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18.01.2018 Von: Annina Just

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Volksbühne lässt die Goldenen 20er-Jahre aufleben


Das Tanzpaar Grace und Sam Baker sorgt auf der «Lady Caroline» für Unterhaltung und Gefühlswirrwarr. Foto: D. Locher

Konventionen werden über den Haufen geworfen, Grenzen gesprengt und Geschlechterrollen gekippt: Mit der Volksbühne Erlenbach inszeniert Regisseurin Nathalie Portmann die Goldenen 20er-Jahre – witzig und tiefgründig zugleich.

Mit einer illustren Gesellschaft an Bord tritt der alte Frachter «Lady Caroline » seine Fahrt über die grossen Seen Nordamerikas an. Die Reise auf dem Schiff von Captain Hobbs verändert so einiges im Leben der Passagieren – von Bord gehen viele von ihnen mit veränderten Karriereperspektiven, umgekrempelten Reiseplänen oder gar neuen Lebens- und Reisepartnern.
In drei Akten spielt die Volksbühne Erlenbach (EVB) eine Schiffsreise von Chicago nach Toronto, angesiedelt im Amerika der 20er-Jahre, eine Zeit, die vom wirtschaftlichen Aufschwung, gesellschaftlichem Umbruch und kollektivem Optimismus geprägt war. «Mich faszinierten die Goldenen 20er-Jahre schon immer, es ist eine sehr spannende und bewegte Epoche mit vielen verschiedenen Facetten», erklärt Portmann, die mit «Seidenstrümpfe und Gamaschen » ihre vierte Eigenproduktion mit der EVB vorlegt. Besonders angetan haben es der 40-Jährigen die verschiedenen Emanzipationsgeschichten, die diese Zeit hervorrief – und solche sind auch im diesjährigen Stück zentral: Konventionen werden über Bord geworfen, familiäre Erwartungen in den Wind geschlagen, Geschlechterrollen infrage gestellt und Wege eingeschlagen, die vom Herzen vorgegeben sind.

Drang nach Selbstverwirklichung
Am kommenden Samstag feiert die Erlenbacher Volksbühne mit dem Stück Premiere. Bei einer Momentaufnahme in der vergangenen Woche – notabene dem ersten Durchlauf im kompletten Bühnenbild – war Portmann noch nicht mit allem, was sie sah, zufrieden. «Die technische Umsetzung stimmt so weit, aber nun geht es darum, mehr Glanz reinzubringen und Emotionen zu transportieren », erklärt sie. Trotzdem ist bereits zu diesem Zeitpunkt erkennbar, dass das Stück das Potenzial hat, zu begeistern. Mit Tanz, Gesang und Situationskomik werden die Zuschauerinnen und Zuschauer bestens unterhalten. Sie erhalten anhand der Entscheidungen und Lebenswege der einzelnen Figuren aber auch einen Anstoss, um über den eigenen Umgang mit Konventionen und gesellschaftlichen Erwartungen nachzudenken.
Auch wenn es keine eigentlichen Hauptrollen gibt, steht das Tanz- und «Liebespaar» Grace und Sam Baker – überzeugend gespielt von Irene Wellauer als charmantem Dandy Sam und EVB-Präsidentin Hanni Vogt als Möchtegern-Schauspielerin Grace – im Zentrum der Geschichte. Das Künstlerduo hat zugunsten der Karriere eine unkonventionelle Entscheidung getroffen. Als nun Gefühle dazwischenfunken, wird diese hart auf die Probe gestellt. Doch eigentlich ist sowieso alles anders, als der Zuschauer zu Beginn des Stücks glaubt. Umgekrempelt werden die Geschlechterrollen auch bei der Schiffsbesatzung. So fungieren die drei Töchter von Captain Hobbs als Matrosinnen, während sich der einzige Sohn kein bisschen um den Seemannsalltag schert – doch jedem das Seine, so das Motto des Stücks, dass mit dem Schlusssong «I am what I am» («Ich bin, was ich bin») unterstrichen wird.
Auch die alleinreisende Rosie O Malley (Gisela Butenberg) folgt erstmals in ihrem Leben den eigenen Wünschen und findet in der lebenshungrigen Witwe Ophelia Anderson (Anna-Rosa Kouzounis) eine Verbündete. Zusammen frönen die beiden Seniorinnen dem guten Leben und sind Stammgäste an der Bar von Ted Franklin (Marco Tentor), der mit seinen Ratschlägen in Liebesdingen bei vielen Passagieren ein gefragter Mann ist – und irgendwann ebenfalls zu einer unerwarteten Leidenschaft steht. Die britische Adelstochter Beverly Cavendish (Cecile Bigler) sieht sich währendessen mit einer grossen Entscheidung konfrontiert: Soll sie sich verheiraten lassen und damit den Vorstellungen ihrer konservativen Mutter (Nelle Vonrufs) folgen oder sich aus deren Schranken lösen? Mit diesen und weiteren persönlichen Lebengeschichten will Portmann den Lebenshunger einer ganzen Generation, die von den Strapazen des Ersten Weltkrieges geprägt war, widerspiegeln.

Jede Figur hat ihre Geschichte
Der Regisseurin ist es nach «Maskerade in Venedig», «Ich wott hei!» und «Jetz wämmer eis singe» einmal mehr gelungen, jedem ihrer Schauspielerinnen und Schauspielern im Alter von 13 bis 80 Jahren eine passende Rolle auf den Leib zu schreiben. Bei der Erlenbacher Volksbühne darf nicht nur jeder, der will, mitspielen, jede Figur hat auch ihre eigene Geschichte. «Das ist mir ganz wichtig, es gibt keine Zudiener- Rollen, die nur dazu gedacht sind, eine andere Figur zu bereichern », erklärt Portmann. Erstmals hat das Ensemble mit Michelle Stahel eine professionelle Choreografin beigezogen. Mit Tanzeinlagen und Musik aus den 20er-Jahren soll nämlich das Lebensgefühl dieser Zeit transportiert und das Publikum zum Mit-Swingen animieren werden. Damit dies gelingt, ist bei den musikalischen Passagen noch eine deutliche Steigerung gegenüber dem Probestand erforderlich. Choreografin Stahel ist aber zuversichtlich, dass dies gelingt: «Ihr könnt das überzeugender rüberbringen, das habe ich bereits gesehen. Wenn ich nicht wüsste, dass ihr das könnt, hätte ich die Choreos nicht so geschrieben.»
Wer sich selber vom Können der 20-köpfigen Theatergruppe überzeugen lassen will, hat ab Samstag an acht Abenden die Möglichkeit dazu.



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