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21.12.2017 Von: Hans-Peter Neukom

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

«Agnesli», die geschichtsträchtige Erlenbacher Glocke


Sigrist Rolf Zangger bei seinen Lieblingen im Glockenstuhl der reformierten Kirche Erlenbach. Foto: Hans-Peter Neukom

Nur einmal im Jahr ertönt das zierliche Geläut der altehrwürdigen Glocke «Agnesli» in der Kirche Erlenbach. Wie aber kam die Kirche am See zu der über 600 Jahre alten Glocke?

Im Glockengestühl der reformierten Kirche Erlenbach hängt seit 127 Jahren eine Glocke von rund 60 Zentimetern Durchmesser, die Agnesglocke. Liebevoll wird sie von den Einwohnern «Agnesli» genannt und ist einem grossen Teil der Bevölkerung, vielleicht auch wegen ihrer im Dunklen liegenden Vergangenheit, ans Herz gewachsen.
Den oberen Kranz der kleinen Glocke ziert ein Friedensspruch, «Domine da pacem in diebus nostris», was so viel heisst wie «Herr, gib uns Frieden in diesen Tagen». Am massiven Holzjoch mit dem Beschlag, der sich in die Glockenkrone fügt, steht die Jahreszahl 1371. Nur einmal im Jahr, an Silvester, erklingt das Geläut des «Agnesli ». «Zu dieser Zeit dürfen die Erlenbacher einige Minuten vor dem Mitternachtsschlag die Glocke am Strick ziehen und hin- und herschwingen lassen», erzählt Rolf Zangger, Sigrist der Kirche Erlenbach. Es gebe wenige Glocken hierzulande mit so alter Tradition.

Rätselhafte Herkunft
«Vermutlich war es im 14. Jahrhundert das erste Glockengeläut im mittelalterlichen ‹Erlibach› am Zürichsee», sagt Zangger. Doch wie kamen die Erlenbacher zu ihrem «Agnesli»? «Bis heute haben wir dazu keine schriftlichen Nachweise gefunden und können daher nur vermuten», betont Zangger. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts wurde vermutlich die Angneskapelle in Erlenbach als bescheidenes Gotteshaus erbaut. Das päpstliche Zehntenbuch erwähnt nämlich 1275 einen kirchlichen Bau, der zum Archidiakonat Zürich und Dekanat Rapperswil gehörte. Im Einsiedler Urbar, eine Art Verzeichnis über Besitzrechte, wird die Agneskapelle aber erst 1331 samt Kirchhofgütern und einem Kirchweg erwähnt. Diese stand am Dorfplatz anstelle der heutigen Metzgerei Ledermann am Weg zur Schifflände.
1373 wurde die Kirche von Küsnacht an die Johanniter übergeben und die Kapelle Erlenbach durch eine Weihung in den Stand einer Kirche erhoben. Den Ausbau bezahlte der Ritter Gottfried «Götz» Mülner, Zürcher Chorherr und Kirchherr von Küsnacht. Untermauert wurde die Beförderung der Kapelle zur Kirche durch Güterübertragungen, Schenkungen (Glocke?) und durch die Unterschutzstellung der heiligen Agnes. Dass zudem die Ehefrau von Ritter Götz Mülner Agnes hiess, scheint diesen Bezug zu erhärten. Und die Jahreszahl 1371 im Querbalken der Agnesglocke deutet ebenfalls auf diese Zeit hin. Eine Schenkung der Glocke müsse aber mit einer besonderen Beziehung mit Erlenbach und der Namensgebung Agnes in Zusammenhang gestanden haben, vermutet Zangger. Das übergeordnete Küsnacht erhielt nämlich erst mit dem Bau des Kirchturmes 1436 seine erste eigene Glocke. Weil indes verlässliche Überlieferungen und schriftliche Dokumente fehlen, das Alter der Agneskapelle und die Herkunft der Agnesglocke weitgehend unbekannt sind, bleibt vieles immer noch im Dunkeln.
Die kirchliche Rolle der Erlenbacher Kapelle war jedoch bescheiden. Für Gottesdienst, Taufe, Hochzeit und Begräbnis mussten die Erlenbacher ihre Mutterkirche in Küsnacht aufsuchen. Erst 1421 überzeugte Erlenbach die Johanniter von Küsnacht, dass ein Johanniterpriester wöchentlich dreimal eine Messe in der Angneskapelle las. 1497 erbauten dann die Erlenbacher anstelle der Kapelle eine eigentliche Kirche. Sie wurde der heiligen «Jungfrow Sant Agnesen» geweiht. Im 16. und 17. Jahrhundert erhielt das Glöckchen «Agnesli» Zuwachs von zwei weiteren, grösseren Kirchenglocken mit einem Durchmesser von 115 und 90 Zentimetern. Diese drei Glocken läuteten auch Sturm, als 1778 der Tobelbach das Dorf überschwemmte und dabei manchen Menschen das Leben kostete.

Vor dem Einschmelzen gerettet
Am Sonntag, 7. September 1890, durften die Erlenbacher die heutige neugotische Kirche auf dem Friedhofareal einweihen, mit vier neuen Glocken der Giesserei Jakob Keller in Unterstrass. In Erinnerung daran wird seither am ersten September-Wochenende die Dorfchilbi gefeiert. Die vier Glocken mit einem Gesamtgewicht von rund 85 Zentnern – entspricht etwa zehn Kleinwagen – wurden feierlich von der Schuljugend an einem Seil in die Glockenstube emporgehievt. «Das ganze Geläut inklusiv Glockenstuhl kostete 16 164.70 Franken laut der Kirchenrechnung von 1891», sagt Sigrist Zangger. Doch was war beim Abbruch der alten Kirche mit dem Glöckchen «Agnesli» geschehen? «Die drei alten Glocken erhoben beim Aufzug der neuen zum letzten Mal ihre Stimme. Viele Dorfleute behaupteten damals, das Geläut habe nie zuvor so schwermütig geklungen», erzählt Zangger. Nun sollten die drei ehrwürdigen Erzkelche eingeschmolzen werden. Dem «Agnesli» aber geschah ein Wunder: Es wurde für 600 Franken vom lokalen Baumeister Eduard Brunner vor dem Einschmelzen gerettet und der Kirche Erlenbach vermacht. Mit der Schenkung verknüpft war die Bedingung, dass ihr ein Platz in der neuen Glockenstube über den anderen Glocken zukommt. Und das «Agnesli» sollte fortan nur noch einmal im Jahr, in der Silvesternacht, von der Dorfbevölkerung geläutet werden – sowie bei Freud- und Leidanlässen der Familie Brunner. Dies geschah zum ersten Mal 1902 an der Beerdigung des Stifters.
«Alle Kirchendiener Erlenbachs halten sich seither an diese Auflagen und erzählen der Nachwelt die Geschichte der ehrwürdigen Glocke und ihres Stifters. Und die Nachfahren von Eduard Brunner kommen bis heute in jeder Silvesternacht zur Kirche und lauschen dem Bimmeln ihres Glöckchens ‹Agnesli›, welches von der Bevölkerung am Seil geläutet werden darf», sagt Sigrist Zangger.



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