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28.03.2018
Zürich West

Holzkorporation Altstetten: «Den Punkt null in der Geschichte gibt es nicht»


Die Holzordnung von 1703 für den Fronwald von Altstetten, erlassen von den beiden Obervögten Johann Heinrich Rahn und Johann Heinrich Werdmüller. (Foto: Lisa Maire)

Eigentlich wollte die Holzkorporation Altstetten heuer ihr 175-Jahr-Jubiläum feiern. Doch dann sorgte eine junge Historikerin für eine Überraschung. Statt eines grossen Fests gibt es nun eine spannende Ausstellung.

Lisa Maire

Jolanda Brennwald sitzt an einem langen Tisch im oberen Stock des Forsthauses Frauenmatt, wo sie seit einem halben Jahr der Geschichte der Holzkorporation Altstetten auf der Spur ist. Vor sich einen Labtop, um sich Berge von Dokumenten und grossen, mit Jahreszahlen beschrifteten Kartonmappen. Draussen vor den Fenstern der Wald. Und manchmal auch Rehe, Spaziergänger oder, am Abend, Mountainbiker mit Stirnlampen, erzählt die junge Historikerin lachend.

250 000 Seiten geordnet

Hier in dieser idyllisch gelegenen Arbeitsklause, hat Brennwald im Auftrag der Korporation geschätzte 250 000 Dokumentseiten – von Urkunden über Jahresrechnungen bis zu Karten – gesichtet und geordnet. Alles Material, das aus den Estrichen und Kellern der Korporationsmitglieder zusammengetragen wurde. Dazu kamen viele Stunden Forschungsarbeit in den Archiven von Stadt und Kanton. Schritt für Schritt ergaben sich dabei neue Erkenntnisse, welche die bisherige, korporationsinterne Geschichtsschreibung so ziemlich auf den Kopf stellten.

In der Korporation hielt man zuvor 1843 für das Gründungsjahr. Das Datum wurde gleichgesetzt mit dem Vertrag über die Trennung der Waldung in Altstetten in einen Korporations- und einen Gemeindewald. Doch dann stellte sich plötzlich heraus: Dieser Ausscheidungsvertrag zwischen der Gemeinde Altstetten und den damals 44 Besitzern sogenannter Dorfgerechtigkeiten (den heutigen Teilrechten) kam bereits 1842 zustande. 1843 fand nur noch die Bestätigung durch den Regierungsrat des Kantons Zürich statt. Die Korporation hätte also ihr 175-Jahr-Jubiläum schon letztes Jahr feiern müssen.

Doch auch 1842 ist streng genommen nicht das Gründungsjahr der Holzkorporation Altstetten. «Mit der Gründung ist das eben so eine Sache», setzt Brennwald zur Klärung an. Ein eigentlicher Gründungsakt habe nämlich nicht stattgefunden. Die Ausscheidung beruhe vielmehr auf einer Entwicklung des schweizerischen Gemeindewesens – der Trennung zwischen Einwohner- und Bürgergemeinde. Die heutige Korporation gründe also auf den «Dorfgerechtigkeiten», die schon im Mittelalter die existenzsichernden Nutzungsrechte von Gemeingut wie Wald, Weiden, Wiesen, Gewässern regelten. Ein eigentlicher Punkt Null in der Geschichte der Altstetter «Gerechtigkeitsgenossen» lasse sich dabei nicht bestimmen, lautet das Fazit der Historikerin. Schon deshalb nicht, weil das alte Gemeinrecht lange nur auf mündlichen Vereinbarungen beruhte.

Von Gulden und Jucharten

Niedergeschrieben wurden diese Gewohnheitsrechte erst viel später. Vor allem auch dann, wenn es Streit gab. Die älteste verschriftlichte Nutzungsordnung für den Altstetter Fronwald fand Brennwald im Stadtarchiv. Es handelt sich dabei um das «Project eines Holtz=Brieffs für die Gmeind Altstetten» von 1698. Ebenfalls im Stadtarchiv liessen sich amtlich gesiegelte Holzordnungen aus den Jahren 1703, 1797 und 1805 finden. Solche Nutzungsordnungen beinhalteten unter anderem die Holzbezugsrechte des Einzelnen und der Allgemeinheit und orientierten sich an Besitzklassen und Haushaltgrössen. Ein Vollbauer mit viel Besitz konnte demnach mehr Holz beziehen als ein «Tauner» mit Kleinstbesitz, der zusätzlich als Tagelöhner arbeiten musste. Den Besitzlosen hingegen wurde nur das Sammeln von Fallholz zugestanden.

In den Holzordnungen waren auch die Arbeiten des «Gmeinwerchs», Anweisungen zur Bewirtschaftung des Walds sowie Strafen für Verstösse beschrieben. Zu diesen Verstössen zählte zum Beispiel, das Vieh zum Weiden in den Wald zu treiben. Ein damals verbreitetes Problem, das zur «Holzverluderung» führte. Auch wer gefälltes Holz im Wald zu lange liegen liess, musste Strafe bezahlen. Verboten war zudem der Verkauf von Holz an Auswärtige, wie dies auch noch eine Nachfolgeregelung von 1822, das «Reglement für die Behandlung und Benutzung der Altstetter Gemeindewaldung», ausdrücklich festhielt. Neben diesem ältesten Dokument, das Brennwald im korporationseigenen Archiv aufstöberte, gehört auch ein Kaufbrief von 1829 zu den papiernen Schätzen. Nur wer paläografische Kenntnisse hat wie sie, kann die alte Schrift entziffern: Unter dem Titel «Kund und Zuwissen seye» geht es um den Verkauf eines Stück Walds «um 60 Gulden».

