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31.01.2018 Von: Lorenz Steinmann

Züriberg, Zürich 2

Rezepte gegen Kostenexplosion in der Medizin


Annina Hess-Cabalzar und Dr. med. Christian Hess im Kirchturm zu St. Peter. Sie äussern sich kritisch zur Medizinausrichtung. Foto: Alfonso Smith

Die Turmgespräche im St. Peter gehen ins zweite Jahr. Am ersten Talk der neuen Saison beleuchteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Frage nach der Seele in der Medizin.

Bei der Premiere der diesjährigen Turmgesprächsreihe ging es gleich ums Eingemachte. Die Krankenkassenprämien sind für viele Zeitgenossen existenziell. Die Kernvoten der illustren Runde: Während unsere medizinische Versorgung für gesunde Menschen zu gut sei, gebe es für kranke und ältere Menschen oft Defizite, so eine der Meinungen beim engagiert geführten Gespräch. Und: Systembedingt nehmen sich Ärzte oft nur wenige Minuten Zeit für den Untersuch, so bleibt die ganzheitliche Betrachtung auf der Strecke. Dafür werden teure Analysengeräte amortisiert oder es werde übereilig und oft sehr teuer operiert. Ein weiterer ins Feld geführter Punkt: Die einfachste medizinische Lösung wäre oft die beste Lösung. Weil das dem System aber weniger Geld einbringt, wird darauf zugunsten einer Luxuslösung verzichtet.

Gutes «Gspüri»
Der Kommunikator und Kirchenpfleger David Guggenbühl sowie der St.-Peter- Pfarrer Ueli Greminger hatten bei der Konzeption der zweiten Turmgespräch- Saison ein gutes «Gspüri», als sie einerseits die Frage «Oh, Seele, wo bist du?» zum Leitthema bestimmten und andererseits als Feld des ersten Talks die Medizin benannten.
Und so funktioniert das Ganze: Jeweils am 20. des Monats diskutiert im stimmigen St.-Peter-Turm wiederum eine Handvoll Menschen über Fragen unserer Zeit. 2017 waren Erasmus von Rotterdam und sein Einfluss auf heute das verbindende Thema. 2018 geht es um die Frage «Oh, Seele, wo bist du?». Der Start am 20. Januar war dem Thema Medizin und durchaus dem brennenden Problem der Kostenexplosion im Gesundheitswesen gewidmet. Eingeladen waren einige Personen mit medizinischem Hintergrund: Christian Hess, ehemaliger Chefarzt Innere Medizin des Spitals Affoltern, skizzierte seine Vision, dass die Medizin den Menschen wieder als integrales Wesen betrachten und behandeln soll. Ganz nach der ganzheitlichen Lehre von Körper, Seele und Geist. Hess fordert, dass Themen der Kunst und der Philosophie wieder ins Medizinstudium integriert werden müssen. Oder zumindest ein Mantelstudium, ein Zusatzkurs also, über die Frage, was denn einen guten Arzt ausmache. Bisher sei diese Idee aber vom Rektorat abgeschmettert worden, im Sinn von: «Uns muss doch niemand sagen, was ein guter Arzt ist.»

Ethik in der Medizin kein Thema
Bestätigen konnte der Medizinstudent Michael Beglinger, dass «Ganzheitliche Lehre» und «Ethik in der Medizin» kein Thema seien bei der aktuellen Ausbildung an der Uni Zürich, geschweige denn der Begriff «Seele». Bei der Ausbildung bestimme jener, der das Geld gebe. Roland Söllner, Zahnarzt mit Praxis am Rennweg, äusserte sich sehr direkt und anschaulich. Es sei kein Wunder, dass die Zahnarzt-Kosten so steigen würden, wenn sich in zehn Jahren die Anzahl praktizierende Zahnärzte in der Schweiz von 4000 auf 8000 verdoppelt habe. «Diese Überversorgung muss sich rechnen, vor allem, weil es immer mehr Aktiengesellschaften für Zahnarzt-Praxen gibt, welche die Steuern erst noch anderswo zahlen», so Söllner. Schonungslos analysierte er, dass die einfachste medizinische Lösung oft die beste Lösung sei. «Doch die vielen Praxen müssen rentieren, darum favorisieren Ärzte oft komplizierte und teure Lösungen.»

Vorbild Carlo Janka
Ein aktuelles Beispiel brachte dazu Christian Hess: «Der Skirennfahrer Carlo Janka verletzte sich kürzlich schwer am Kreuzband – und liess es nicht operieren. » Nun kann er trotzdem an die Olympiade. Dies sei ein gutes und positives Beispiel, dass es auch ohne teure Operation gehe. Annina Hess-Cabalzar, klinische Psychotherapeutin, gab sich überzeugt, dass die Kosten im Gesundheitssystem sinken würden, wenn es keine mengengesteuerten Boni geben würde. Generell bedeute die Technisierung der Medizin den Verlust der ganzheitlichen Beziehungsmedizin.

Berufsziel Hausarzt
Da war es durchaus wohltuend, dass Michael Beglinger als Berufsziel «Hausarzt » angab. Wer weiss, vielleicht ändert sich das Berufsbild des klassischen Hausarztes dereinst. Eigentlich wäre diese Berufsgattung nämlich prädestiniert, den Patienten ganzheitlich zu beurteilen. Und so einen ersten Schritt wieder weg von der medizinischen Technisierung zu bewerkstelligen.



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