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28.02.2018 Von: Pascal Wiederkehr

Zürich 2, Züriberg

Sie suchten nach der Seele in der Politik


Alt Nationalrat Geri Müller (Grüne) zuoberst im Turm des St. Peter: «Wir wissen gar nicht, wofür es sich zu leben lohnt». Foto: Alfonso Smith

In der zweiten Ausgabe der Turmgespräche diskutierten die Gäste über die Seele in der Politik. Illustrer Gast war alt Nationalrat Geri Müller. Als schwierig stellte sich die Definition von Seele heraus.

«Schön haben Sie dich rausgelassen», bemerkte David Guggenbühl mit einem Augenzwinkern und erntete Lacher. Der Vizepräsident der Kirchenpflege St. Peter hatte gerade Gefängnisseelsorger Andreas Beerli vorgestellt. Fast pünktlich zum Klang der Glocken um 18 Uhr war der Abend im Turm der St.-Peter-Kirche lanciert. Doch nicht etwa Beerli stand im Mittelpunkt, sondern der Grüne Politiker Geri Müller. Dieser war bis Ende Jahr Stadtammann, also Stadtpräsident, in Baden gewesen. Im Herbst wurde Müller, der von 2003 bis 2015 im Nationalrat sass, nicht mehr in die Badener Exekutive wiedergewählt. Die «NZZ» titelte damals «‹Nackt-Selfie›-Affäre kostet Geri Müller das Amt».

Reformation benannte Missstände

Am zweiten Talk der Turmgespräche-Saison 2018, die im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum initiiert wurde, ging es allerdings nicht um Müller als Person. Thema war die Seele in der Politik. St.-Peter-Pfarrer Ueli Greminger steckte zu Anfang den Rahmen ab: «Die Reformation war ein theologisches Ereignis, aber auch wichtig, um politische Missstände zu benennen.» Er erinnerte an den Ablasshandel oder das Söldnertum im 16. Jahrhundert. Im Reformationsjubiläum solle nicht nur gefeiert werden. «Manchmal hat man das Gefühl, dass unsere Seele abhandengekommen ist.» Deshalb stelle sich die Frage, wo die Seele in der Politik sei.

Was ist ein beseelter Politiker?
Geri Müller nahm den Ball auf und zog den Vergleich zu früher. Er zählte zuerst Missstände des 21. Jahrhunderts auf. Der Schweizer Bevölkerung gehe es recht gut, trotzdem seien gemäss Caritas rund eine halbe Million Menschen von Armut betroffen. «Wir wissen gar nicht, wofür es sich zu leben lohnt», so Müller. Die Politik arbeite im Auftrag des Volkes und repräsentiere damit etwas wie deren Seele. Er habe in seiner Laufbahn immer viele Aufforderungen aus der Bevölkerung erhalten, etwas gegen dies und das zu unternehmen. Meistens habe es sich um Einzelprobleme gehandelt. Mit der Politik sei eine Gesellschaftsschicht entstanden, die sich um Einzelfälle kümmere. Müller: «Die Politik muss darüber hinausgehen.»
Bei der Diskussion fiel der Begriff «Beseelte Politiker». Alt EVP-Nationalrätin Maja Ingold, die ebenfalls unter den Zuhörern war, erinnerte daran, dass die Leute früher mit dem Ablasshandel ihren Seelenfrieden erkauft hätten. Der katholische Gefängnisseelsorger Andreas Beerli fand, beseelt sei etwa das Gleiche wie engagiert. «Das kann doch nicht Seele sein.»

Geri Müller wollte die Seele hingegen weniger als etwas einzelnes denn als Volksseele verstanden wissen. Bei beseeltem Arbeiten gehe es darum, die Ängste in der Bevölkerung zu spüren. Der Grüne verwies dabei auf das Thema Asylsuchende. Manchmal sei die Volksseele glücklich und manchmal weniger glücklich. Philip Sippel, Kurator im benachbarten Museum Strauhof, lieferte danach den interessanten Einwand, dass man das Thema Seele von einer negativen Perspektive betrachten könne. Aus dieser hätten weder Politik noch Mensch eine Seele.

Einen eher theologischen Zugang hatte Myrta Guggenbühl. Sie erinnerte sich an ihre Kindheit. Damals habe sie von ihrer Mutter gelernt, dass man ein Fenster offenlassen müsse, wenn jemand gestorben sei, damit die arme Seele in den Himmel fliegen könne. Andreas Beerli erklärte, die arme Seele sei nach katholischer Tradition im Fegefeuer steckengeblieben und warte dort darauf, erlöst zu werden.

Unkonventionelle Diskussion
Zu diesem Zeitpunkt war die Diskussion etwas von der Seele in der Politik abgeschweift. Als gemeinsamen Nenner kristallisierte sich aber heraus, dass beseelte Politiker diejenigen seien, die sich nicht nur um ihr eigenes Anliegen kümmern würden, sondern um die Volksseele. Der reformierte Pfarrer Ueli Greminger bemerkte zum Schluss, es sei ungewöhnlich, dass an einem reformierten Anlass über die Seele geredet werde. «Das ist eigentlich etwas Katholisches.» Er fände dies unkonventionell, aber spannend.
Die Antwort auf die Frage Guggenbühls, ob Müller als Politiker eine arme Seele sei, ging dann nach einer Stunde im Glockengeläut unter.



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