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21.03.2018 Von: Jakob Metzler

Zürich 2

Lebten Urzürcher in «Metropole»?


Die Archäologen graben sich seit August 2017 durch die 5000 Jahre alte Stadtgeschichte. Foto: Jakob Metzler

Archäologen sind während Ausgrabungen auf der Baustelle des neuen Zurich-Hauptsitzes auf Zeitzeugen aus der Jungsteinzeit gestossen. Neben Gefässen oder Werkzeugen fanden die Forscher andere schwer zuordenbare Gegenstände.

Das Grossprojekt der Zurich Versicherung am Mythenquai hat es in sich: Vier Gebäude auf insgesamt 10 000 Quadratmeter Grundstücksfläche sollen bis Mitte 2020 gebaut werden. Auch die Lage dieser Grossbaustelle ist besonders: Nicht nur hat die Versicherung hier seit 115 Jahren ihren Hauptsitz, sondern bereits 5000 Jahre vorher lebten an dieser Stelle jungsteinzeitliche Pfahlbauer. Dieser besonderen stadthistorischen Bedeutung der Lage des Hauptsitzes seien sie sich bewusst, erklärt Hans-Peter Bissegger, Gesamtprojektleiter bei der Zurich Versicherung. «Wir standen von Anfang an mit der kantonalen Archäologie und Denkmalpflege in Kontakt», so Bissegger weiter. Diese begann im August 2017 mit den Grabungen auf der Suche nach Überresten aus der Zeit der Zürcher Pfahlbauer, um sie vor der Zerstörung durch die Baustelle zu dokumentieren.

Noch mehr Schätze zu entdecken
Bei der sogenannten «Rettungsgrabung» stiess das Team um Archäologe Christian Harb bereits auf eine Vielzahl an prähistorischen Zeitzeugen. Neben Holzpfählen der Pfahlbauten fanden die Forscher Werkzeuge oder Gefässe, jede Menge Tier-, aber auch Menschenknochen, Schmuckstücke oder andere schwer zuordenbare Gegenstände, wie ein hölzernes Objekt, das an ein prähistorisches «Euro-Zeichen» erinnert.

Die Nähe zum Zürichsee ist für die Archäologen dabei ein Segen: Dank der Feuchtigkeit blieben speziell die 5000 Jahre alten Fundstücke aus Holz so gut erhalten, dass sich mit einigen Holzstücken sogar das genaue Fälljahr der Bäume mithilfe der Dendrochronologie, welche auf die Jahresringe der Stämme zurückgreift, ausrechnen lässt.

Dass an genau der Stelle, an welcher in gut zwei Jahren die Mitarbeiter der Versicherung ihrer Arbeit nachgehen werden, Tausende Jahre zuvor bereits unsere Vorfahren lebten, entdeckte man 1994 beim Bau einer Tiefgarage. Ausserdem lässt sich anhand der Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte erahnen, dass noch weitaus mehr dieser Bodenschätze am Ufer des Zürichsees auf ihre Entdeckung warten. Bereits beim Bau des Parkhauses Opéra beim Opernhaus oder bei der Mozartstrasse fanden Forscher eine grosse Zahl von ehemaligen Pfahlbausiedlungen. Ob es sich bei den Pfahlbauten um Teile einer prähistorischen «Metropole» – für damalige Verhältnisse im Alpenraum – auf dem Gebiet des heutigen Zürichs handelt oder um vereinzelte kleinere Siedlungen, ist laut Archäologin Helena Wehren noch nicht klar. Ob die Pfahlbauer, die etwa in der Zeit der berühmten Gletschermumie Ötzi lebten, als «Urzürcher» mehrere tausend Jahre am Stück sesshaft im heutigen Zürich waren, ist ebenfalls nicht ohne Gentechnik nachweisbar. «Man weiss oft nicht, ob es die Menschen waren, die gereist sind, oder ob es die Techniken, wie die Schnurkeramik, waren, die wanderten und plötzlich an anderen Orten wieder auftauchten.»

Segen oder Fluch?
Neben all den erfreulichen Schätzen treibt Archäologe und Projektleiter der Ausgrabungen Christian Harb eine gewisse Wehmut um: «In 30 Jahren hätten wir mit weitaus besseren Ausgrabungstechniken mehr Informationen erhalten können als heute.» Seine Behörde versuche eher die prähistorischen Zeitzeugen vor Bauprojekten zu schützen und würde eigentlich nur mit Ausgrabungen beginnen, wenn es nicht mehr anders ginge und Bauarbeiten die Schätze, die im gesamten Alpenraum zu finden sind und von etwa 4300 bis 850 v. Chr. stammen, zerstören würden. Harb: «Aber das Graben macht mir natürlich trotzdem grossen Spass.»



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