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08.03.2018 Von: Annina Just

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

«Politik überlassen ich nun den Jüngeren»


Bald wird Ursula Gross Leemann beim Steueramt nicht mehr so häufig ein und aus gehen. Foto: Annina Just

Nach zwölf Jahren als Finanzvorsteherin zieht sich Ursula Gross Leemann aus der Politik zurück. Im Porträt erzählt die FDPFrau, wo sie in Küsnacht Investitionspotenzial sieht und was ihre Vision ist.

Gestiegene Sozialausgaben, höhere Pflegekosten, neuer Finanzausgleich und gleichzeitig tiefere Einnahmen – in den vergangenen Jahren wurde der Spardruck vielerorts massiv grösser. So auch in Küsnacht. Dass die Gemeinde heute trotzdem mit gesunden Finanzen da steht, darf sich auch Ursula Gross Leemann auf die Fahne schreiben.
Seit 2006 verantwortet die FDPPolitikerin als Finanzvorsteherin Ausgaben und Einnahmen der Gemeinde. «Natürlich ist es nicht immer lustig, stets den Finger auf die Ausgaben zu halten, sowohl im Gemeinderat wie auch beim Volk», sagt die 60-Jährige bei einem Treffen im Gemeindehaus. Ihr Ziel sei aber stets eine sachliche und bürgerorientierte Politik gewesen. Dazu hat sie immer wieder den Dialog mit der Bevölkerung gesucht. «Das Verständnis für das Machbare zu wecken, das war mir stets wichtig», erklärt sie – und es scheint ein Erfolgsrezept zu sein. In den letzten drei Legislaturen gelang es der FDP-Frau, die Budgets einerseits auf Sparkurs zu trimmen und trotzdem bei der Bevölkerung durchzubringen. So überrascht es nicht, wenn sie nach zwölf Jahren im Amt – und ganz ohne überheblich zu klingen – festhält, dass sie kaum je persönliche Opposition gespürt habe. Sachliche Opposition habe es an einer Gemeindeversammlung ein einziges Mal gegeben, meint Gross Leemann rückblickend. Diese richtete sich gegen eine geplante Steuererhöhung mit dem Voranschlag 2015. Damals hatte auch die FDP den Antrag nicht mitgetragen und so sprach sich der Souverän dagegen aus. «Dies war im Bereich Finanzen meine einzige Niederlage an einer Gemeindeversammlung », so die Vize-Präsidentin der FDP-Frauen.

Glanzresultat im 2014
Es war zwar eine «stille» Wahl, die Ursula Gross Leemann im Sommer 2006 in den Gemeinderat beförderte. Sie rückte nach, als Gemeindepräsidentin Ursula Gut-Winterberger (FDP) in den Zürcher Regierungsrat gewählt wurde. Gross Leemann, zu diesem Zeitpunkt bereits seit elf Jahren Mitglied der Rechnungsprüfung (RPK), war zwar schon bei den Erneuerungswahlen im Frühling desselben Jahres auf dem Radar ihrer Partei, verzichtete aber aus gesundheitlichen Gründen auf eine Kandidatur.
Als die Ersatzwahl anstand, hatte sie sich gut erholt und sagte zu. «Allerdings musste ich mich parteiintern noch gegen eine zweite Kandidatur durchsetzen», erzählt sie. Weil das Finanzressort vakant wurde, habe ihr die langjährige Erfahrung in der RPK sicherlich geholfen. «Ich bin zwar kein Mathegenie, aber ich übernehme einfach gerne das Haushalten mit Geld», erklärt sie ihre Vorliebe für ihr Ressort. So habe sie sich schon vor ihrer politischen Karriere in Vereinen und Stiftungen mit Vorliebe um diese Aufgabe gekümmert. Beruflich hatte Gross Leemann aber stets mehr mit Menschen als mit Zahlen zu tun: Nach der Ausbildung zur Primarlehrerin studierte sie an der Universität Zürich Jura, arbeitete bei Bank und Gericht, erwarb das Anwaltspatent, absolvierte ein Masterstudium in den USA und spezialisiert sich nach einer Familienpause auf Ehe-, Familien und Scheidungsrecht sowie Mediation. Daneben setzte und setzt sie sich noch immer bei verschiedenen gemeinnützigen Organisationen ein wie zum Beispiel im Balgrist, der Martin-Stiftung, im Hôpital Albert Schweitzer in Haiti und im Gönnerverein kispex.
Nach der stillen Wahl von 2006 musste sich die gebürtige Stadtzürcherin, die nun seit 25 Jahren in Küsnacht lebt, im Jahre 2010 erstmals der Stimmbevölkerung stellen – und schaffte die Wiederwahl souverän. 2014 erzielte sie gar das beste Resultat aller Kandidierenden. Und nun, nach dem Verzicht auf eine erneute Kandidatur, hört man von verschiedenen Seiten Bedauern. Sie habe nun 23 Jahre für Küsnacht gedient, sei 60 Jahre alt geworden und möchte ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen, erklärt Gross Leemann ihren Entscheid. Dieses Kapitel soll vor allem verschiedene Reisen mit ihrem Ehemann enthalten. «Das muss man ja tun, so lange man fit ist und noch keine Enkel hat», meint sie lachend. Zuoberst auf der Liste stehen die Antarktis und Südamerika. Und ein Pilates- Trainer-Workshop in Thailand ist auch schon geplant. «Ausserdem möchte ich mich auf die Spuren meines Grossvaters begeben», verrät sie. Dieser habe am Alaska Highway mitgearbeitet – und so ist das Abfahren der über 2000 Kilometer langen Route von British Columbia nach Alaska ebenfalls in Planung.

