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01.03.2018 Von: Fabio Lüdi

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

«Ich bin eine philosophische Persönlichkeit»


«Der Döschwo ist das einfachste Auto der Welt»: Gerhard Fritschi mag den schlichten Lebensstil, das dazu passende Auto hat er schon lange. Foto: Fabio Lüdi

Nach 16 Jahren verabschiedet sich Gerhard Fritschi aus dem Gemeinderat. Im Porträt erzählt der Sozialdemokrat, was ihn am meisten beeindruckt hat und warum er sich um Küsnacht keine Sorgen macht.

Dieses Jahr ist Schluss. Nach 16 Jahren im Küsnachter Gemeinderat tritt SP-Mann Gerhard Fritschi nicht wieder zur Wahl an. Bevor der altgediente Politkader während vier Legislaturperioden dem Ressort Gesellschaft in Küsnacht vorstand, amtete er in den 90er-Jahren bereits vier Jahre im Gemeinderat in Hinwil. Nach zwei Dekaden in der Lokalpolitik will Fritschi, bald 75 Jahre alt, jetzt Platz machen. «Nach einer gewissen Zeit braucht es andere Leute, die sich engagieren», ist er überzeugt.
Wir sitzen an einem Tisch im Familienzentrum in Küsnacht, einer Institution, die während Fritschis Amtszeit den Gemeinderat beschäftigte. «Das war seinerzeit etwas vollkommen Neues in Küsnacht», blickt er auf diese Zeit zurück. Als klassischer Sozialdemokrat lag ihm die Umsetzung des Zentrums natürlich am Herzen, retrospektiv gehört es zu den Höhepunkten seiner langen Politkarriere.
Begonnen hat dies gewissermassen am Familientisch im Elternhaus, bereits der Vater war Sozialdemokrat. «Das Wissen darum, dass es uns gut geht und anderen nicht, war für uns wichtig», erzählt Fritschi. Dieses geistige Erbe prägte ihn, er leitete daraus – gepaart mit den eigenen Erfahrungen – eine klare Handlungsmaxime ab: «Wir haben die Verpflichtung, uns für eine gerechte Welt einzusetzen.»
Als junger Mann Anfang zwanzig verschlug es Fritschi auf den afrikanischen Kontinent, nach Südafrika und Nigeria. «Die Welt, die Weite haben mich interessiert», sagt er, «das tun sie noch immer. Deswegen bin ich damals auch raus, als das noch ein Abenteuer war.»
Vor allem die angelsächsische Welt, im Speziellen jene Afrikas, hatte es ihm angetan und liess ihn nicht mehr los. Einige Jahre später würde er, der Anglistik-, Geschichts- und Publizistikstudent, seine Habilitationsschrift zu englischsprachiger afrikanischer Literatur einreichen. Parteimitglied bei der SP war er damals schon, allerdings in keinem Amt tätig. Die Familie kam zuerst.

«Wir sind Lokalpolitiker»
Wie er es aus dem eigenen Elternhaus kannte, wurde auch da am Küchentisch politisiert, mit einem klaren Fokus: «Wir haben uns stark mit dem Dorf und der Dorfpolitik beschäftigt», so Fritschi. «Wir waren und sind Lokalpolitiker. »
Schliesslich zog er, der Politiker für das Lokale mit dem Sinn für das Weite, nach der Jahrtausendwende für die SP in den Küsnachter Gemeinderat ein. Dort stand er während seiner gesamten Amtszeit dem Ressort Gesellschaft vor, einem Amt, das sich seit seinem Antritt stark gewandelt hat. Damals hiess das noch Ressort Soziales, das Vormundschaftswesen war einer der wichtigsten Zweige davon. «Eine sehr belastende Zeit», erinnert sich Fritschi zurück. «Einige Fälle haben mir schlaflose Nächte bereitet. Man wusste nie, ob man nun richtig oder falsch entschieden hatte.»
Unter anderem aufgrund dieser Erfahrungen beteiligte sich der SPMann auch an der Gründung der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), ein Engagement, das einen weiteren Höhepunkt in seiner politischen Laufbahn markiert. Wobei da vor allem seine Erfahrungen im Sozialressort eine Rolle spielten und weniger seine politische Couleur.
Anderen eine Stimme sein, die selbst keine haben, aber bitter eine benötigen, das trieb den altgedienten Sozialdemokraten von je her an. Das war nicht immer einfach. «Als SPKandidat hat man es in Küsnacht schwierig», so Fritschi, «die Linke hätte zwar einen ordentlichen Wähleranteil, in den Behörden ist sie aber schwach vertreten.»
Dazu kommt noch sein Verständnis von Demokratie und Gesellschaft, davon gebe es im Gemeinderat zwei, glaubt Fritschi. Zum einen sei da jenes, das auf Effizienz getrimmt sei, Ziele sind so schnell und schnörkellos wie möglich zu erreichen. «Das andere gestaltet sich durch den Einbezug des Dorfs und der Opposition», erklärt Fritschi seine Auffassung, die er im Geiste Rousseaus sieht. «Diese ist mühseliger, aber, wie ich finde, auch umfassender.»
Allerdings herrsche durchaus die Auffassung vor, dass der SP traditionsgemäss ein Sitz in der Exekutive zustehe. Während der letzten vier Legislaturperioden hat sich das bestätigt. Sowieso sieht der Sozialdemokrat keine eigentlichen sozialen Brennpunkte in der Gemeinde. «Küsnacht, das muss ich sagen, ist eine sehr soziale Gemeinde», weiss Fritschi, «für schweizerische Verhältnisse bin ich sehr zufrieden.»
Der Ort sei wohlhabend, gebe aber auch jenen, denen es schlecht geht. Das durfte der Noch-Gemeinderat unter anderem während der Krönung seiner politischen Karriere erfahren, als es vor gut zwei Jahren darum ging, Flüchtlinge in der Gemeinde aufzunehmen und zu integrieren.
«Diese Welle an Freiwilligen, die sich damals gemeldet haben – das war etwas ganz Ausserordentliches», schwärmt Fritschi. An die 100 Leute aus allen Bevölkerungsschichten hätten sich damals engagiert. «Das hat mich während meiner Laufbahn am meisten gefreut und beeindruckt.» Jetzt, zum Ende seiner Politlaufbahn, hat der Gemeinderat Musse, sich über die Zukunft Küsnachts Gedanken zu machen, auch über die Grenzen seines Ressorts hinaus. Sich sozusagen wieder seiner geliebten Weite zu widmen, ganz im Lokalen.

