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22.03.2018 Von: Nadine Golinelli

Küsnachter Amtlich, Küsnachter

In Jordanien mit statt über Flüchtlinge reden


Karin Sutter und ihre Tochter Joya reisten letzten Herbst nach Jordanien, um mit Flüchtlingen anstatt über sie zu reden. Foto: zvg.

Die Flüchtlingsthematik ist allgegenwärtig. Der Umstand, nicht helfen zu können, empfand Karin Sutter aus Herrliberg als lähmend und entschloss sich, mit ihrer Tochter in ein jordanisches Flüchtlingscamp zu reisen.

«Viele Menschen sprechen über Flüchtlinge, aber keiner spricht mit ihnen», sind sich Karin Sutter und ihre Tochter Joya einig. Das wollten sie ändern. Vor Ort etwas bewirken zu können, das war für die 18-jährige Joya zentral.

Auch das Mutter-Sohn-Gespann Daniela Borgese und Enea Bortolani, das ebenfalls in Herrliberg zu Hause ist, verspürte unabhängig von Sutters das Bedürfnis, in den Nahen Osten zu reisen und für die Flüchtenden da zu sein. «Enea ist bei Joya in der Nachhilfe. Sie gab Enea einen Flyer der Stiftung ‹Noiva›, den er mir jedoch vergass zu zeigen. Ich hatte zufälligerweise genau bei ebendieser Organisation selbst unseren Aufenthalt organisiert», erzählt Daniela schmunzelnd.

Und so kam es, dass sich die vier Volunteers im Herbst 2017 gemeinsam auf die Reise nach Al Mafraq in Jordanien begaben. Sofort entstand eine herzliche Freundschaft, eine schöne Nebenerscheinung, an die alle gerne zurückdenken. Der intensive Austausch mit anderen Volunteers sei wichtig, um das Erlebte verarbeiten zu können.

Selbstragende Konzepte

Al Mafraq ist eine Stadt mit etwa 200 000 Einwohnern, unweit der syrischen Grenze im Norden Jordaniens. Die humanitäre Schweizer Stiftung Noiva engagiert sich seit mehreren Jahren vor Ort für Flüchtlings-

familien aus Syrien und organisiert Einsätze der Volunteers, die mit den Menschen Zeit verbringen, sie für eine kurze Zeit aus ihrem tristen Alltag holen, sie in Englisch unterrichten, oder mit den Kinder tanzen, basteln und spielen. «Die Stiftung setzt sich auch dafür ein, dass geflüchtete syrische Lehrer weiterhin ihren Beruf ausüben und syrische Kinder unterrichten. Die Lehrer werden entsprechend entlöhnt», erklärt Karin Sutter. Es sei eine Win-win-Situation, denn die Erwachsenen hätten so eine sinnvolle Beschäftigung und die Kinder gleichzeitig die Möglichkeit, Englisch zu lernen. Noiva hat dieses Konzept entwickelt und nennt es «learn2live».

Ein ähnliches, selbsttragendes Konzept wird Schritt für Schritt auch für Handwerker eingeführt. «Es gibt unendlich viele baufällige Unterkünfte und immer etwas zu reparieren», beteuert der 16-jährige Enea, der zwei Wochen lang mit einem Handwerkerteam diverse Reparaturen in Al Mafraq getätigt hat. «In der Schweiz ist man es gewohnt, Werkzeuge aller Art zu besitzen. Dort mussten wir oft improvisieren, das hat uns erfinderisch gemacht», erzählt er schmunzelnd. «Das erste Mal war ich ziemlich überwältigt, als ich die prekären Verhältnisse, in denen diese Menschen seit Jahren leben, erkannte», so Enea. Sein liebstes Projekt war die Aufwertung eines Spielplatzes vor dem Waisenhaus. «Wir mussten die Schaukel neu einbetonieren und die Kinder hatten Freude, sich im noch feuchten Beton zu verewigen, und haben munter darauflosgemalt», schwärmt er. Weil die Kinder noch etwas voreilig bereits den Spielplatz in Betrieb nahmen, mussten sie einige Stellen erneut betonieren.