Finanzausgleich als Steckenpferd
Abgeschlossen ist für Gross Leemann auch die überregionale Politkarriere. Obwohl sie 2010 mit der Kandidatur für den Kantonsrat und fünf Jahre später mit derjenigen für den Nationalrat nicht ganz reüssiert hat, hegt sie keine weiteren Ambitionen. «Ich finde, das sollte ich nun den Jüngeren überlassen, denn schliesslich gestaltet man mit der Politik die Zukunft», so die Mutter von drei erwachsenen Kindern. Die Zukunft Küsnachts will sie also nicht mehr gestalten, aber sie hat Spuren hinterlassen: Nach fast drei Legislaturen kann Gross Leemann einen gesunden Finanzhaushalt mit einem tiefen Steuerfuss übergeben. «Da bin ich froh darüber», so die freisinnige Politikerin. Im Gegensatz zu mehreren Nachbargemeinden hat Küsnacht weder während ihrer Wirkungszeit noch während derjenigen ihres Vorgängers eine drastische Steuersenkung vorgenommen. 2011 beantragte die RPK zwar eine Senkung um drei Prozent, doch die Finanzvorsteherin sowie der Gesamtgemeinderat – und mit ihnen die Bevölkerung – sprachen sich dagegen aus.
Zu einer der grösseren Herausforderungen in Gross Leemanns erster Legislatur gehörte die Sanierung der gemeindeeigenen Pensionskasse, die heute gut dasteht. Ihr absolutes Steckenpferde stellte dann aber der neue kantonale Finanzausgleich dar, welcher 2012 in Kraft trat. Die Küsnachterin war die treibende Kraft beim gemeinsamen Widerstand der Zahlergemeinden gegen die erste Vorlage. Im Rahmen des Möglichen habe man die Ziele erreicht, meint sie heute. Aber glücklich ist sie mit diesem Konstrukt nach wie vor nicht: «Er setzt falsche Anreize und ist zu extrem, extremer als der nationale Finanzausgleich, der ja vom Kanton Zürich selber kritisiert wird», hält sie fest.
Als sehr erfreulich bezeichnet die Politikerin hingegen das Projekt Alters- und Gesundheitszentrum Tägerhalde. Als Mitglied der Baukommission hat sie es vom Wettbewerb bis zur Vollendung begleitet. Zusammen mit Martin Bachmann, Ex-Gemeinderat und Präsident der Baukommission Tägerhalde, behielt sie auch da in puncto Finanzen den Überblick: «Ich bin stolz darauf, dass wir innerhalb des Kredits abgeschlossen haben, trotz einiger Schwierigkeiten während des Baus.»
Es gibt aber auch Bereiche, in denen die abtretende Finanzvorsteherin Handlungsbedarf ortet. So ist sie der Meinung, dass Küsnacht nicht nur für die Älteren, sondern auch für die Jugend wieder etwas tun sollte. Mit der KEK und den beiden Sportplätzen sei zwar eine tolle Sportinfrastruktur vorhanden, diese habe aber im Unterhalt und der Modernisierung Nachholbedarf. Der Jugendsport liegt der dreifachen Mutter nämlich besonders am Herzen. «Dies ist die beste Prävention und darum gut investiertes Geld», meint sie. So ist es ihr ein grosses Anliegen, dass die KEK nun endlich saniert wird. Wenn es nach ihr ginge, würde sie auch noch mehr investieren und die Anlage energetisch optimieren und attraktiver gestalten. Auch eine Dreifachturnhalle fehle in Küsnacht. «Dies würde dem grossen Bedürfnis der Vereine entsprechen», hält sie fest.

Eine Vision für Küsnacht
Einen ganz besonderen Wert hat für Ursula Gross Leemann auch die «Inund Auslandhilfe». «Es ist schön, dass die Küsnachter Bevölkerung diese vergleichsweise hohe Unterstützung noch immer mitträgt, während andere Gemeinden diese den Sparmassnahmen opfern», betont sie. Ihr sei stets wichtig gewesen, dass auch Projekte zum Zuge kommen, die von Küsnachterinnen und Küsnachtern mitgetragen werden: «Das ist etwas, wovon ich mir wünsche, dass es so weitergeführt wird.»
Apropos weiterführen: Die abtretende Finanzvorsteherin hat es sich gleich selber zur Aufgabe gemacht, für ihre Nachfolge zu sorgen. Mit Pia Guggenbühl hat sie aus der eigenen Partei wieder eine Frau zur Kandidatur motiviert. «Es tut einem Gremium schon gut, wenn beide Geschlechter vertreten sind.» Sie hoffe, dass künftig mehr Frauen im Küsnachter Gemeinderat Einsitz nehmen, denn zeitweise sei sie die einzige gewesen.
Nach Wünschen für die Gemeinde gefragt, kommt ihr noch etwas ganz anderes in den Sinn – «eher eine Vision », meint sie und erklärt: «Wenn die SBB-Linie als U-Bahn geführt würde, wären die Dörfer nicht mehr so zerschnitten. » Und nach kurzem Überlegen fügt sie an: «Eventuell würde sich das sogar rechnen, wenn man die Landwerte betrachtet und die ganze Seeseite vom Bahnlärm befreit und aufgewertet würde.» Und da ist sie schon wieder, die leidenschaftliche Finanzhaushalterin, die stets mit Kompetenz und Sachlichkeit, aber auch einem guten «Gspüri» für die Bevölkerung agierte.



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