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06.12.2017 Von: Roger Suter

Züriberg

Walker Späh will neuen Fluglärm-Index


Ältere und daher laute Flugzeuge – im Bild eine russische Antonov AN-124 über Kloten – sind hier inzwischen selten. Walker Späh möchte deshalb den ZFI entsprechend anpassen. Foto: Simon Heinz

Als politisches Instrument wirkungslos, aber als Messmethode brauchbar: Die Volkswirtschaftsdirektorin will den ZFI modernisieren.

Rund 269 000 Flugbewegungen fanden 2016 auf dem Flughafen Kloten statt, knapp 4000 mehr als 2015 und 2014. Die schlechte Nachricht ist: Auch der Zürcher Fluglärm-Index (ZFI) wurde erneut überschritten – und zwar um 17 110 Personen, indem statt der «erlaubten» 47 000 sogar 64 110 Personen vom Fluglärm gestört werden.
Die gute Nachricht ist: Das stimme so nicht. Denn der ZFI habe «Geburtsfehler », so Carmen Walker Späh, Volkswirtschaftsdirektorin des Kantons Zürich, am vergangenen Freitag vor den Medien. Und sie hofft, diese im Auftrag des Kantonsrats bald beheben zu können.
Anlass war die Präsentation des Flughafenberichts, in dem der Kanton, dem seit der Flughafen-Privatisierung noch rund ein Drittel von dessen Aktien gehört, alljährlich schreibt, ob und wie zufrieden er mit dem Airport ist – sowohl volkswirtschaftlich als auch lärmtechnisch.
Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Ernst Stocker (SVP) nahm der ZFI bei Carmen Walker Späh eine prominente Position ein, indem sie ihm einen ausführlichen Teil der Medienkonferenz widmete. «Nach zehn Jahren ZFI ist es Zeit für Ehrlichkeit», sagte sie im Zürcher Walcheturm. Im Klartext: Der Lärmschutz gemäss ZFI ist gar nicht umsetzbar.
Der Zielkonflikt im Flughafengesetz sei unüberwindbar. Paragraf 1 des Flughafengesetzes verpflichtet den Regierungsrat, dass er den Flughafen Zürich zur Sicherstellung seiner volks- und verkehrswirtschaftlichen Interessen fördert; andererseits soll die Regierung die Bevölkerung vor schädlichen Auswirkungen des Flughafenbetriebs schützen. Doch die Bevölkerung wächst genau dort am meisten, wo geflogen wird.

Index ohne Konsequenzen
Diese Entwicklung ist politisch und wirtschaftlich gewollt und so im kantonalen Richtplan eingetragen. 80 Prozent des Bevölkerungswachstums soll hier aufgenommen werden, um die Zersiedelung der übrigen Gebiete zu verhindern. Indem aber der Kanton dort «urbane Wohnlandschaften» fördere, treibe er gleichzeitig den ZFI in die Höhe.
Der ZFI habe «Geburtsfehler», welche Walker Späh nun ausräumen will: Einerseits ist die konkrete Zahl der «belärmten» Menschen irreführend, weil manche – zum Beispiel in Opfikon – doppelt berechnet werden, wenn sie Tag und Nacht Fluglärm erdulden müssen: Sie gehören zu den «highly annoyed» (den stark Belästigten tagsüber) genauso wie zu den «highly sleep disturbed» (den stark im Schlaf Gestörten). Vor allem aber berücksichtige die bisherige Methode den Fortschritt der Technik nicht. «Und den Lärm an der Quelle zu bekämpfen, ist nicht nur erste Priorität des Kantons bei der Lärmbekämpfung, sondern auch der ICAO» (die Internationale Zivilluftfahrts-Organisation der UNO), so Mark Dennler, Abteilungsleiter Flughafen/Luftverkehr im Kantonalen Amt für Verkehr (AFV) – noch vor raumplanerischen Massnahmen, optimierten Flugverfahren und zuletzt Betriebseinschränkungen. Dennler erwähnt die neuen und erheblich leiseren Flugzeugtypen Airbus A380, 350, 320 Neo, Boeing 787 oder die C-Serie von Bombardier, dank denen er mit einer Entlastung von 10 bis 15 Dezibel rechnet – wobei eine Senkung von 3 Dezibel für das menschliche Ohr in etwa eine Halbierung des Lärms bedeutet. «Künftig soll man die Lärmwerte von Flugzeugen in der Berechnung des ZFI austauschen können. Diese Änderung muss aber vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) bewilligt werden», sagt Dennler. «Das sind Milliardeninvestitionen in leisere Flugzeuge, die so nirgends abgebildet sind», sagte Walker Späh. Deshalb hofft sie darauf, dass der Kantonsrat sie mittels eines eingereichten Postulats beauftragt, den ZFI anzupassen.

Immer mehr Flüge nach 23 Uhr
Eine Abschaffung des ZFI, wie sie flughafenfreundliche und Wirtschaftskreise seit Längerem fordern, steht für Walker Späh nicht zur Diskussion: «Er ist Bestandteil des Gegenvorschlags zur Volksinitiative ‹Für eine realistische Flughafenpolitik›», so Walker Späh, «und wurde 2007 vom Volk angenommen.»
Und auch dass der Kanton Zürich mit dem ZFI ein eigenes Lärmmodell verwendet, hat für Walker Späh seine Berechtigung: «Die Zürcher tragen fast 90 Prozent des Fluglärms selber.» Noch nicht zufrieden ist der Kanton mit der ungenügenden Pünktlichkeit und den teilweise daraus folgenden verspäteten Abflügen nach 23 Uhr. 2016 waren dies insgesamt 2486 Bewegungen, im Vorjahr 2385. Bis 23.30 Uhr kann der Flughafen diese als «Verspätungsabbau» selber bewilligen (2304, Vorjahr 2187).
Während des Nachtflugverbots zwischen 23.30 und 6 Uhr flogen letztes Jahr 217 Maschinen; 74 Ambulanz-, 15 Vermessungsflüge sowie 129 Linien- oder Charterflüge (wegen technischer Probleme beziehungsweise wetterbedingt). Vier Flüge meldete das aufsehende Amt für Verkehr dem Bazl in Bern, weil es mit der Begründung nicht einverstanden war oder weil gar keine Ausnahmebewilligung vorlag.

Mit Geschäftsführung zufrieden
Verbesserungen verspricht sich Dennler nach Umsetzung des bundesrätlichen Sachplans Infrastruktur SIL2: Er sieht unter anderem verlängerte Pisten 28 und 32, Südabflüge geradeaus bei Bise und bei Nebel sowie die Erweiterung eines neuen Rollwegs zur Piste 14 um die Piste 28 herum vor. Damit müssten die späten Maschinen nicht mehr die Landepiste 28 kreuzen, um selber starten zu können. Die bereits dagegen ergriffenen Massnahmen würden erst zu wirken beginnen, so Dennler. Allerdings gebe es im System Luftverkehr viele Abhängigkeiten: «Nicht an jeder Verspätung hier ist der Flughafen Zürich auch schuld.»
Neben dem Lärm sind auch die Flugrouten und -zeiten unter Beobachtung: 2016 stellte der Kanton knapp 4100 Abweichungen von den Flugrouten fest (1 Prozent weniger als 2015). 1400 davon wurden genauer abgeklärt (–21 Prozent), und 5 Abweichungen mussten Bern gemeldet werden (der Kanton selber hat keine Sanktionsmöglichkeiten). Die meisten Abweichungen betrafen den Steigflug (863) und den Kurvenflug (720).



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