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28.02.2018 Von: Jan Bolliger

Zürich 2

Er zeigt die Berge jenseits der Heidiwelt


Berühmt dank «National Geographic»: Das Berggasthaus Äscher im Kanton Appenzell Innerrhoden zieht viele Touristen an. Foto: Anthony Eckmann

In seiner Maturarbeit hat er die Kehrseite der Alpenidylle fotografiert. Die Ergebnisse hat der Wollishofer Anthony Eckmann in einem Fotobuch zusammengetragen. Mit eindrücklichen Bildern zeigt er die Schattenseiten des Massentourismus.

Die Alpen. Das ist dort, wo die Natur noch Natur ist, unberührt von Mensch, Zivilisation und Globalisierung. Dort, wo archaische Felswände den Menschen in die Schranken weisen und es wahre Einsamkeit und Ruhe noch gibt. Das ist zumindest das Bild, das uns Hochglanzmagazine und Ferienbilder immer wieder vor Augen halten. Dass dieses Bild nicht so ganz stimmt, weiss jeder, der schon mal eine Stunde lang zusammengequetscht mit Hunderten anderen Skifahrern an einer Seilbahn angestanden ist. Doch diese Erfahrungen verdrängt man gerne wieder. Lieber stellt man sich die Heidi-Version der Alpen vor. Dabei belügt man sich nicht nur selber, sondern ignoriert auch gekonnt die Konsequenzen, die der alpine Massentourismus mit sich bringt.

Dem will der 17-jährige Wollishofer Anthony Eckmann mit seiner Maturarbeit entgegenwirken. Im Rahmen seiner Abschlussarbeit hat er ein Fotobuch unter dem Namen «Extrablatt» herausgebracht. Darin stellt er Bergfotos, wie man sie kennt – menschenleer und unberührt – Aufnahmen entgegen, die zeigen, wie man erst an die Orte kommt, an denen die Bilder entstanden sind.

Die Bilder faszinieren

«Man verbringt meistens viel mehr Zeit auf dem Weg als am Ziel selber», erklärt Eckmann seine Motivation für die Arbeit. Er wollte deshalb genau diesen ins Bild rücken. Dafür ist er zwei Wochen lang durch die Alpen gereist und hat bekannte und weniger bekannte Orte fotografiert. Auf den Bildern sind jedoch nicht nur verschlungene Bergwege zu sehen, sondern auch Gondeln, Autos und Beton. All das, was es braucht, um jeden Tag Tausende von Touristen in die Höhe zu befördern.

Die entstandenen Bilder faszinieren gleich auf den ersten Blick. Man sieht ihnen an, dass Eckmann für sein Alter schon über reichlich fotografische Erfahrung verfügt. «Mein Grossvater hatte immer eine Kamera bei sich und ich konnte schon als kleiner Bub nie die Finger davon lassen», sagt Eckmann. Vor drei Jahren habe er sich deshalb eine eigene Kamera gekauft und begonnen, selber zu fotografieren. Mittlerweile bekomme er sogar schon Aufträge von Firmen.

Die Fotos im «Extrablatt» sind hochästhetisch und stark geprägt von der Weite, die die Alpen so besonders macht. Wirklich interessant werden sie jedoch, wenn man sich darauf konzentriert, was durch den Menschen hinzugekommen ist. Dicke Stahlseile, die das Bild durchtrennen, Betonblöcke, die zwischen Kalkfelsen hervorragen, und glänzende Autodächer, die den Talboden wie einen See bedecken. Diese Elemente sind sehr befremdend, fügen sich gleichzeitig aber auf ihre Art auch in die Landschaft ein.

Das ist auch Eckmann aufgefallen: «Der Staudamm im Verzascatal ist eigentlich sehr hässlich. Aber er ist auch beeindruckend und passt zu den hohen Bergen.» Wenn er etwas im Laufe seiner Arbeit gelernt habe, dann, dass der Tourismus nicht einfach nur negative Seiten hat. «Ich bin losgezogen mit meiner Kamera, um zu zeigen, wie wir die Berge verschandeln», sagt Eckmann. Er habe sich dann aber tiefer mit dem Thema auseinandergesetzt und auch in Gesprächen mit Leuten vor Ort gemerkt, dass viele Bergdörfer überhaupt nur dank dem Tourismus überleben können. Einer der einschneidendsten Momente habe er am Fusse des Äschers gehabt. Der Berg im Appenzell wurde weltberühmt durch Social Media-Berichte über das Gasthaus, das aussieht, als sei es in den Berg hineingebaut worden, und «National Geographic» hat den Ort sogar zu einem der schönsten der Welt erkoren.

Massentourismus für Instagram
Dementsprechend viele Besucher lockt der Ort an. An schönen Tagen parkieren rund 3000 Fahrzeuge das ganze Tal zu. «Diese Situation führt einem die ganze Problematik des Massentourismus vor Augen», erläutert Eckmann seinen «Äschermoment». «Es ist absurd, die Leute zerstören das ganze Panorama, um dann die Abgeschiedenheit der urchigen Hütte geniessen zu können und ihre Instagram-Fotos zu schiessen, während sie kaum noch Platz haben auf der Aussichtsplattform.» Als er jedoch den Bauern, dem die verparkte Weide gehört, darauf angesprochen habe, habe dieser erklärt, dass die Parkgebühren ein mehr als willkommener Zustupf sind.

Eckmanns Fazit fällt deshalb zurückhaltend aus: «Es braucht den Tourismus, aber der Massentourismus, wie wir ihn heute haben, ist
sicher nicht gesund für die Alpen.» Eine mögliche Lösung sieht er in Kontingenten. Wie diese konkret umgesetzt werden könnten, weiss er aber auch nicht. Sein «Extrablatt» soll mehr eine Dokumentation als ein Aufruf sein. Ihn interessiere es mehr, zu zeigen, was hinter etwas steckt, als zu skandalisieren.
Die grösste Herausforderung bei seiner Arbeit sei es übrigens gewesen, Orte zu finden, die wegen dem Tourismus nicht mehr schön sind. Die Magie der jahrtausendealten Alpen können offenbar auch die Menschen nicht so schnell brechen.



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