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01.02.2018 Von: Fabio Lüdi

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

Treffen sich drei Religionen in der Kirche...


Die Bänke waren gut besetzt in der Kirche Tal: Die Religionsdiskussion weckte reges Interesse. Foto: Fabio Lüdi

In Herrliberg trafen sich die drei abrahamitischen Religionen zur Diskussion, die vor allem durch eines auffiel: Milde.

Die Ringparabel aus Lessings «Nathan der Weise» gehört wohl zu den berühmtesten Texten aus der Zeit der Aufklärung. In ihm manifestieren sich der Glaube an die Vernunft als universelle Urteilsinstanz sowie die Toleranzidee des 18. Jahrhunderts, deren Essenzen noch heute zur Grundlage moderner westlicher Staaten gehören.
Im Geist von Lessings Erzählung lockte nun die reformierte Kirche Tal um Pfarrer Alexander Heit zur Diskussion der Religionen nach Herrliberg. Vertreter der drei grössten monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – stellten sich einander im Dialog darum, wie eine multireligiöse Gesellschaft heute funktionieren kann. Die Losung «Kampf der Weltanschauungen?» insinuierte einen pikanten Schlagabtausch der geistlichen Intelligenzija. Wer allerdings auf ein Duell der Religionen hoffte, wurde eines Besseren belehrt, was durchaus dem geistigen Erbe der Ringparabel gerecht wurde.
Diese spielt im muslimischen Jerusalem Sultan Saladins. Um die viel gepriesene Weisheit des Juden Nathan auf die Probe zu stellen, fragt ihn der Sultan nach der einen wahren Religion. Nathan schliesslich antwortet mit der Ringparabel: Ein Vater mit drei Söhnen besitzt einen Ring, der den Träger vor Gott und den Menschen «angenehm» macht, wenn der Besitzer ihn «in dieser Zuversicht» trägt.

Drei Söhne, drei Ringe
Der Ring wurde jeweils vom Vater an den Sohn vererbt, den er am meisten liebte. Eines Tages jedoch gab es einen Vater, der seine Söhne alle gleich lieb hatte.
Um keinen der drei zu vergrämen, liess er also zwei Duplikate des Rings anfertigen, sodass diese von anderen nicht und selbst von ihm nur noch schwerlich vom echten Ring auseinandergehalten werden konnten. Nach dem Tod des Vaters ziehen die Söhne vor Gericht, um zu klären, welcher der Ringe nun der echte sei. Da dies unmöglich scheint, gibt der Richter den Rat, dass jeder daran glauben soll, dass sein Ring der eine ist. Der Vater habe alle drei gleich geliebt. Ist einer der Ringe der echte, wird sich dessen Wirkung in Zukunft schliesslich schon zeigen. Darum sollen sich die drei bemühen, die Wirkung des Rings für sich herbeizuführen.
In der Parabel kann der Vater als Gott gelesen werden, die Ringe sind seine drei Religionen. Deren Nebeneinander ist demnach nicht nur möglich, sondern sogar gottgewollt. Eine Interpretation, die auch die Islamwissenschaftlerin Rifa’at Lenzin teilt: «Hätte Gott gewollt, dass alle eine Gemeinschaft sind, hätte er uns so erschaffen. »
Sie sei nicht dafür verantwortlich, darüber zu richten, welche Religion die wahre sei, dies sei Gottes Aufgabe. Überhaupt war die gesamte Diskussion zwischen den Religionen auffällig frei von Animositäten. Die Religionsvertreter waren einhellig der Meinung, dass nicht etwa die Konkurrenz zueinander die grösste Herausforderung ihres Glaubens und dessen Institutionen darstellt. Vielmehr wurde das Augenmerk auf innerreligiöse Konflikte gelegt.

Kulturelles Kolorit ist prägend
So sei es für katholische Missionare aus anderen Weltgegenden zuweilen schwer zu verstehen, dass die Schweizer Kirche demokratisch organisiert sei oder Messen auch von Frauen gelesen würde, sagte Samuel Behloul, Fachleiter Christentum am Zürcher Institut für interreligiösen Dialog ZIID. Die grösste Herausforderung der christlichen Kirche sieht er nicht etwa in einer Entchristlichung der Gesellschaft, sondern in einer noch nie da gewesenen Dynamik derselben.
Dadurch treffen Gläubige aufeinander, die zwar derselben Religion angehören, aber unterschiedlichste kulturelle Hintergründe haben. Und diese können zuweilen nicht bloss durch die gleiche Religion überwunden werden, hielten die Redner fest. Solche kulturellen Unterschiede treten natürlich auch in der Wahrnehmung der jeweils anderen auf.
Ob es sich um «aufgesetzte» Debatten rund um eine unterstellte Ablehnung des hiesigen Rechtsstaats handelt, wie Islamwissenschaftlerin Lenzin kritisierte, oder um die Auslegung darüber, was Integration bedeutet.
So seien etwa die Juden stets als eigentliche Fremdkörper in der Gesellschaft betrachtet worden, sagte Annette Böckler, Fachleiterin Judentum am ZIID. Zu Zeiten Napoleons wurde etwa die Frage gestellt, ob Juden überhaupt Franzosen sein können. «Darum ist uns heute ein bisschen egal geworden, ob wir akzeptiert werden oder nicht», meinte Böckler. «Wir haben gelernt, zu überleben.»
Um nun auch zusammenleben zu können, ist die Anstrengung aller gefordert, wurden sich die Diskutanten einig. Dafür ist auch eine Anerkennung des anderen nötig. Das Publikum folgte den Ausführungen der Rednerinnen gespannt, auch wenn dem einen oder anderen ein wenig die Spitzen fehlten. «Meiner Meinung nach waren sie ein wenig zu lieb zueinander », sagte etwa Ruedi Wipf aus Herrliberg. Die Religionen dürfen sich also ruhig ein wenig zanken – solange sie das am Rednerpult tun.



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