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15.02.2018 Von: Fabio Lüdi

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

Die Rückkehr des «Kinderfressers»


Simon Meier (l.), Geschäftsführer Wildtier Schweiz, setzt sich mit Leidenschaft für den Bartgeier ein. Foto: Fabio Lüdi

Erst wurde er bis zur Ausrottung gejagt, nun wird er gehegt und gepflegt. Der Bartgeier ist eine Erfolgsgeschichte des Schweizer Tierschutzes.

«Kinderfresser» und «Lämmergeier» – der Bartgeier hatte in der Schweiz und auch im Rest Europas wahrlich keinen leichten Stand. Tatsächlich wurde er so sehr gehasst, dass er vor über hundert Jahren ausgestorben ist. «Oder eher ausgestorben wurde», präzisiert Simon Meier, Geschäftsführer von Wildtier Schweiz und Vorstandsmitglied des Natur- und Vogelschutzvereins Küsnacht. Im Vorfeld zu dessen Generalversammlung lädt der Verein jeweils einen Experten zur Präsentation. Meier als Bartgeier-Connaisseur nahm diese Einladung gerne an und schwärmt: «Das sind unglaublich imponierende Vögel.»
Mit einer Flügelspannweite von fast drei Metern ist der Bartgeier der grösste Greifvogel Europas, wobei er trotz dieser Ausmasse keine Abstriche in puncto Eleganz hinnehmen muss. «Bartgeier sind akrobatische Vögel, die Kunststückchen ausführen und sich etwa Futter während des Flugs übergeben», erzählt Meier. Das miese Image, das die Vögel einst Kopf und Kragen kostete, fusse auf Halbwissen und Aberglauben, weiss der Experte.
Heute ziehen wieder etwa 250 Bartgeier ihre weiten Kreise über den Alpen. Möglich machten dies rigorose Aufklärungsarbeit und ein erfolgreiches Zucht- und Auswilderungsprogramm.

Das Ende – vorerst
1887 läutete vorerst das letzte Stündchen für die Schweizer Bartgeier: Im Wallis wurde damals das letzte Exemplar vergiftet aufgefunden. Die grossen Vögel wurden lange Zeit dämonisiert, sie stiessen Lämmer und anderes Nutztier von den Klippen, um sie zu fressen, und sogar Kinder sollen sie in ihren Horst entführen. Alles Humbug, weiss man heute. «Bartgeier sind Aasfresser», erklärt Meier. «Sie führen nicht mal Scheinangriffe aus, wie das von anderen Greifvögeln bekannt ist, um Beutetiere zum Absturz zu bewegen. » Die Legende vom Lämmergeier entstand wahrscheinlich, weil Nutztiere in den Bergen verendeten und die Bartgeier daraufhin beobachtet wurden, wie sie sich am Aas zu schaffen machten. In der Folge wurden sie intensiv bejagt und mit ausgelegten Ködern vergiftet.
Tatsächlich ernähren sich sogar nur die Greifvogel-Küken von Fleisch, die Diät ausgewachsener Tiere besteht zu 90 Prozent aus Knochen. Möglich machen das eine unglaublich starke Magensäure und eine verschiebbare Luftröhre, die es den Geiern erlaubt, auch lange Knochenstücke zu schlucken, ohne zu ersticken. Das macht die Bartgeier für Simon Meier unter anderem so interessant: «Es gibt keinen anderen Vogel, der sich so sehr auf eine Nahrung aus Knochen spezialisiert hat.»
Im 20. Jahrhundert, nach der Ausrottung der hiesigen Population, rückte allmählich die Faszination für die Vögel in den Vordergrund. Erste Versuche der Wiederpopulation scheiterten jedoch, die Bartgeier-Zucht gestaltete sich schwierig, da ein Brutpaar zwar zwei Eier legt, aber nur ein Küken aufzieht. «Ihr Zuhause, die Bergwelt, ist ein rauer Ort, da ist es schon schwierig genug, für ein Jungtier aufzukommen », so Meier. Das überschüssige Ei dient lediglich als biologische Reserve, schlüpfen beide Küken, wird das schwächere vom stärkeren vom Futter abgeschnitten. Kainismus heisst das in der Fachsprache.

Mit der Ammenbrut zum Erfolg
Erst als entdeckt wurde, dass Bartgeier ihr eigenes Ei nicht von anderen unterscheiden können, war die Zucht erfolgreich: So kann das zweite Ei einem anderen, nichtbrütenden Vogel untergejubelt werden, der sich darum kümmert und das Küken aufzieht.
Die ersten Auswilderungen in Europa begannen 1986, fünf Jahre später folgten die ersten Programme in der Schweiz. Hier liegen drei der zehn dedizierten Standorte im Alpenbogen. Die neue Vogelpopulation setzt sich aus Zootieren überlebender europäischer, afrikanischer und asiatischer Populationen zusammen.
Zum Auswilderungserfolg beigetragen hat auch der Umstand, dass es heute wieder viel mehr Wildtiere wie Rothirsche, Gämsen und Steinböcke gibt – oder eher: Dass wieder mehr Wild stirbt. Dieses war früher genauso bejagt oder ausgerottet wie der Bartgeier, was dem Aasfresser zusätzlich zusetzte. Heuer gibt es wieder genügend Aas in den Alpen, um die Population zu erhalten und vor allem die Jungtiere zu versorgen. Die schlüpfen nämlich in den Wintermonaten, wenn andere Tiere verhungern oder auf felsigem Grund enden.
Dort, in der unwirtlichen Felsenlandschaft, fühlt sich der Bartgeier am wohlsten, was sich auch an seinen Nistplätzen zeigt. Am liebsten hat er im Aufwind gelegene Felsnischen am Sonnenhang. Neben bergigem Terrain brauchen die Greifvögel aber vor allem Platz: Bartgeier sind Segler und können unglaubliche Strecken zurücklegen. Bis hinauf in die Niederlande hatte es einer geschafft. «Das Tier musste dort allerdings eingefangen werden», erzählt Meier. «Es war einfach zu erschöpft, um den Rückweg alleine zu schaffen.»
Die Bartgeier-Population wächst heute wieder, seine Reputation ist wieder intakt. Dennoch werden in der Schweiz durchschnittlich pro Jahr zwei Vögel ausgewildert, um die genetische Diversität zu gewährleisten und sicherzustellen, dass dieser König der Greifvögel noch lange seine Kreise um unsere Berggipfel ziehen wird.



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