Wirken im Grossen
«Ich bin eher eine betrachtende, philosophische Persönlichkeit», umschreibt Fritschi sein Wesen. Allgemeine Tendenzen zu beobachten, diese zu analysieren, das liegt ihm. «In speziellen politischen Fragen werde ich mich wohl nicht mehr einmischen », orakelt der Politveteran mit Blick auf seine Zukunft im politischen Lokalgefüge. «Ausser vielleicht, etwas beschäftigt mich sehr, ob im Guten oder im Schlechten.»
Zurückziehen aus der Öffentlichkeit tut sich Fritschi ohnehin nicht, sein Rückzug aus dem öffentlichen Dienst erfolgt schliesslich nicht aus Politverdrossenheit. «Ich habe nicht mit der Politik abgeschlossen», so Fritschi, «das kann ich gar nicht.» Und er will es auch nicht. So habe er sich beispielsweise stets gewünscht, der historischen Bedeutung Küsnachts für die Schweiz eine angemessene Bühne zu bereiten. «Hier liegt ein unglaublicher Reichtum an Geschichte», schwärmt der Lokalpolitiker.
In Küsnacht wurde etwa über Verfassungen gestritten oder 1832 das erste staatliche Lehrerseminar der Schweiz gegründet. «Damit hat die ganze Lehrer- und Volksschulbildung unseres Landes ihre Wurzeln in unserer Gemeinde», erzählt Fritschi mit Verve. Die Sache ist ihm ein Anliegen, das ist klar. «Wenn man an Küsnacht denkt, denkt man an Reichtum», fährt er fort. Aber diese Assoziation ist Fritschi nicht genug.
So habe er sich auch immer ein Tagebuch-Archiv gewünscht, dem diese Zeitzeugen zur Aufbewahrung übergeben werden können, damit sie nicht verloren gehen. Da, bei der Kultur und dem historischen Gedächtnis, da könnte Küsnacht sich noch «etwas mehr profilieren», wünscht sich Fritschi. «Küsnacht ist reich, und Reichtum ist kein Problem, wenn es mit Mäzenatentum verbunden ist», fügt er an.
Der abtretende Gemeinderat blickt – naturgemäss – mit einem guten Gefühl in die Zukunft, sowohl in die persönliche als auch in die der Gemeinde. «Das politische Bewusstsein, eine eigene Kleinstadt oder ein eigenständiges Dorf zu sein, ist stark bei uns.» Vor zwei Legislaturperioden, in der Halbzeit seiner Amtszeit im Gemeinderat, liess sich Fritschi noch sorgenvoll zitieren, er fürchte darum, Küsnacht könne zur konturlosen Agglo verkommen. Acht Jahre später ist sein Verdikt allerdings glasklar: «Küsnacht ist kulturell eigenständig, ich könnte überhaupt nicht alle Veranstaltungen im Dorf besuchen, auch wenn ich jeden Abend rausginge.»

Mit der Jugend im Reinen
Dennoch ist natürlich nicht alles eitel Sonnenschein in der Gemeinde. Bei der Jugend, da hapere es halt ein wenig. Aber nicht etwa, weil die Jungen ein akutes Problem darstellten, im Gegenteil: «Die Jugendlichen orientieren sich nach der Grossstadt, sie gehen nach Zürich, um ihre Freizeit zu gestalten», meint Fritschi. «Die Stadt bietet eben das grosse Abenteuer», sagt er und muss selbst ein wenig lachen ob der Reminiszenz an seine Jugend.
Generell problematisch sieht er die Jugend sowieso nicht, auch nicht deren viel lamentierte Absenz im politischen Leben. Ein Modethema sei das wahrscheinlich. «Ich weiss, es tönt immer so gut, zu sagen: ‹Wir müssen die Jungen zur Politik motivieren.› Aber ich glaube nicht, dass das nötig ist», urteilt Fritschi. Es kämen genügend nach, wenn sie ein wenig älter sind. In Küsnacht gebe es schliesslich immer Wahlkämpfe, über Kandidatenoder Nachwuchsmangel könne man sich da nicht beschweren. Und eben: Beschweren will er sich sowieso nicht, weder über die Zukunft noch über die Vergangenheit. Auf seine Zeit in der Küsnachter Exekutive blickt er mit Zufriedenheit: «Wenn ich jetzt gehe, war das ein guter Abschluss.»



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