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21.12.2017 Von: Sarah Koller

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

Flöckchen auf meiner Hand


Wie hatte das Schneeflöckchen nur glauben können, dass es etwas Besonderes sei? Foto: mai.

Endlich war es so weit: Weihnachten stand vor der Tür. Noch in dieser Nacht würde Petrus die grosse Wolkendecke schütteln und all seine Schneeflocken auf die Erde trudeln lassen. Seit langem würde es dieses Jahr endlich wieder eine weisse Weihnacht geben. So marschierten am Abend vor Heiligabend Tausende Schneeflocken zum Himmelstor, wo Petrus bereits auf sie wartete. Unter dem langen weissen Bart lächelte er seinen Schützlingen zu und wies sie auf direktem Weg zur Wolkendecke. Unter ihnen war die kleine Schneeflocke Flöckchen. Wie die anderen bestand Flöckchen aus nichts weiter als einer Vielzahl kleiner Eisplättchen. Erst durch die hiesige Kälte war es zu einem luftigen Klumpen herangewachsen. Flöckchen wusste, es war seine Bestimmung, auf die Erde zu fallen, um dort mit seinen Brüdern und Schwestern zu verschmelzen, doch es hatte Angst: Angst davor, noch während seiner Reise zu schmelzen und niemals auf der Erde anzukommen. Was, wenn ihm die Windböen nicht gut bekämen oder, noch schlimmer, was, wenn es auf seiner Reise von einem Vogel gefressen werden würde? Zwar gab es zig Theorien darüber, wie unglaublich schön die Reise zur Erde sein musste, doch hatte dies bisher noch keine Schneeflocke aus eigener Erfahrung bestätigen können. Traurig schüttelte Flöckchen das Köpfchen. Es brachte alles nichts. Was konnte es schon dagegen tun? Es war und blieb nun mal eine Schneeflocke, daran liess sich nichts ändern.

* * *

Und dann war er gekommen, der grosse Moment, auf den alle gewartet hatten. «Alle Mann an Bord?», fragte Petrus, holte aus und schüttelte kraftvoll das grosse weisse Tuch. Prompt flogen die Schneeflocken durch die Luft und stoben in alle Himmelsrichtungen davon. Das kleine Flöckchen machte die Augen zu. Es wusste nicht, wie ihm geschah. Die Schwerkraft zog es nach unten, und vom Wind, der es hin- und herblies, war ihm schon ganz schwindlig.
«Aua!» – Es hatte sich den Kopf gestossen. «Kannst du nicht aufpassen? Schlimm genug, was uns da unten erwartet!», hörte es eine Schneeflocke wettern. «Was meinst du?», fragte Flöckchen, ehe sein Gegenüber vom nächsten Windstoss davongetragen wurde. Erst als Flöckchen die Wolkendecke vollständig durchbrochen hatte, legte sich der Wind und es konnte aufatmen. Was die Schneeflocke wohl damit gemeint hatte? Verunsichert liess Flöckchen die Schultern hängen und warf einen Blick hinüber zu seinen Artgenossen, die alle still und ruhig vor sich her tanzten. Mal abgesehen davon, dass sie alle die gleiche Bestimmung teilten, sahen sie auch noch alle genau gleich aus: dieselbe Farbe, die gleiche kristalline Form. Es kam sich etwas dumm vor. Wie hatte es nur all die Jahre glauben können, etwas Besonderes zu sein? Und weil ihm die Lust aufs Reisen soeben gänzlich vergangen war, beschloss es, den Dingen ihren Lauf zu lassen und stattdessen lieber ein bisschen zu schlafen. Der Weg zur Erde würde noch genug lange dauern.