Politische Gratwanderung

Joya hingegen bleiben vor allem die Begegnungen mit den Kindern im Gedächtnis: «Es ist wunderschön zu sehen, dass sie trotz ihres schlimmen Schicksals ihr Lachen nicht verloren haben!» Sie erzählt weiter, dass es die Syrer in ihrer neuen «Heimat» nicht einfach hätten und von den Jordaniern teilweise gar um ihre Sonderstellung beneidet würden. Auch müssten die Jordanier seit der Flüchtlingskrise stets höhere Wohnungsmieten zahlen, da die Preise in die Höhe geschossen sind.

Auch die politische Situation ist eine Gratwanderung: «Das jordanische Königspaar versucht einen Mittelweg zu finden und erklärt, dass Syrer in Jordanien als sogenannte ‹Gäste› aufgenommen sind, was bedeutet, dass sie in ihr Land zurückkehren müssen, sobald die Krise vorbei ist», erklärt Enea. Seine Mutter Daniela fügt an: «Aber die Syrer werden in Jordanien gut behandelt. Dem Mo-narchen ist die Bildung ein grosses Anliegen und so hat er dafür gesorgt, dass jordanische Kinder am Morgen und syrische Kinder am Nachmittag den Schulunterricht besuchen dürfen.»

Karin Sutter ist es wichtig, mit dem Vorwurf des Flüchtlingstourismus aufzuräumen: «Man wird ausnahmslos herzlich empfangen und aufgenommen. Dank den freiwilligen einheimischen Übersetzern ist zudem eine Kommunikation wirklich möglich.» Bei den Hausbesuchen, die jeweils nachmittags stattfinden, ist es möglich, erste Beziehungen aufzubauen: «Es ist nicht so relevant, wer da ist, sondern vielmehr, dass jemand da ist.» Für die Geflüchteten sei es sehr wohltuend zu erfahren, dass sie nicht vergessen werden und sich jemand für sie interessiert, das habe sie oft festgestellt. Sie pflege auch nach ihrer Rückkehr nach Herrliberg noch den Kontakt zu einigen Menschen, denen sie in Jordanien begegnet ist: «Mit einigen kommuniziere ich wöchentlich. Viele nutzen einen Online-Übersetzungsdienst und dann ist die Basis für die Kommunikation bereits geschaffen. Letztens erhielt ich eine Geburtstagsnachricht mit ‹Happy New Year›. Da musste ich schmunzeln – auch wenn es ja eigentlich gar nicht so falsch ist, wenn man darüber nachdenkt, schliesslich beginnt ja ein neues Lebens-Jahr.»

Erneute Reise bereits geplant

Wie die vier Herrliberger nach ihrer Rückkehr auf die Zeit zurückblicken ist unterschiedlich. «Für mich war es schwierig, wieder zurückzukehren und den Alltag in der Schweiz fortzuführen», erklärt Daniela Borgese. Schülerin Joya schätzt ihren Lebensstandard viel mehr als sonst, seit sie nach Hause zurückgekehrt ist. «Aber man gewöhnt sich leider sehr schnell wieder daran, zu Hause einen vollen Kühlschrank vorzufinden und das Privileg zu haben, zur Schule gehen zu können», betont sie.

Enea hat aufgrund seiner Lehre nächstes Jahr nur noch fünf Wochen Ferien: «Ich weiss nicht, ob das dann zeitlich machbar ist, noch einmal zwei Wochen dorthin zu gehen.» Karin hat bereits beschlossen, im kommenden Herbst wieder nach Jordanien zu reisen, und ist dankbar für die unvergesslichen und bereichernden Momente, die sie erleben durfte: «Es ist grossartig, wie sich Noiva für die Menschen in Jordanien einsetzt. Das engagierte Team vor Ort gehört nach bald fünf Jahren fast schon zum Stadtbild von Al Mafraq und die Leute kennen die Organisation sehr gut. Somit haben sie die Gewissheit, dass sich mitfühlende, aktive Bezugspersonen um ihr Schicksal sorgen und ihnen Hilfe anbieten.»



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