Nicht nur mit alten Geldwährungen wird man beim Lesen historischer Dokumente konfrontiert, auch mit alten Massen heisst es sich vertraut zu machen. So hält zum Beispiel der Ausscheidungsvertrag von 1842 fest, dass die Güter «Im Berg» (der heutige Altstetterwald) die damals der Holzkorporation Altstetten zufielen, insgesamt 458 Jucharten 1 Vierling und 4500 Quadratfuss umfassten. Dazu kamen kleinere Güter an der Limmat sowie ein Streifen Land in Engstringen.

Wald kleiner, aber kompakter

Die Holzkorporation habe heute weniger Land als damals bei der Ausscheidung, weiss ihr Präsident, Jean-Claude Schaffhauser. Er sitzt neben Jolanda Brennwald am Tisch und zeigt auf eine historische Karte, auf der mitten im grün gezeichneten Wald helle Flecke zu sehen sind: Wiesen, die nicht den Holzgenossen gehörten. Um den Wald kompakter zu machen, wurden die eingeschlossenen Landstücke später zugekauft und aufgeforstet. Das Geld hierfür kam aus Verkäufen von Besitz ausserhalb oder am Rand des Walds. Heute, so Schaffhauser, sei der Korporationswald mit rund 160 Hektaren trotzdem die grösste Waldfläche auf Stadtzürcher Boden in Privatbesitz. Die Waldnutzung ist dabei in 39 Teilrechte aufgeteilt, die sich ihrerseits auf 45 Korporationsmitglieder verteilen.

Darüber, dass das eigene Jubiläum verpasst wurde, ist man bei der Korporation nicht allzu unglücklich. «Wir feiern dann halt das 200-Jährige», lacht Schaffhauser. Er findet es genauso wichtig, dass jetzt endlich einmal die eigene Geschichte richtig aufgearbeitet worden sei. Und dass das ganze Archivmaterial, das auf Estrichen und in Kellern der Waldbesitzer – nicht unbedingt sachgerecht – lagerte, nun an einem zentralen Ort sicher aufbewahrt werden könne: «Hier wird bald ein grosser feuerfester Schrank stehen», sagt Schaffhauser und deutet auf den freien Platz vor einer Holzwand.

Besonders wertvoll: Dank der professionellen und hoch motivierten Arbeit der jungen Altstetter Historikerin verfügt die Holzkorporation nun über ein umfassendes elektronisches Archiv – einen Katalog, in dem alle gefundenen Dokumente aufgelistet, genau beschrieben und mit Links zu weiteren Quellen versehen sind. Brennwald hat hierzu sehr viele Transkriptionen alter Handschriften geleistet. «Das Ziel der Geschichtsforschung ist auch Wissensvermittlung», meint sie dazu. Vollständig sei das Archiv der Holzkorporation jedoch nicht. «Wir haben nur ein längeres Stück Wurzeln freigelegt», betont Brennwald. Vielleicht liesse sich ja in anderen Archiven noch mehr und älteres Material finden. Trotzdem: «Jedes gefundene Dokument an sich ist ein Schatz, weil jedes Dokument etwas erzählt»,hält sie fest.

Vergangenheit voller Anekdoten

Mit diesen Schätzen gestaltet die Holzkorporation nun eine grosse Ausstellung. Kuratiert von Brennwald, Schaffhauser, dem Korporationsmitglied Max Häusermann und Regina Wollenmann von Grün Stadt Zürich, zeigt die Schau Neues und Überraschendes aus der Vergangenheit des Altstetterwalds und wagt auch einen Blick in die Zukunft. Zu den historischen Exponaten gehören neben handschriftlichen Dokumenten und Karten auch Fotos. Und allerhand Anekdoten. Wie etwa jene rund um die grossen Nägel aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, als Soldaten im Altstetterwald Unterstände bauten, in den Baumstämmen verblieben – und dann später in der Sägerei die Sägeblätter «verrätschten». Die Rechnung dafür fand sich nun in den Unterlagen der Holzkorporation.

Ihren Namen «Geschichte aus der Kiste» hat die Ausstellung übrigens von einer Holzkiste, die im früheren Altstetter Gemeindearchiv lagerte und in der seit der Ausscheidung des Korporationswalds die ältesten Dokumente aufbewahrt wurden. 

«Geschichte aus der Kiste»

Die Ausstellung «Geschichte aus der Kiste» verspricht eine spannende Zeitreise in die Vergangenheit und in die Zukunft der Holzkorporation. Am übernächsten Samstag wird im Rahmen des Frühlingsfests im Ortsmuseum Vernissage gefeiert – mitsamt einer Lesewerkstatt, einem Memory der besonderen Art und der Möglichkeit, eigene Zukunftsvisionen des Altstetter Walds zu zeichnen.

Samstag, 7. April, 11–16 Uhr, Ortsmuseum Altstetten, Dachslernstrasse 20. Öffnungszeiten: jeder 1. Samstag/Monat 14–16 Uhr, jeder 3. Dienstag/Monat 19–21 Uhr. www.altstetterwald.ch



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