* * *

«Hallo?!» Flöckchen schreckte hoch. Was war das? Müde rieb es sich die Augen. Hatte da nicht eben jemand mit ihm gesprochen? «Hallooo! », tönte es abermals. Dann konnte es das kleine Flöckchen sehen: Vor seinen Augen flatterte wie wildgeworden ein grosser schwarzer Rabe. Mit den kräftigen Flügeln schlug er auf und ab. «Bitte tu mir nichts», bat Flöckchen und hielt sich schützend die Händchen vors Gesicht. Der Rabe lachte. «Keine Angst, kleines Flöckchen, ich will dir bestimmt nichts tun. Verrat mir lieber, was eine Schneeflocke dazu bewegt, am helllichten Tage zu schlafen. » Tatsächlich! Das kleine Flöckchen erschrak. Es war bereits früher Morgen!

* * *

«Wo sind die anderen? Was ist mit mir geschehen?», fragte sich Flöckchen. Der Rabe zeigte nach unten, wo der Schnee bereits in dicken Schichten lag. «Vermutlich ein kräftiger Windstoss, ein Aufwind, der dich wieder nach oben getrieben hat. Das kann schon mal vorkommen. »
Flöckchen stockte und blickte nach unten. War das also seine Bestimmung – in einer weissen, regungslosen Masse zu enden? Eine Träne stieg in ihm hoch. Der Rabe musste spüren, was im kleinen Flöckchen vor sich ging. Tröstend nahm er es in seine Flügel und drückte es an sich. «Hör schon auf zu weinen. Sag, wie kannst du nur denken, dass du nichts Besonderes bist? Niemand auf der grossen weiten Welt hat deine Augen, niemand dein Lächeln und, noch wichtiger, niemand dein Herz. Mal ehrlich, letzten Endes sind wir doch alle ein bisschen wie eine Schneeflocke, alle wunderschön auf unsere eigene Art und Weise. Es sind die kleinen Dinge, die uns so besonders machen und die darüber entscheiden, wer wir wirklich sind: Kleine, von der Natur geschaffene Kunstwerke, die es auf der Welt nur ein Mal gibt.» Flöckchen begann zu lächeln. Es hatte verstanden. Nickend wischte es sich die Tränen aus dem Gesicht und hauchte: «Ich danke dir Rabe.» Der Rabe nickte zufrieden. «Ich will dir was zeigen, kleines Flöckchen. Vertrau mir», sagte er und begleitete Flöckchen noch ein Weilchen auf seiner Reise.
«Mama, Papa, es hat geschneit!», rief Lena, sprang vom Fenster weg und trippelte schnurstracks die Treppe zum Flur hinunter, wo die Mutter den Baum schmückte. «Es hat geschneit, sieh doch nur Mama», zupfte Tanja ihre Mutter am Morgenrock. Diese rührte müde in ihrem Kaffee und zog die Vorhänge beiseite. «Wahrhaftig, und das an Heiligabend! Geh doch schon mal vor, Liebes, ich komme gleich nach», sagte sie. Das liess sich Lena nicht zweimal sagen. Schnell schnappte sie sich ihre Jacke, montierte Mütze, Schal und Handschuhe und rannte nach draussen, wo der Schnee unter ihren Füssen knirschte. Wie schön! Die Sonne liess die weisse Pracht in allen Farben glitzern. Begeistert liess sich Lena in den Schnee sinken und formte mit Armen und Beinen einen Schneeengel. Lachend blickte sie nach oben, wo noch immer kleine Flocken tanzten.

* * *

«Da oben, du da!», streckte Lena die Hand aus und wartete, bis die Flocke auf dem Handteller landete. Und tatsächlich: Das kleine Flöckchen schwebte hinein und blinzelte das Mädchen an. «Wie wunderschön du bist», sagte Lena und drehte ihres Hand. Ein wahres Meisterwerk, dieser verästelte Stern mit kunstvoll geschwungenen Zacken. «Willkommen auf der Erde, kleines Flöckchen», flüsterte Lena und sah zu, wie die Flocke langsam und zufrieden auf ihrer Hand zerging. Als das geschah, spürte Lena im Rücken die warme Stimme ihrer Mutter: «Nun hat es seine Bestimmung gefunden, seine Aufgabe erfüllt. Denn was auch immer Himmel und Erde verbindet, eine Sternschnuppe, ein Regenbogen, eine Schneeflocke, am allerschönsten ist und bleibt dann das Lächeln eines glücklichen Kindes.»



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