Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich
07.02.2018
Zürich West

Film zeigt die Bilderwelt von André Melchior


André Melchior (91) wohnt in Uitikon-Waldegg, geboren ist er in Zollikon, wo er dem Dorffotografen bei der Arbeit zuschauen durfte. Seine Fotografenlehre machte er dann bei Hans Peter Klauser in Zürich. Foto: Monica Boirar

Heute ist Filmpremiere in der Photobastei: Mit ihrem Video «Zeitreisen» würdigt Ines Anselmi das Lebenswerk des 91-jährigen Fotografen André Melchior. Rund 300 seiner Bilder als Einblendungen erlauben einen Einblick in das vielseitige Schaffen des talentierten Lichtbildners. 

Monica Boirar

Zollikon war in den 1930er Jahren ein Dorf, mehrheitlich von Bauern und Handwerkern bewohnt. Die Familie Melchior fiel auf, war anders. Andrés Vater, ein Bündner, arbeitete als Kaufmann. Die Mutter, Italienerin, kleidete ihre beiden Kinder in italienische Mode ein, kochte für ihre Familie Spaghetti, Penne und buk Pizzen. Dies zu einer Zeit, als ein gängiges Schimpfwort für die südlichen Nachbarn noch vielen locker auf der Zunge lag.

Dorffotograf weckte Interesse

Als kleiner Junge durfte André dem Zolliker Dorffotografen bei seiner Arbeit im Fotolabor zuschauen: ein Schlüsselerlebnis. Der Fotograf Hans Peter Klauser nahm den Jugendlichen unter seine Fittiche. Klauser selbst hatte beim berühmten Fotografen und Bildredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung», Gotthard Schuh, die Lehre absolviert. Melchior erinnert sich, dass er auch für Schuh Vergrösserungen im Fotolabor anfertigen durfte. Jahre später schilderte er ihm seine Idee für eine Reportage: Die Schlittschuhläufer auf den Kanälen in Holland, wenn die Grachten gefroren waren, erschienen ihm als fotogene Motive. Entsprechend seiner Bitte, rief ihn die Swissair an, als die Wasserläufe vereist waren. Eine Handvoll gelungener Bilder erschien bald darauf in der Wochenendbeilage der «NZZ».

Anselmi drehte No-Budget-Film

Die Ethnologin Ines Anselmi lernte André Melchior durch ihren Partner, den Fotografen Werner Gadliger kennen. Anlässlich einer Ausstellung in der Photobastei traf man sich im Jahr 2014 im ersten Hochhaus der Stadt Zürich wieder. Die gelungene Architekturfotografie ebendieses Hauses hatte Melchior 1956 für den Architekten Werner Stücheli gemacht, eine Nachtaufnahme mit ausgeleuchteten Innenräumen mutierte zum perfekten Werbeträger des Zürcher Fotoexperiments. Anselmi interessierte sich vor allem für Melchiors Reportagen in Schwarzweiss aus den 40er und 50er Jahren. Die Idee für ihren Film war geboren.

In rhythmischer Folge zeigt sie Werke aus dem melchiorschen Bilderschatz von Marokko, Korsika, Italien, Holland, der Bretagne, Paris und London. Auch Architekturfotografien und experimentelle Aufnahmen mit abstrakten Farbspielereien sind mit andalusischen Klängen untermalt. Der No-Budget-Film sei als Wertschätzung für einen Gentleman alter Schule gedacht, auch als späteres Andenken. Noch erfreut sich der 91-Jährige bester Gesundheit. Im Film erläutert er selbst in prägnanter Form seine Vorgehensweisen, die Kameratechniken und erzählt vom legendären Café Select, wo er Grafiker, Werber und Architekten traf, mit ihnen ins Gespräch und zu neuen Aufträgen kam.

Als Lehrling Churchill fotografiert

Die Fotografie seines Lebens war Melchior bereits während seiner Ausbildung gelungen. Nach einer Personenkontrolle während des Besuchs von Winston Churchill am 19. September 1946 in Zürich gewährten ihm die Polizisten den Zugang über die Absperrung vor dem Rathaus. Den Freipass verschaffte ihm dabei sein Lehrlingsausweis. So kam Melchior sehr nahe an Churchill heran. Er fotografierte ihn im Profil. Sichtlich gut gelaunt, nach erfolgreicher Rede auf dem Münsterplatz und der Visite im Rathaus, blickt Churchill zum Publikum hinauf, das ihm von den Balkonen herab zujubelt. Gerade setzt er zu seinem berühmten V-Zeichen für «Victory», Sieg, an. Die Redaktion von «Sie + Er» sei von seinem Porträt angetan gewesen, erinnert sich Melchior, die Arbeit eines Lehrlings wollte sie aber nicht publizieren. Es sollte 50 Jahre dauern, bis die damalige NZZ-Bildredaktorin Katri Burri bei ihren Recherchen für eine Jubiläumspublikation auf das Bild stiess. So kam es, dass die aussergewöhnliche Fotografie in den 1990er Jahren erstmals veröffentlicht wurde. Für eine Würdigung ist es bekanntlich nie zu spät.

Filmpremiere: Donnerstag, 8. Februar, 20 Uhr. Photobastei, Sihlquai 125, 8005 Zürich. Film «André Melchior, Fotograf – Zeitreisen». Regie, Kamera, Schnitt: Ines Anselmi; Co-Regie: Werner Gadliger; Musikproduktion: Schimun Murk. Die DVD ist in der Photobastei für 29 Franken erhältlich. www.photobastei.ch.
Kleine Ausstellung: Fotoschau André Melchior. 8. bis 18. Februar. Öffnungszeiten Mi bis Sa 12 bis 21 Uhr, So 12 bis 18 Uhr.



Anzeigen

Galerien

Aktuelle Ausgaben

Züriberg vom 24. Mai 2018
Zürich 2 vom 24. Mai 2018
Zürich Nord vom 24. Mai 2018
Zürich West vom 24. Mai 2018
Küsnachter vom 17. Mai 2018
Küsnachter Amtlich vom 17. Mai 2018

Sonderzeitungen

Abenteuer Stadt Natur 2018
Tonhalle
Lionstag
Abenteuer Stadt Natur 2017
Literaturforum booXkey
Partnerpublikation der Lokalinfo AG
Stadt-Anzeiger Glattfelder Kilchberger