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17.01.2018 Von: Bastian Bernhard

Züriberg

Spannende Wirtschaftsgeschichte aus dem Untergrund


Unser Mann im Ruhrpott hat sich auf Spurensuche in den Untergrund begeben. In eine Kohlegrube. Denn bald ist ganz Schluss mit dem Abbau unter Tage.

Wenn es etwas gibt, was Gelsenkirchen und das Ruhrgebiet im Allgemeinen zu dem gemacht hat, was es heute ist, dann ist es der Bergbau. Kaum etwas hatte einen grösseren Einfluss, sei es auf die Natur oder auf die Sprache. Und obwohl sich die Zeit des aktiven Kohleabbaus dem Ende nähert, vom Tisch ist das Thema noch lange nicht.

2018 geht die Ära zu Ende
Das Jahr 2018 ist erst knapp zwei Wochen alt. Für viele lässt sich noch nicht wirklich sagen, was das frisch angebrochene Jahr mit sich bringen wird. Im Ruhrpott ist das etwas anders. 2018 bedeutet hier das Ende einer Ära. Im Verlauf des Jahres werden die letzten zwei aktiven Kohlebergwerke im Ruhrgebiet geschlossen. Das schwarze Gold, das die raue Gegend geformt und geprägt hat, wird bald nicht mehr aus dem Untergrund gefördert. Um doch noch einen Eindruck von dieser unterirdischen Welt zu erhaschen, habe ich eine kleine Zeitreise in einen Lehrstollen in Kamp-Lintfort gemacht.
Es ist halb 12 Uhr. Quietschend öffnen sich die Tore des etwas zerfallen anmutenden Ausbildungszentrums des Bergwerks West. Loren, kleine Züge und allerlei andere Bergbaumaschinen rosten im Vorgarten um die Wette. Die Stimmung wäre einem Gruselfilm nicht unähnlich, würde nicht das schallende Gelächter der Bergleute die Atmosphäre aufbrechen. Im Eingang des fast 50 Jahre alten Lehrstollens sitzen vier ältere Bergmänner in eine Kutte gehüllt und reissen derbe Sprüche. Schnupftabak wird herumgereicht und genüsslich in die Nasen eingesaugt. Das Thema: alte Geschichten aus ihrer Zeit unter Tage.
«Der Lehrstollen wurde 1971 gebaut », beginnt Uwe Kluge zu erzählen. «Kinder und Jugendliche durften nicht mehr im Untergrund arbeiten, also hat man sie in diesem drei Meter tiefen Stollen auf ihre künftige Arbeit in der Zeche vorbereitet.» Volle acht Stunden am Tag verbrachten die Lehrlinge im Übungswerk. Arbeiteten an verschiedenen Stationen. So zum Beispiel beim Kohlenhobel, wie der Name schon sagt, eine Art Hobel, der die Kohle wortwörtlich von den Wänden kratzte. «Die wird von einer Kette gezogen, da schürft man nicht von Hand», erklärt Kluge und fügt mit einem Schmunzeln im Gesicht an: «Geschaufelt wurde aber trotzdem.»
Die Arbeit in einem Bergwerk, erklären mir die Bergmänner, sei eine Mischung aus Routine und Extremfällen gewesen. Anpassungsfähig müsse man da gewesen sein, denn der Stein sei ein wandelbarer Ort. Regelmässig habe sich der Boden gewölbt oder die Decke gesenkt. Besonders in den kleinsten Schächten, auch Streben genannt, konnte dies zum Verhängnis werden. Gerade mal 60 Zentimeter hoch und schlecht beleuchtet, sind diese Schächte, in die sich die Kumpels zwängen mussten. Wenn sich hier die Decke senkt, wird es den Arbeitern sehr eng um den Bauch. Nicht dass es das nicht schon gewesen wäre. «Aufgrund des ganzen Werkzeugs blieben oft nicht mal 30 Zentimeter Platz. Aber wenigstens konnte man im Liegen arbeiten», erinnert sich Kluge.
Den vier ehemaligen Kohleschürfern stehen die Faszination und die Liebe zu ihrem alten Handwerk ins Gesicht geschrieben. Begeistert demonstrieren sie mithilfe von Bohrern, Sägen und Laufbändern die ohrenbetäubende Lautstärke, der sie sich oft ausgesetzt sahen. «Dazu kamen dann noch die Hitze und der alles durchdringende Kohlestaub in der Luft», beschreibt Klaus Deuter, ehemaliger Hauer im Bergwerk West. «Es war eine harte, aber auch gute Zeit», sagt er mit spürbarem Stolz, die Hände in die Hüfte gestemmt.

Begehrtes Können der Kumpels
All dem Schwelgen in Erinnerungen zum Trotz, das kommende Ende dieser Welt ist allen bewusst. Für sie hat der Kohletraum schon früher geendet. Das Bergwerk West schloss seine Tore schon 2012. Für die meisten bedeutete das das Ende ihrer Arbeit unter Tage. Manche Bergwerkarbeiter nahmen ihr Know-how aber mit ins Ausland. So unter anderem auch in die Schweiz, erzählen mir die Kumpels. In den Tunnelbau habe es viele verschlagen, zum Beispiel zum Bau und zur Erweiterung des Gotthardtunnels. Kluge verkündet stolz: «Das Können der Malocher aus dem Pott ist gefragt, selbst ohne aktive Bergwerke gerät die jahrhundertealte Tradition nicht so schnell in Vergessenheit! »



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