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11.04.2018 Von: Lorenz Steinmann

Zürich 2, Züriberg

Andreas Thiel, geächteter Satiriker


Andreas Thiel: «Man sagt, ich sei zu bissig.» Dabei könne das Bissige schnell in Häme umschlagen, man stichelt, man sticht zu. Foto: Alfonso Smith

Der Satiriker und Kolumnist Andreas Thiel ist seit seinen Äusserungen über den Koran bei den meisten Kulturschaffenden persona non grata. Am Turmgespräch im St. Peter analysiert er die Reformierten so, dass sie alles aus den Kirchen räumten und damit auch den Glauben.

Die charakteristische Frisur hängt schlaff zur Seite. Die Rede ist von Andreas Thiels Markenzeichen, dem normalerweise steil aufstehenden «Irokesenschnitt» in den Regenbogenfarben. Sie stammt aus der Hochblüte des 47-jährigen Solothurners, als er gefeierter und oft gebuchter Satiriker war. Doch seit seiner kritischen, ja schon fast vernichtenden Analyse über Mohammed und den Koran in der «Weltwoche» ist er unten durch. Bei den meisten Kulturschaffenden, aber auch beim Publikum. Dazu beigetragen hat noch ein Interview mit Roger Schawinski, als er auch gegen «Papierli-Juden» nachtrat. Dabei lebte der Satiriker und Kolumnist Andreas Thiel im Prinzip nur das, wofür Satiriker eigentlich gelobt und geliebt werden, die kritische, unabhängige Meinung. Doch genug schien genug.

Preise scheinen vergessen
Seit Thiels Ausflug in die Religionskritik – also seit rund fünf Jahren – möchte fast niemand aus dem «Kulturkuchen» mehr etwas mit ihm zu tun haben. Da nützen Thiel all die hochkarätigen Preise wie der «Salzburger Stier», der «Prix Walo» und der «Deutsche Kabarettpreis» wenig. Gebucht wird Thiel praktisch nirgends mehr. Es bleibt ihm die wöchentliche Kolumne in der Weltwoche und ein – selbstverständlich ohne staatliche Fördergelder – aufgegleistes Filmprojekt.
So war es durchaus mutig, Andreas Thiel zum Turmgespräch einzuladen. Gehört es nicht zu den Grundprinzipien des Christentums, Ausgestossene aufzunehmen? Das heutige Turmgesprächsthema, «Die Seele der Satire», und der Gast passten. Für Thiel steht fest: «Die Satire soll beseelt, also geistreich sein.» Er ist überzeugt, dass er die Realität poetisch betrachte. «Provokation ja, aber nur wenn ich dahinterstehen kann», so Thiel. Der Tabubruch sei Teil der Satire, zitierte Thiel Kurt Tucholsky. Der viel kritisierte «Weltwoche»-Artikel hat tief provoziert und ein Tabu gebrochen. Andreas Thiel erklärt, dass der Artikel über den Koran ursprünglich nicht für die «Weltwoche» vorgesehen war, der (nicht genannte) Auftraggeber aber einen Rückzug machte, als er das Resultat sah. «Nach einem Jahr Abklärungen sagten alle angefragten Islamisten, der Text treffe das Problem auf den Punkt.» Nach weiteren Prüfungen durch Anwälte und «die Kripo», so Thiel, erfolgte die verhängnisvolle Veröffentlichung mit tiefen Folgen für Thiel und sein Umfeld. Typisch: In einem Telezüri-Porträt von letzter Woche sagte Thiel, Frau und Kind könnten nicht vor der Kamera auftreten, weil es sonst noch mehr Drohungen und Anfeindungen gebe.

Thiel fordert mehr Gelassenheit
Thiel: «Nichts ist grausamer als die Realität, aber auch nichts ist lustiger.» Für Thiel ist der Buddhismus Vorbild: «Man muss doch nicht alles so ernst nehmen.» Das tönt fast als Appell an die Öffentlichkeit, denn «man sagt, ich sei zu bissig». Dabei könne das Bissige schnell in Häme umschlagen, man stichelt, man sticht zu. Freilich scheint es, dass Thiel das vor allem auf die anderen projiziert. So macht er zeitweilig den Eindruck eines trotzigen Schuljungen, der sich im Philosophieren übt. Andererseits ist sein ideales Fach der «Hofnarr», wie es David Guggenbühl, der Co-
Organisator der Gesprächsreihe, nannte, um der übersteigerten «political correctness» entgegenzutreten. Denn «Tabubrüche» können durchaus Wirkung haben. Beispiele wie die Verdingkinder-Tragödie, die Harvey-Weinstein-Affäre oder auch die Verhaftung von Pierin Vincenz. Es brauchte immer Beharrlichkeit und Tabubrüche bei der Benennung von Problemen. Der Tanz auf der Rasierklinge scheint heikel, wenn sich Tabubrecher als Märtyrer sehen.

Glaube an Gott ging verloren
Auf die Frage, wie es denn um die Protestanten stünde, meint Andreas Thiel: «Beim Protestantismus ist vieles ‹vercheibet›. In 500 Jahren ist das Wichtigste verloren gegangen: der Glaube an Gott.» Und die Lösung? Seit die Reformierten die weltliche Macht der Katholiken zerschlagen hätten, sei die Kirche grau, trostlos und inhaltsleer. «Das Oktoberfest ist rausgeflogen.»Thiel findet, dass die Reformierten mit dem Ausräumen der Kirchen auch den Glauben mit einbezogen haben. Für den diplomierten Schauspieler basiert die westliche Welt seither auf den Einschätzungen des Griechen Aristoteles, «ich glaube nur, was ich sehe». Er selber sei so geprägt worden durch seinen analytisch-protestantischen Vater. «Von ihm habe ich gelernt, die Bibel sehr quellenkritisch zu lesen.» Heute findet Thiel, dass Religion keine Frage der Zugehörigkeit sei. Dass Thiel selber gläubig ist, stellt er nicht in Abrede. «Ein Sonnenuntergang, ein Stück von Chopin, die Berge, das sind doch Gottesbeweise», so der mit 20 Jahren aus der Kirche ausgetretene Zeitgenosse.

Punkto Aufmerksamkeit appelliert Thiel an die Satire als Kommunikationsmittel. «Als Satiriker hast Du mehr Leute», daher müssten die Pfarrer mehr rhetorisches Geschick an den Tag legen. Mehr Satire würde der Kirche also guttun, folgert Thiel.

Die Turmgespräche sind in voller Länge und gekürzt auf der eigens aufgeschalteten Website www.turmgespraeche.ch und in einer Wissensstation im Kirchenschiff St. Peter aufgeschaltet. Das nächste Turmgespräch findet am 20.4. um 18 Uhr statt. Thema: «Die Seele der Arbeit». Gast ist Prof. Toni Wäfler von der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW.



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