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13.12.2017 Von: Bastian Bernhard

Züriberg

Hochschule oder Familie, das ist hier die Frage


Zusammenhalt statt Einzelmasken: Studierende in Deutschland haben mehr voneinander, schreibt unser Mann im Ruhrpott. Auf dem Bild sitzen Studierende der Westfälischen Hochschule zusammen. Foto: Bastian Bernhard

Es ist Mitte Semester, und so langsam dreht sich vieles nur noch um die Hochschule. Vorbei die Zeiten von Ausflügen und Langeweile. Doch die zunehmende Belastung durch Projektarbeiten, Präsentationen und Unterricht ist, lustigerweise, ein Segen für meine sozialen Kontakte.

«Herzlich willkommen in der JPR-Familie! », verkündet der Institutsdirektor des Studiengangs «Journalismus und Public Relations» bei der Willkommensrede der Erstsemester, die Arme feierlich zur fiktiven Umarmung ausgebreitet. JPR-Familie, denke ich mir, schon etwas gruselig, wenn ich ehrlich bin. Klingt ein bisschen wie eine Sekte. «Sie mögen es jetzt vielleicht nicht glauben, aber in den nächsten Wochen werden sie merken, wie alle hier bald Teil einer grossen Familie werden», fügt er an.
Als Familie habe ich meine Klasse an der ZHAW in Winterthur nie empfunden. Natürlich, die kleine Clique, die sich nach kurzer Zeit zusammengefunden hat, ist äusserst familiär, aber der ganze Studiengang? Ich bin im fünften Semester und kenne nicht einmal alle bei ihrem Namen. Familie? Pah! Undenkbar.
Doch hier, in Gelsenkirchen, scheint das alles etwas anders zu sein. So fielen mir bereits am ersten Tag diverse kleine Interaktionen auf, die für mich unvorstellbar waren. Freche, sehr persönlich anmutende, Kommentare von Studierenden gegenüber einem Dozenten zum Beispiel, die von diesem prompt mit einem Mittelfinger beantwortet wurden. Etwas schockiert beobachtete ich das darauffolgende Gelächter. Aber eigentlich fand ich das einen ganz angenehmen Wechsel. Und, wenn ich ehrlich bin, war ich gespannt, wie sich dieses «Familie- Werden» entwickeln würde.

Stress, Kaffee und Träume
Schnellvorlauf – es ist der 20. November, der erste Tag der sogenannten Projektwoche. In der Kurzfassung erklärt: Bei der alljährlichen Projektwoche gibt die Hochschule, zusammen mit einem Kunden, ein Thema vor, das während einer Woche von verschiedenen Teams bearbeitet werden soll. Als Belohnung winken einerseits Credits, andererseits Preise, die am Ende der Woche beim Präsentieren der Resultate gewonnen werden. Auftraggeber dieses Jahr: West Lotto, ein staatlicher Lotteriebetrieb in Nordrhein-Westfalen. Thema: Träume. In knapp vier Tagen sollten also 21 Gruppen, bestehend aus Studierenden aus allen Semestern, ein Video, zwei Texte und eine Fotostrecke zu diesem Thema erarbeiten.
Auf den ersten Blick wirkt das alles wie ein riesiger Stress. Was es zugegeben auch war. So hat sich während dieser Woche bei vielen Studierenden die Ernährung wohl hauptsächlich auf Kaffee umgestellt. Doch freitags, dem Tag der Präsentationen, scheinen alle Teilnehmenden zufrieden zu sein – trotz blutunterlaufenen Augen mit dazugehörigen Augenringen bis zum Kinn.

Richtige Aufträge
Die Auswirkungen der Projektwoche spürt man auch noch Wochen danach, denn sie hat die einzelnen Studierenden spürbar zusammengeschweisst. Hatte ich vor der Projektwoche noch nicht viel Kontakt ausserhalb des Unterrichts, so hat sich das nun geändert.
Die Projektwoche ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich meine jetzige Hochschule von der ZHAW unterscheidet, obwohl beide Studiengänge ähnlich aufgebaut sind. Denn diese Woche ist nicht die einzige Chance, für einen realen Kunden, an einem realen Auftrag zu arbeiten. Während wir in Winterthur stets an fiktiven Aufträgen gearbeitet und die Resultate schlussendlich entsorgt haben, wird hier viel Wert auf Realitätstreue gelegt. Zum Beispiel in der Lehrredaktion Print. Das sieht jetzt auf den ersten Blick nicht sonderlich spannend aus, bietet aber bei näherem Betrachten sehr viel Interessantes. Es wird eine Redaktion, bestehend aus Studierenden des dritten und fünften Semesters, gegründet.
Das Ziel ist es, ein Studentenmagazin zu verfassen, dass dann an Hochschulen im Ruhrgebiet ausgelegt wird (es soll eine ungefähre Auflage von 2000 Exemplaren haben). Dabei wird unsere frisch gegründete Redaktion zwar von Dozenten unterstützt. Im Grossen und Ganzen wird aber alles selbst gemacht – angefangen bei Marketing, Layout und Design des Hefts und endend bei, logischerweise, den Reportagen.
Zurück zu diesem «Familiending ». Auch wenn ich dieses eigentlich immer noch ein wenig gruselig finde, habe ich in den letzten Wochen doch gemerkt, wie schwer es ist, sich diesem Denken zu entziehen. Nach einigen Gruppenarbeiten und der Projektwoche kenne ich plötzlich eine gefühlte Unmenge an Personen, mit denen ich mich gut und gerne unterhalte. Dabei ist das nicht mal nur auf Kommilitonen und Kommilitoninnen beschränkt.

Eine Klasse wird Familie
Es kommt des Öfteren vor, dass man sich bei einem Bier mit einem Dozenten unterhält. Auf diese Art und Weise habe ich auch schon einen Lieblingsprofessor entdeckt. Und das, obwohl ich nicht mal Unterricht bei ihm habe. Denke ich an meine eigentliche Hochschule in Winterthur, kann ich auch nach längerem Überlegen wirklich niemanden der Dozierenden bevorzugen.
«Sie mögen es jetzt vielleicht nicht glauben, aber in den nächsten Wochen werden sie merken, wie alle hier bald teil einer grossen Familie werden», die Worte von der Willkommensrede hallen in mir noch immer nach. Und so langsam, wenn auch etwas ungern, muss ich diesen wohl beipflichten.



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