. Nebst purer Notwendigkeit sind sie auch Teil eines gesamtschweizerischen Erfahrungsschatzes, man ist beinahe versucht zu sagen: Bestandteil unserer Kultur – wenn auch nicht der beliebteste. Das Wissen um die Formen und Formalien einer korrekten Bewerbung ist aber unumgänglich, um Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt zu erhalten. Auch müssen hiesige Gepflogenheiten und Umgangsformen berücksichtigt werden, um nicht in Fettnäpfchen zu treten. Hier, bei der Vermittlung schweizerischer Kultur und Usanzen, setzt der Kurs «Sprache und Integration » der Tempus Schule in Küsnacht an. Die Institution wird von der Schulgemeinde Küsnacht getragen und bietet ein öffentliches Berufsvorbereitungsjahr in verschiedenen Profilen. Das SI-Angebot richtet sich explizit an fremdsprachige Jugendliche und bietet diesen die Möglichkeit, sich auf den Berufseinstieg vorzubereiten.
Deutschkurse, Kommunikationsund Konfliktlösungsansätze, Einblicke in diverse Berufsfelder und Begleitung und Betreuung während des Bewerbungsprozesses gehören zum Angebot. Die Schülerinnen und Schüler kommen aus aller Welt: Afghanistan, dem Irak, Eritrea, dem Kongo oder Syrien. Jetzt wohnen sie in Küsnacht, Oerlikon, Zürich oder Wiesendangen. Allen gemein ist, dass sie einen Ausbildungsplatz suchen und sich aktiv die notwendigen Fähigkeiten dafür aneignen wollen. Im Modul Coaching Berufsfindung COBE etwa arbeiten die Schülerinnen und Schüler an ihrer Bewerbungsmappe, informieren sich über verschiedene Berufsgattungen und bereiten sich auf Vorstellungsgespräche vor. Arlette Minet betreut eine Klasse mit zwölf Jugendlichen, die COBE- Kurse allerdings werden jeweils in der Halbklasse durchgeführt. Vom Arbeitsaufwand her sei das sonst unmöglich, meint Minet.

Versiert ins Vorstellungsgespräch
Zusammen mit ihrem Praktikanten Serafin Carpanetti überprüft sie Lebensläufe, liest Motivationsschreiben gegen und hilft bei der Suche nach Terminen für Eignungsabklärungen. Es sind beschäftigungsreiche Stunden, die gutschweizerisch beginnen: Handschlag, Augenkontakt und ein «Grüezi » zur Begrüssung gehören dazu. Die Schweizer Pünktlichkeit wird naturgemäss prominent behandelt. Anschliessend werden die Tagesziele festgelegt und sich über Erfahrungen, etwa ein Vorstellungsgespräch, ausgetauscht oder über den Umgang mit Absagen diskutiert. Viele der Schülerinnen und Schüler haben ausserhalb des Unterrichts keinen Zugang zu Computern, Recherchen zu Berufsgattungen oder das Verfassen von Motivationsschreiben finden darum vornehmlich in den schuleigenen Computerräumen statt. Ein Schüler Minets hat beispielsweise bereits in seinem Herkunftsland ein Jahr als Coiffeur gearbeitet und möchte nun auch in der Schweiz in der Branche Fuss fassen. Zusammen mit Minet bespricht er seinen Lebenslauf, sie gibt ihm Tipps zur Gestaltung und Ratschläge, über was er sich im Hinblick auf ein Vorstellungsgespräch im Vorfeld informieren sollte. «Mir ist wichtig, dass alle Lernenden eine gute Anschlusslösung finden, vor allem eine, die zu ihnen passt», sagt Minet. Für dieses Ziel setzt sie sich auch persönlich ein: Muss einer der Schüler einem potenziellen Arbeitgeber telefonieren, darf er das zuweilen von ihrem Handy aus tun, fallen für eine Eignungsabklärung Gebühren an, die sofort bezahlt werden müssen, schiesst sie diese wenn nötig vor. Die meisten der Jugendlichen sind alleine in die Schweiz gekommen, weswegen Minet auch Telefonate mit Vorgesetzten ihrer Lernenden führt. «Für mich steckt viel Herzblut in der Sache», sagt Minet. Ihr sei auch wichtig, dass der Unterricht nicht blosses Theoriewälzen ist. So oft wie möglich setzt sie darum auf Anschauungsunterricht, sei es Magenbrot von der Chilbi, Fasnachtschüechli oder ein Besuch hinter den Kulissen in der Oper. «Mir bereitet das grosse Freude, es kommt auch viel zurück, Glücksmomente werden zelebriert», so Minet.

Begegnung auf Augenhöhe
Sie ist aber auch ganz Lehrerin: Macht die Klasse Radau, wenn sie aus dem Zimmer ist, genügt ein strenger Blick durchs Türfenster, um die Rabauken zur Ordnung zu rufen. Klingelnde Handys im Unterricht werden eingezogen, Widerstand dagegen gibt es von den Schülern keinen. Sie kennen das Prozedere offenbar bereits. Die Begegnung passiert stets auf Augenhöhe, die Jugendlichen werden gesiezt, Putzpläne werden diskutiert, und anstelle strikter Ämtli-Regeln wird im Zweifel bis auf weiteres auf Eigenverantwortung gesetzt. Mittlerweile führt die Tempus Schule drei solcher Klassen mit unterschiedlichen Ausrichtungen in Handwerk und Technik, Gesundheit und Soziales und der schulischen Weiterbildung. Die Kurse würden bewusst mit anderen Klassen gemischt, erläutert Christian Süss, der Schulrektor: «Dies ermöglicht gegenseitiges Verständnis und Vertrauen unter den Lernenden.»
Die erste Klasse Sprache und Integration wurde auf das Schuljahr 2014/15 eingeführt. Durch die zunehmende Globalisierung und die anhaltenden Migrationsbewegungen sei das Bedürfnis nach einem solchen Angebot entstanden, so Süss. Zudem fordere der hoch spezialisierte Schweizer Arbeitsmarkt Fachkräfte, die sowohl ein hohes Mass an Wissen und schulischen Fähigkeiten als auch hohe soziale Kompetenzen aufweisen. Mit einem entsprechenden Angebot soll diesen Anforderungen begegnet werden. Die Jugendlichen besässen schliesslich viele Ressourcen, die es sichtbar zu machen gelte: «Unsere Lernenden verfügen oft über sehr gute handwerkliche Fähigkeiten, sind hilfsbereit, motiviert und respektvoll», ist Süss überzeugt. In den letzten drei Jahre haben 67 Lernende den Sprache-und-Integration- Kurs besucht, eine Mehrheit wechsle nach dem Schuljahr in eine Lehre oder ein Praktikum, wenige besuchten ein Motivationssemester oder stiegen direkt in eine Arbeitsstelle ein. Süss spricht von 95 Prozent, die eine Anschlusslösung finden. «Erfreulich hoch», kommentiert der Rektor seine Quote.



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